Recorded & Publishing

colamarie und picture planet über die Clip-Branche

Trotz sinkender Umsätze bei der Tonträgerindustrie sehen colamarie und picture planet, die nun gemeinsam auftreten, gute Chancen für das Musikvideo, auch wenn die Budget-Entwicklung weiter nach unten gehen wird.

musikwoche.de: Wie kam es zu dem Zusammengehen?

Jochen Hagelskamp: Freundschaftliche Bande zwischen beiden Firmen hat es schon immer gegeben – allein deshalb, weil Florian Seidel bei picture planet angefangen hat, Werbeclips zu drehen.“

Georg Reiser: Wir hatten schon immer ein sehr breites Angebot, haben auch Spielfilme produziert, aber in den letzen Jahren verstärkt Werbung gemacht. Parallel dazu hatten wir schon immer eine Abteilung für Musikvideos, bei der wir auch Kontakt zu colamarie gehalten haben und oft mit den gleichen Regisseuren gearbeitet haben.

mw: Gibt es weitere Motivationen für die Fusion?

Reiser: Die Gründe für das Zusammengehen sind nicht zuletzt wirtschaftlicher Natur. Denn der Markt entwickelt sich schwach. Die Industrie gibt weniger Videos in Auftrag, die Budgets gehen runter und der Konkurrenzkampf wird schärfer. Und warum sollten wir uns gegenseitig ausbooten? Deswegen werfen wir unsere Ressourcen zusammen und können dadurch Geld sparen.

mw: Was bedeutet das?

Reiser: Statt zwei Münchner Produktionsstandorten gibt es jetzt nur noch einen und auch beim Organisationsstab sowie der Administration können wir Einsparungen vornehmen. Wir werden gut zusammenwachsen und wollen uns gegenseitig ergänzen, wenn wir künftig das Musikvideo-Feld stärker bearbeiten. Das Zusammengehen hat auch mit den Marken zu tun: picture planet kennt man eher im Filmbereich, colamarie ist bei Musik-Clips sehr stark.

mw: Wie sieht die Struktur der beiden Unternehmen künftig aus?

Hagelskamp: Beide Firmen behalten ihre rechtliche Eigenständigkeit als GmbH und auch die Namen ändern sich nicht. Denn die Aufteilung der Aufgabenfelder bewirkt, dass sich beide ergänzen. picture planet und colamarie sind eins, wobei colamarie den Bereich Musikvideos betreut.

Reiser: colamarie wird mehr als nur der Erbe unserer einstigen picture planet Musikdivision. Jetzt greift alles ineinander und man kann sich absprechen.

Hagelskamp: Der Zusammenschluss soll die Schnittmenge beider Firmen im Werbefilm und Musikvideobereich bündeln. Die Hauptadresse wird München, mein Büro in Berlin soll als Ansprechpartner für die dortige Industrie fungieren.

Reiser: Durch den Zusammenschluss sind durch picture planet zwei Produzenten hinzugekommen, und das Regieportfolio hat sich stark erweitert.

mw: Kann eine Clip-Firma allein mit Musikvideos überleben?

Reiser: Als Clip-Firma allein hätte picture planet nicht überleben können. In den meisten Fällen läuft es so wie bei uns auf eine Mischkalkulation hinaus. Um wirtschaftlich weiterzukommen, muss man sich über andere Geschäftszweige absichern. Das ist jedoch auch ein Zeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt. Denn dadurch bleiben die Clipfirmen nur eine Spielwiese oder ein Sprungbrett für Nachwuchsregisseure.

Hagelskamp: Dies ist jedoch ein Phänomen des deutschen Marktes. Denn in Amerika und England gibt es viele Firmen, die ausschließlich Clips produzieren.

mw: Werden die Budgets für Clips infolge der rückläufigen Entwicklung auf dem Tonträgermarkt weiter sinken?

Hagelskamp: Kleine Budgets hat es schon immer gegeben, und mit denen haben wir auch gearbeitet. Eine Konsequenz der Einsparungen ist, dass wir jetzt auch auf Alternativen wie zum Beispiel auf Video als Filmmaterial ausweichen müssen. Das ist jedoch auch eine ästhetische und nicht rein wirtschaftliche Entscheidung.

mw: Ist das eine allgemeine Branchenentwicklung?

