musikwoche.de: Eine amerikanische Tageszeitung hat Sie zum Thema Arista mit der Aussage zitiert: „Ich habe mich auf dem langweiligen Job eines Plattenfirmen-Managers zur Ruhe gesetzt.“ Langweilen Sie sich?
Antonio L.A. Reid: Ich weiß nicht, ob das Zitat wirklich von mir stammt. Falls ich sowas gesagt habe, dann war es ein Scherz. Mein Job ist natürlich ganz und gar nicht langweilig. Ich liebe ihn mit Leidenschaft.
mw: Clive Davis, der Gründer von Arista und Ihr Vorgänger, ist mit seinem Label J Records wieder in den Schoß der Bertelsmann-Familie zurückgekehrt. Wie finden Sie das?
Reid: Für mich hat sich dadurch nichts verändert. Jeder Tag bringt eine neue Herausforderung, wenn es darum geht, den richtigen Künstler zu erkennen, das richtige Songmaterial für ihn auszuwählen, seine Öffentlichkeitswirkung zu lenken. Und das alles macht mir immer noch genauso viel Spaß wie vor zwei Jahren.
mw: Wie war Ihre erste Reaktion, als man Sie vor zwei Jahren fragte, ob Sie Arista übernehmen wollten? Fanden Sie das spannend? Oder waren Sie skeptisch?
Reid: Es war eine Chance, wie man sie nur einmal im Leben bekommt. Das Angebot hat mir viel bedeutet, denn es war das schönste Kompliment, das man mir machen konnte, weil Arista seit vielen Jahren eine höchst anerkannte und erfolgreiche Plattenfirma ist. Dass ich diese Company leiten sollte, war für mich das Nonplusultra.
mw: Bereuen Sie, dass Sie nicht mehr selbst kreativ sein können, indem Sie zum Beispiel mit Ihrem früheren Partner Babyface im Studio produzieren?
Reid: Meine künstlerische Karriere als Songwriter und Produzent hatte schon immer viel mit dem zu tun, was ich jetzt mache. Es ging immer auch darum, Entscheidungen zu treffen, Künstler auszuwählen, zwischen verschiedenen kreativen und geschäftlichen Alternativen zu wählen. So viel hat sich also nicht verändert, und ich vermisse deshalb nichts.
mw: Arbeiten Sie gern im Team?
Reid: Niemand ist eine One-Man-Show, jeder muss sich mit Leuten umgeben, die ihn mit ihren Talenten und Fähigkeiten ergänzen. Man kann nicht alles selbst machen. Wenn ich bei Arista Erfolg habe, dann liegt das vor allem daran, dass ich wirklich gute, talentierte Mitarbeiter habe. Schließlich ist das ein People-Business. Und der Schlüssel zum Erfolg in diesem Business liegt darin, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben.
mw: Sie waren früher Schlagzeuger – also jemand, der im Hintergrund mit seinem Rhythmus alles zusammenhält und das Tempo vorgibt. Könnte man Ihre Arbeit bei Arista auch so umschreiben?
Reid: Ja, unbedingt. Ich gebe das Tempo vor und den Takt und versuche, die Dinge zusammenzuhalten. Ein Schlagzeuger ist so etwas wie der Manager einer Bühnenproduktion, und in vielerlei Hinsicht ist meine jetzige Rolle genau die gleiche: Manager einer Bühnenproduktion. Ich ziehe es vor, im Hintergrund zu bleiben und hervorragende Frontleute zu unterstützen. In diesem Fall sind das meinetwegen Pink oder Avril Lavigne oder Carlos Santana oder Usher. Ja, ich liebe diese Rolle, der Vergleich mit einem Schlagzeuger trifft es haargenau.
mw: Kommen Sie noch dazu, echtes Schlagzeug zu spielen?
Reid: Hin und wieder. Aber nur zum Spaß.
mw: Machen Sie jetzt Musik nur noch in der Freizeit?
Reid: Nicht oft. Um zu entspannen, verbringe ich lieber Zeit mit meiner Familie. Ich achte bei der Arbeit nicht darauf, dass ich zum Entspannen oder Ausruhen komme, aber die Familie bedeutet mir sehr viel. Und ich brauche keine Entspannung als Selbstzweck. Denn schließlich bewegen wir uns in einer Branche, die vor vielen Herausforderungen steht und in der es viel zu tun gibt. Je mehr Zeit ich darauf verwende, die Bedingungen in dieser Branche zu verbessern, umso besser für alle Beteiligten.
mw: Finden Sie nicht auch, dass diese Branche ein bisschen aus dem Takt geraten ist, seitdem es das Internet gibt?
