Recorded & Publishing

Exklusiv-Interview mit PIAS-Gründer Kenny Gates

seines deutschen Vertriebs Connected ließ er zuletzt aufhorchen. Im Exklusiv-Interview erklärt Kenny Gates als einer der beiden Gründer und Presidents von PIAS, warum das nicht unbedingt als defensiver Schritt zu verstehen war.

musikwoche.de: In der PIAS-Pressemitteilung zur Schließung von Connected hielten Sie sich mit deutlichen Worten zur Marktlage nicht zurück. Was genau stimmt nicht mit dem deutschen Markt?

Kenny Gates: Zusammen mit Michel Lambot gründete ich PIAS vor ziemlich genau 20 Jahren. Und seit 1993 musste ich mich mehr und mehr auch mit den internationalen Aktivitäten unserer Firma auseinandersetzen. Was ich in den letzten 18 Monaten in Deutschland gehört und gesehen habe, trägt alle Anzeichen einer klaren Rezession. Sogar eine doppelte Rezession: eine gesamtwirtschaftliche und eine musikwirtschaftliche. In den letzten drei Jahren sind zwischen 29 und 32 Prozent des einst zweitgrößten europäischen Markts verschwunden. Einfach so. Das ist, als wenn eine Firma wie Universal auf einmal weg wäre.

mw: Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Gates: Die Leute kaufen zu wenig CDs. Die Leute brennen zuviel. Die Leute laden zuviel aus dem Netz. Und die Leute haben das Interesse an Musik verloren. Vielleicht liegt es daran, dass zuwenig interessante Musik erscheint – wer weiß? Sicher ist nur: Die Jugend glaubt, dass es so ist. Und sie glaubt, dass CDs zu teuer sind und dass Musik umsonst sein sollte. Das ist die Propaganda, mit der wir kämpfen.

mw: Und da heißt es immer, es seien gerade die Indies, die von der Marktflaute profitieren…

Gates: Wir haben es in Deutschland doch mit einem Markt zu tun, in dem sich mindestens 15 verschiedene Independent-Vertriebe tummeln. In Frankreich – einem vergleichbar großen Markt – gibt es nur drei solcher Firmen. Es dürfte auch kein Geheimnis sein, dass in den letzten drei Jahren nur zwei oder drei der deutschen Indie-Vertriebe Geld verdient haben. Es gibt also zu viele Firmen in einem schrumpfenden Markt. Anstatt rumzujammern, entschieden wir uns zu handeln.

mw: Zum Ende von Connected gab es also keine Alternative?

Zur Person und zur Firma

Der Belgier Kenny Gates, Jahrgang 1963, lebt mit Frau und drei Kindern in Brüssel – der Stadt, von der aus er zusammen mit seinem Partner Michel Lambot 1983 die Firma Play It Again Sam (PIAS) gründete. Keimzelle des Labels war ein Plattenladen, in dem sich der Wirtschaftswissenschaftler und Lambot um trendige Importware kümmerten. 1986 folgte die Gründung der Verlagstochter Strictly Confidential (früher Les Editions Confidentielles), 1990 die Expansion ins Ausland. Als respektiertes Independentlabel ließen sich Gates und Lambot in den Niederlanden, Großbritannien (1993) und Frankreich (1994) nieder. Seit 1995 sitzt PIAS in Hamburg. Zwischen Juli 1999 und Februar 2002 war PIAS Teil der edel music AG. Seit dem Buy-out agiert die Firma wieder als eigenständiges Unternehmen.

Gates: Doch, aber die scheiterte schon früh. Wir führten rechtzeitig Gespräche mit anderen Indie-Vertrieben über ein Joint Venture. Es macht ja schließlich keinen Sinn, sich noch länger um Anteile eines Marktes zu streiten, der sich rückläufig entwickelt. Mir schwebte ein gemeinsamer Vertrieb vor. Aber die potenziellen Partner sahen das anders. Wirtschaftlich macht das Sinn, praktisch ist das dann doch eher schwer umsetzbar. Oft geht das zu Lasten einzelner Unternehmenskulturen.

mw: Nun ist PIAS wieder in einer Partnerschaft mit Zomba, einer Firma, die Sie sehr schätzen. Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass der Zomba-Vertrieb nicht eines Tages Teil der BMG-Strukturen und damit alles andere als „independent“ ist?

Gates: Sicherheiten gibt Ihnen in diesem Geschäft heute niemand mehr. Was ist in der aktuellen Marktlage denn bitte kein Risiko? Ich habe mich lange mit BMG unterhalten, und mir wurde gesagt, dass der Zomba-Vertrieb auch unter BMG-Flagge erhalten bleibt. Ich glaube daran. Allein schon deshalb, weil es selbst für eine Firma wie BMG schwer sein dürfte, rund 40 Label-Deals loszuwerden. Natürlich könnte BMG den Vertrieb einfach verkaufen. Aber das halte ich für unrealistisch. Schließlich macht unser PIAS-Repertoire Zomba noch stärker. Deshalb war der Deal auch sehr schnell für beide Seiten klar. Statt uns weiter mit Zomba um einzelne Labels zu streiten, taten wir uns lieber zusammen.

mw: Läuft das PIAS-Repertoire bei insgesamt 40 Konkurrenten im Zomba-Vertrieb nicht Gefahr unterzugehen?

Gates: Falls dies der Fall sein sollte, erlaubt uns der Deal mit Zomba mittelfristig, einen Key Account für Vertriebsaufgaben einzustellen. Der wird sicherstellen, dass wir eine eigene Identität innerhalb von Zomba wahren können und direkten Kontakt zu unseren Kunden im Handel haben werden. Eine derartige Konstruktion gibt es im deutschen Markt bisher noch nicht.

mw: Und wie sieht PIAS künftig in Deutschland aus?

Gates: Wir arbeiten derzeit mit sechs Leuten. Jürgen Sauer leitet das Büro in Hamburg, ein siebter Mitarbeiter wird der besagte Key Account sein. Die Verwaltung sitzt in Brüssel.

mw: Und mit welcher Musik ist aus dem Hause PIAS zu rechnen?

Gates: Es kommen viel versprechende Neuheiten von Laurent Garnier, Mobb Deep, MC Lyte, Jimi Tenor, Maximilian Hecker und Soulwax sowie ein Album vom Smiths-Gitarristen Johnny Marr und die erstklassige Bungalow-Compilation „Manos Arriba“. Außerdem arbeiten wir weiter konzentriert an Sigur Rós.