Hagelskamp: Wir beobachten, dass immer mehr solcher innovativer Videos mit geringen Budgets in den Markt strömen. Der Trend geht weg von den 80.000-Mark-Videos. Gerade für Newcomer wird sich das Budget leider nach unten korrigieren. Noch stärker bedroht sind die mittleren Budgets von 100.000 bis 150.000 Mark, die sich nach unten in Richtung 80.000 Mark korrigieren werden. Nach wie vor wird es aber auch für Bands wie Rammstein Videos für fast eine halbe Million Mark geben. Und die Produktionen von 10.000-Mark-Videos hat es auch schon immer gegeben.

mw: Merken Sie auch Reaktionen auf Seiten der Musikindustrie?

Hagelskamp: Bei den Plattenfirmen stellt sich nun vermehrt das Bewusstsein ein, für welchen Künstler sie ein Video drehen und für welchen nicht. Vor Jahren erhielten auch Acts mit einem Minimum an Potenzial ein Video. Jetzt zählen verstärkt Argumente wie etwa eine hohe DDC-Charts-Platzierung, bevor es im Marketing zu der Entscheidung für einen Clip kommt.

Johann Betz, Produzent bei picture planet: Die Reduzierung der Aufträge liegt an den Erfahrungen der Plattenfirmen in den letzten Jahren. Wenn man nur noch 20 bis 40 Prozent seiner Videos im Musikfernsehen unterbringen kann, sind da Einsparungen unausweichlich.

Hagelskamp: Beim Kampf um die Rotation waren Videoproduktionen oft ein Geldgrab, da Top-Clips aus dem Ausland den Platz für Newcomer-Acts wegnehmen.

mw: Welche Vorschläge haben Sie, um die Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen zu verbessern?

Georg: Dem Produkt tut es nicht immer gut, dass alle Entscheidungen sehr schnell gefällt werden. Zum Beispiel in der Werbung wird wochen- oder monatelang an der Idee gefeilt, bei Clips muss alles binnen weniger Tage fertig sein. Auch der kreative und konzeptionelle Aufwand dafür wird in der Werbeindustrie mit dem Doppelten oder Dreifachen entgolten.

Reiser: Auch dass die Leute, die ein Treatment entwickeln, dafür nicht bezahlt werden, tut der Qualität der Clips langfristig nicht gut.

Hagelskamp: Die Schere zwischen Werbe- und Musik-Clips geht weiter auseinander. Das liegt an einer historisch völlig fehlgeleiteten Entwicklung. Im Gegensatz zur Werbung, wo alle Anfragen über Agenturen kanalisiert werden, richten sich die Plattenfirmen bei den Clips direkt an die Produzenten – und da haben sich immer ein paar kleine Newcomer gefunden, die für wenig Geld einen Auftrag angenommen haben.

mw: Betrifft das auch die Budgets?

Reiser: Auch die vermeintlich klassischen 80.000-Mark-Budgets haben sich auf diese Weise vor etwa fünf Jahren so eingeschliffen. Vernünftig wäre es, ein Konzept aufzustellen, das dann einen bestimmten Preis kostet.

mw: Mit welchen Schritten wollen Sie die Zusammenarbeit mit den Plattenfirmen verbessern?

Hagelskamp: Wir suchen bereits im Vorfeld den Kontakt zu den Produktmanagern bei den Plattenfirmen. Denn wenn zehn Produktionsfirmen im Pitch sind, die möglichst in der nächsten Woche den fertigen Clip abliefern sollen, kommen meistens entsprechende Videos dabei heraus.

Reiser: Die inhaltliche Arbeit in den Plattenfirmen könnte einen Schritt weitergehen. Es würde dem Produkt helfen, wenn man sich dort frühzeitig überlegt, was, für wen und mit wem ein Video entstehen soll. Wir sind gern bereit, schon eher mit ins Boot geholt zu werden. Gerade beim visuellen Image-Aufbau muss die Schnittstelle zwischen den Platten- und den Produktionsfirmen gestärkt werden.

Betz: Meiner Meinung nach wird auf Seiten der Industrie zu wenig überlegt, zu wenig recherchiert und zu unstrukturiert gearbeitet. Dadurch sägen die Plattenfirmen an ihren eigenen Produkten, wenn wir nicht besser und früher miteinander arbeiten.

Reiser: Ich bekomme nur bei knapp der Hälfte aller Aufträge von vornherein Briefings – und das dann meistens in nicht ausreichender Form -, in welche Richtung das Video vom Image her gehen soll. Da liegt dann vielleicht höchstens eine Biographie, ein Foto und das Timing bei. Schön wäre es, bereits im Vorfeld mit dem Künstler Kontakt zu haben.