Reid: Das ist ein globales Problem – und in der Tat eine Bedrohung für die gesamte Branche. Aber ich denke, wir sind nicht nur wegen der Piraterie aus dem Tritt geraten. Natürlich stellt sie uns vor große Probleme, die wir lösen müssen. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sich diese Probleme von Leuten in den Plattenfirmen lösen lassen. Denn unsere Aufgabe ist es, Talente zu entdecken, sie zu fördern, Promotion und Marketing für sie zu machen, ihre Musik zu verkaufen. Und wahrscheinlich arbeiten irgendwo anders, vielleicht in Harvard, schon ein paar Kids an einem neuen Businessmodell, das die Musikindustrie schützen und retten wird.
mw: Aber warum ist die Branche aus dem Takt geraten?
Reid: Ein Grund liegt meiner Meinung nach in der Qualität der Musik. Denn wenn etwas wirklich gut ist, kaufen es die Leute nach wie vor. Sie kaufen immer noch Platten von Pink oder Avril Lavigne oder von anderen Künstlern wie Eminem oder Nelly, die nicht bei Arista sind und immer noch riesige Stückzahlen verkaufen. Vielleicht sind es nicht mehr so viele wie früher, als Michael Jackson 40 Millionen Alben verkauft hat oder Whitney Houston 25 Millionen oder Carlos Santana von „Supernatural“ 20 Millionen. Aber wenn eine Platte wirklich gut ist, dann wollen die Leute sie auch weiterhin besitzen. Deshalb hat das Wohlergehen der Branche mehr mit der Qualität der Musik zu tun als mit Businessmodellen.
mw: Müsste man sich dann nicht mit der Entwicklung der Künstler mehr Zeit lassen, anstatt sie gleich nach dem ersten Album, falls das kein Erfolg ist, wieder fallen u lassen?
Reid: Natürlich. Es gab zwar schon immer Wegwerfkünstler, Wegwerfplatten und Wegwerfhits, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Aber wir müssen auf eine Balance hinarbeiten, auf bessere Qualität bei der Musik. Wir brauchen ernstzunehmende Superstars, die den Käufer mehrere Alben lang auf seinem Lebensweg begleiten. Wir brauchen mehr Künstler, die sich 20 Jahre lang verkaufen, und nicht bloß solche mit einer Verfallszeit von 20 Monaten.
Zur Person
Antonio L.A. Reid, President & CEO Arista Records, President Hitco Music Publishing
Geboren 1956 in Cincinnati, verheiratet mit Erica Reid, vier Kinder
Der kleine Antonio wuchs zusammen mit drei Geschwistern ohne Vater bei seiner Mutter Emma Reid auf. Bereits in der High School saß er in verschiedenen Bands am Schlagzeug. Mit der Gruppe The Deele, in der sein späterer, langjähriger Partner Kenneth „Babyface“ Edmonds Gitarre spielte, hatte Reid 1983 den ersten Hit, „Body Talk“, der in der ersten Folge der TV-Serie „Miami Vice“ lief. Babyface und L.A. schrieben in den folgenden Jahren als Erfolgsteam für viele Künstler die Hits und produzierten deren Platten – von Shalamar und The Whispers über Paula Abdul, Jermaine Jackson und Boyz II Men bis hin zu Bobby Brown, Whitney Houston und Sheena Easton. 1989 gründete das Duo die gemeinsame Firma LaFace Records als Joint-Venture mit Arista; diese entwickelte sich in den folgenden Jahren mit Produktionen von Toni Braxton, TLC und Usher zur Hitfabrik und verkaufte weltweit über 50 Millionen Alben. Als sich BMG im Juli 2000 von Arista-Chef Clive Davis trennte, wurde Reid zu dessen Nachfolger berufen, und Arista übernahm die zweiten 50 Prozent von LaFace Records. Seitdem hat L.A. Reid auch bei Arista sein Händchen für Hits unter Beweis gestellt – mit Künstlern wie Outkast, Pink und Avril Lavigne. Für 2003 setzt er große Hoffnungen auf Newcomer wie Blu Cantrell, The Clipse und Pacifier. Reid ist nebenbei noch Eigentümer und President des Musikverlags Hitco Music Publishing, der unter anderem Songs von Whitney Houston administriert und nicht zum Bertelsmann-Konzern gehört. Außerdem betreibt er in Atlanta, Georgia, zusammen mit Sean „Puff Daddy/P. Diddy“ Combs ein Restaurant namens „Justin’s“.
mw: Wie wollen Sie denn wissen, ob zum Beispiel Pink das Zeug hat, die nächsten 20 Jahre zu überdauern? Bleibt das nicht dem Zufall überlassen?
