MusikWoche: Was hat Claudia Roth als Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM) bislang gut gemacht, was könnte sie besser machen?
Erhard Grundl: Das zu bewerten ist Aufgabe der Opposition, der Kulturverbände und natürlich auch der Öffentlichkeit. Wir arbeiten daran, eine neue, zukunftsfähige Kulturpolitik auf den Weg zu bringen. Und das unter den Bedingungen der Superkrisen. Es ist verständlich, dass hohe Erwartungen an Claudia Roth gerichtet sind. Gerade in der popkulturellen Musikförderung war die bisherige Kulturpolitik des Bundes nicht gut aufgestellt; hatte vor allem für die kleineren Festivals, die es auf dem Land gibt, nichts zu bieten. Kultur aber in ihrer Vielfalt in den Blick zu nehmen, zu fördern und als gesamtstaatlich bedeutend anzuerkennen, das ist ein Paradigmenwechsel, den Claudia Roth mit der Unterstützung der Ampelfraktionen eingeleitet hat.
MusikWoche: Aus den Reihen der kulturpolitischen Akteure in der Bundespolitik ist zu hören, man wünsche sich einen proaktiven und überfraktionellen Dialog seitens der Grünen sowie mit der BKM. Bedarf es einer Verbesserung der Kommunikation mit den Vertreter:innen der anderen Parteien in Bezug auf anstehende Entscheidungen oder Vorhaben?
Erhard Grundl: Verbessern kann man sich immer. Das steht außer Frage. Die Frage ist doch, ob aktuelle Kommunikationsstrukturen ein Arbeiten auf Augenhöhe verhindert. Das sehe ich nicht. Alle, Claudia Roth, BKM-Mitarbeiter:innen und die Kollegen:innen der Ampelfraktionen arbeiten intensivst daran, die im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen umzusetzen. Und ja, manchmal geht das nach der eigenen Wahrnehmung schneller oder auch mal zu langsam. Das kann ich verstehen. Aber wir haben auf allen Ebenen regelmäßige Austausche außerhalb der Bubble. Sicher sein dürfen sich alle, dass kein Ziel aus den Augen verloren geht.
MusikWoche: Zu Projekten oder Programmen wie einer Plattform der Potentiale: Green Culture, eines Festival-Förder-Fonds oder eines Kulturpasses gibt es derzeit noch keine Informationen hinsichtlich deren Umsetzung. Wann ist damit zu rechnen, dass diese Maßnahmen konkretisiert und für Interessierte zugänglich gemacht werden?
Erhard Grundl: Große Programme sind nicht einfach aus den Ärmel zu schütteln. So gerne ich aufs Tempo drücke, müssen wir ordentlich mit Steuergeldern umgehen. Daher bedarf es der genauen Ausgestaltung von Programmen und Maßnahmen, die oftmals im BKM in Abstimmung mit vielen anderen Stellen liegt. Die Fachpolitiker:innen sehen da sicher manchmal zu schnell den Erfolg, den wir kommunizieren wollen: Festival-Förder-Fonds hier, Green Culture da, Kulturfonds Energie und der Kulturpass. Das aber muss bis ins Kleinste durchdacht werden. Ich bin daher dankbar, dass das BKM dies mit aller Sorgfalt und fähigen Mitarbeiter:innen macht. Da hier nach Konkretisierung gefragt wird: Die Ausgestaltung des Kulturfonds Energie liegt auf dem Tisch und wurde veröffentlicht, die Mittel sind vom Haushaltsausschuss freigegeben; die Green-Culture-Anlaufstelle ist im Aufbau; der Festival-Förder-Fonds ist ein zentraler Baustein der Kulturpolitik der Ampel und wird aktuell konzeptionell im BKM ausgestaltet; der Kulturpass soll allen Jugendlichen, die 2023 18 Jahre alt wurden, ab Juni 2023 zur Verfügung stehen. Mit im Angebot sollen dann Angebote von Plattenläden, Musikalienhandlungen und Musik-Liveveranstaltungen sein.
MusikWoche: Im September 2020 schlugen Sie einen Preis für Schallplattenläden vor. Hat diese Idee noch Bestand, zum Beispiel im Rahmen der Echo-Nachfolge-Veranstaltung der Akademie für Populäre Musik?
Erhard Grundl: Der Preis für Plattenläden ist bereits beschlossen. Er wird kommen. Ich wünsche mir ein Verfahren, wo Musikfans ihren Lieblingsplattenladen für den Preis vorschlagen können. Bestenfalls mit einer Erklärung, warum es für sie ein herausragender Kulturort ist. Ziel des Preises ist es, diese besonderen Kulturorte zu erhalten und finanziell durch die Preisgelder zu unterstützen. Eine Auszeichnung als hervorzuhebenden Kulturort schafft Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die wichtige Arbeit. Wir wollen sie in den Mittelpunkt rücken. Es gibt doch wirklich nichts Langweiligeres, als seine Platten online beim großen Konzern zu bestellen.
MusikWoche: Die Musikbranche hat sich seit Ihrer Zeit in der Branche stark verändert. Welche Meinung haben Sie nun als Musikfan über die Rolle und Bedeutung von Musikfirmen?
Erhard Grundl: Musikfirmen beziehungsweise Labels haben nach wie vor eine wichtige Bedeutung, wenn es darum geht, Künstler:innen langfristig am Markt zu etablieren. Manche Labels sind als Trademarks von Qualität, besonders wenn man neue Künstler:innen entdecken möchte, nach wie vor unverzichtbar. Ich denke da für mich etwa an Loma Vista, Tapete oder Bella Union Records. Aber durch die fortschreitende Digitalisierung ist es für Acts natürlich deutlich leichter geworden, ein größeres Publikum zu erreichen, auch wenn der Label-Boss den Daumen senkt und konstatiert: „Sorry, nicht hip genug.“ Oder „Ich würde es an eurer Stelle mal mit deutschen Texten probieren.“ Dickköpfigkeit hat heute mehr Aussicht darauf durchzukommen – und das finde ich als Musikfan sehr gut.
Interview: Manfred Tari
Welche Wünsche und Hoffnungen Branchenvertreter:innen der Kulturstaatsministerin Claudia Roth ins Zwischenzeugnis schrieben, lesen Sie hier.







