2025 hatte ein viel diskutierter Vorstoß zum Thema Kulturförderung die notwendige Zweidrittelmehrheit verfehlt, 2026 geht die GEMA das Thema nun noch einmal an. So steht im Rahmen der vom 5. bis 7. Mai in Berlin anstehenden Mitgliederversammlung der Verwertungsgesellschaft erneut ein Antrag zur Neuausrichtung der Kulturförderung auf der Tagesordnung. Bereits zu Beginn des Jahres warb GEMA-Vorstandsmitglied Georg Oeller für die überarbeitete Version, die die Förderung künftig „breiter“ gestalten soll.
Im Vorfeld der GEMA-Mitgliederversammlung 2026 werden derweil weiter Argumente ausgetauscht; auch MusikWoche will dafür hier und darüber hinaus ein Forum bieten. Zuvor hatte sich bereits Anselm Kreuzer für den Composers Club zu Wort gemeldet, auch der GEMA-Aufsichtsrat trommelte für die Reform, während beim Deutschen Komponistenverband der bisherige Präsident Moritz Eggert die Art der Diskussion zum Anlass nahm, sich nicht erneut zur Wiederwahl zu stellen. Das Leitungsteam der Fachgruppe E-Musik im Deutschen Komponistinnenverband (FEM+) ordnete das Reformvorhaben auf Nachfrage von MusikWoche kritisch ein, während der Verband Pro Musik seinen Mitgliedern bereits empfahl, für das Vorhaben zu stimmen.
Nun bezieht auch Charlotte Seither auf Nachfrage von MusikWoche Position: Die Komponistin gehörte dem Aufsichtsrat der GEMA seit 2016 an und vertrat dort als erste Frau die Interessen dieser Berufsgruppe, zog sich aber Mitte 2025 von ihren Aufgaben dort zurück.
Charlotte Seither:
Die GEMA baut um. Kritischer Kommentar zum Reformvorhaben 2026
Die GEMA legt ihren Mitgliedern zum zweiten Mal einen Antrag zur Neuordnung der Kulturförderung vor. Er reicht weit über das Konzept einer Kulturreform hinaus. Im Kern stimmt die Mitgliederversammlung am 6./7. Mai 2026 über eine kategoriale Neuordnung der Verwertungsgesellschaft ab. Dabei geht es nicht nur um die Aufhebung der Kategorien E / U oder um die Öffnung der Kulturförderung für alle Genres. Zielsetzung ist ein grundlegender Systemwechsel, der von der Verteilung in der Sparte E bis hin zum politischen Umbau der Gremien reicht: Das Inkasso-Prinzip wird zur neuen Grundarchitektur der GEMA, aus der sich neue Hierarchien und neue Machtansprüche ableiten lassen.
Worum geht es? Die Reform ordnet neu, wer über wen bestimmt. Wer viel erwirtschaftet, entscheidet jetzt nicht nur über sich selbst, er entscheidet auch darüber, welche Stellung anderen im Hierarchiesystem der GEMA zukommt. Wer wenig verdient, ist und bleibt dauerhaft machtlos. Wenn das Sparteninkasso also als Argument dafür herhalten muss, ob die E-Musik in der Kommission der Allgemeinen Förderung ein volles oder nur ein halbes Stimmrecht erhält, wenn Zugangshürden zu Wertungsgruppen oder der Ordentlichen Mitgliedschaft für E faktisch nicht mehr erreichbar sind, dann verschiebt sich die politische Macht im Wertungsaufstieg, aber auch mit der Partizipation an den Gremien kontinuierlich weiter in Richtung U. Es sind viele kleine Hebel, die genau dieser Tendenz folgen – in der Summe katapultieren sie die Sparte E aus der faktischen Relevanz. Im Ergebnis führt all dies zur Tatsache, dass Wertungsaufstieg oder politische Macht ohne einen maßgeblich kommerziellen Erfolg nicht mehr zu haben sind. Die Pyramide des Kapitals deckt sich geradezu synchron mit der Pyramide der politischen Macht (Entscheidungsmacht in den Gremien). Anders wurde Einkommen bislang aber eben nur relativ, nie absolut