Reid: Ich nehme an, genau das ist mein Talent, wofür ich auch bezahlt werde – nämlich diejenigen Themen zu entdecken, die länger halten. Allerdings entdecke ich auch Wegwerfthemen, die heute ein Hit und morgen schon wieder vergessen sind – aber ich muss wenigstens den Unterschied zwischen beiden erkennen. Ich weiß nicht, ob ich das tatsächlich immer kann, aber man erwartet es von mir.
mw: Jedenfalls haben Sie in den vergangenen 20 Jahren genug Belege geliefert, dass Sie das können. Fragen Sie sich ab und zu, woher diese Fähigkeit kommt?
Reid: Ich mache mir keinen Kopf über das Warum. Ich denke, ich bin halt ein typischer Konsument, der auf Sachen reagiert, die ihm wirklich gefallen. Ich hasse es, allzu simpel zu klingen – aber es ist wirklich so einfach. Ich reagiere auf das, was mir gefällt.
mw: Haben Sie im vergangenen Jahr eine Platte gehört, bei der Sie reagierten und sich sagten: „Diesen Künstler hätte ich auch gern unter Vertrag genommen?“
Reid: Ja. Kürzlich habe ich „Come Away With Me“ von Norah Jones gekauft – ich wünschte, ich hätte sie unter Vertrag genommen. Ich liebe dieses Album, die Qualität der Musik, die Interpretation, alles. Ich bin wirklich froh, dass es eine Künstlerin mit solchen Qualitäten geschafft hat, und ich denke, sie hat eine lange Karriere vor sich. Schade, dass ich sie nicht früher kennengelernt habe.
mw: Vor zwei Jahren gab es Turbulenzen, als der Bertelsmann-Konzern Clive Davis nahelegte, sich aufs Altenteil zu begeben. Und 2001 war nicht gerade das beste Jahr fürs Business. Geht es mit Arista jetzt wieder aufwärts?
Reid: Als Label war Arista zwar von diesen Veränderungen betroffen. Aber die Nachrichten darüber überschatteten den Erfolg, den wir hatten. Wir starteten 2001 immerhin mit Outkast und Dido, die beide zusammen in einem Jahr 18 Millionen Alben verkauft haben. Man fokussierte sich in den Medien aber so sehr darauf, dass Herr Davis ging und ich in die Company kam, sowie auf die anderen Veränderungen im Konzern, dass die hervorragenden Verkaufszahlen dem Radar der Öffentlichkeit entgingen. Tatsache ist, dass wir auf der Künstlerseite absolut im Plan liegen, obwohl damals anscheinend keiner überhaupt richtig mitgekriegt hat, dass alles schon längst bestens lief. Jetzt läuft es übrigens noch besser, und das wird sich in den nächsten Jahren sogar steigern. Ich bin stolz auf Arista und stolz darauf, dass wir von Anfang an Erfolg hatten, aber fast scheint es mir, als hätte das außer uns niemand so richtig bemerkt.
mw: Bertelsmann ist ein deutscher Konzern. Wie empfinden Sie die Unternehmenskultur?
Reid: Bertelsmann hat es im globalen Maßstab ganz nach vorn gebracht, und ich bin überzeugt, dass sich diese Erfolgsgeschichte fortsetzt, so lange wir uns auf unser Kerngeschäft fokussieren. Wir bekommen nur dann Probleme, wenn wir uns auf Businessmodelle konzentrieren statt auf kreative Inhalte. Es geht in allererster Linie um Musik, Künstler, Lifestyle. Und der Beitrag von Arista zu BMG und Bertelsmann besteht darin, die kreative Seite stets voranzutreiben.
mw: Skeptiker meinen, die Majors sollten die kreative Seite des Business lieber den Independents überlassen. Finden Sie das auch?
Reid: Ganz und gar nicht. Ich könnte meine A&R-Arbeit nie im Stich lassen. Das ist meine Lebensgeschichte und die Begründung für alles, was ich tue. Ohne kreative Arbeit hätte mein Leben keine Qualität, und ich wäre längst nicht so glücklich, wie ich bin. Ich werde immer A&R-Arbeit leisten.