bewertet: Wer bisher als Top-Earner in der Sparte E gewirkt hat, ging dabei stets auch als Top-Earner aus dem Rennen. Wer mittelständisch war, wurde am gleichberechtigten Mittelstand E vermessen. Die Reform aber unterwirft nun auch die Sparte E neuen Maßstäben, nach denen selbst ein Spitzenverdiener – wird er jetzt am Einkommen U vermessen – nur noch als mittelmäßig relevant gelten kann. Dass ein durchschnittlich wertungsrelevantes Tantiemeneinkommen U mit 10.774 Euro gut fünf Mal so hoch ist wie in E (1.685 Euro), wird an vielen Stellen des neuen Systems ausgeblendet. Ein E-Komponist kann sich damit nur noch über eine maßgebliche Kommerzialisierung seines Schaffens retten. Mit fatalen Folgen: Nichts ist kurzlebiger, nichts inflationiert das Schaffen der E-Musik mehr als die vordergründige Orientierung am Markt. Mit der Reform verliert die E-Musik somit nicht nur Einkommen, Wertungsaufstieg und politische Entscheidungsmacht: Sie verliert vor allen Dingen ihre konzeptionelle Unabhängigkeit gegenüber der Vormacht einer Inkasso-Ökonomie.
Drei Prozent – darauf beläuft sich die eiserne Marke der Inkasso-Referenz, die die Sparte CCL in die GEMA einbringt. Aus dem Sparteninkasso ermittelt sich aber nicht nur die Mittelzuweisung zu CCL. Es wird zum Maßstab auch der politischen Teilhabe: Wer so wenig erwirtschaftet, erhält in der Kommission der Allgemeinen Förderung nur ein eingeschränktes Stimmrecht. E kann hier also nur noch über sich selbst entscheiden, während U nicht nur über sich, sondern immer auch über E (mit-)bestimmt. Ein solcher Vorgang wirft Fragen auf: Warum entscheiden die Verleger hier sehr wohl mit vollem Stimmrecht auch über unverlegte Werke, zu deren Inkasso sie überhaupt gar nichts beigetragen haben? Warum stimmen Textdichter mit vollem Stimmrecht auch über untextierte Werke ab? Was rechtfertigt nach der Inkasso-Logik eigentlich noch, dass die Textdichter noch immer ein eigenes Kurienrecht haben – mit maßgeblichen Auswirkungen für gerade die Mehrheit der GEMA-Autor:innen?
Alles in allem legt die Reform den Schluss nahe, dass die Entmachtung der E-Musik – innenpolitisch wie auch ökonomisch – als das geheime Unterskript der GEMA-Reform verstanden werden kann. Es geht also nur bedingt darum, E und U aneinander anzunähern, genauso wenig, wie dies für die Öffnung der Kulturförderung für alle Genres der Fall ist. Da lohnt der Blick, wo sich die GEMA selbst in zehn Jahren sehen möchte: als closed shop einer überschaubaren Gruppe junger Erfolgreicher, die kommen und gehen, die eins zu eins auf den Markt reagieren und mit dem Rest der Solidargemeinschaft möglichst wenig zu tun haben wollen. Der Markt hat den Vortritt im Gefüge des Ganzen. Damit liefert er die Kriterien, aus der weitere Hierarchielogiken hervor gehen. Die politische Macht in der GEMA konzentriert sich mit der Reform also auf immer weniger, immer mächtiger Werdende.
Die Reform erwirkt für die Sparte E nicht nur wirtschaftliche Verluste. Sie greift ein in Aufstiegsmodelle, Nachhaltigkeitsmuster, Machtprofile und gremienpolitische Entscheidungsbefugnisse. Die Macht, die sich der Aufsichtsrat mit der Systemwende am OP-Tisch der Kulturförderung erobert, wird dann nicht mehr zurückzuholen sein. Die GEMA weiß sehr genau, wer in Zukunft noch mitspielen darf und wer nicht. Man möchte fast meinen, dass ausgerechnet die Kulturförderung damit einen grundlegenden neuen Sinn erhält: Sie wird zum strategischen Tool.








