“Halt’ die Deadline ein, so ist’s fein / Hol’ die Ellenbogen raus, burn dich aus / 24/7, acht bis acht / Was geht ab, machste schlapp, what the fuck“.
So startete die HipHop-Formation Deichkind 2012 in ihren Song „Bück dich hoch“. Trotz der Jahre, die seitdem vergangen sind, klingen die Zeilen hochaktuell. Da stellt sich schnell die Frage, wie ein solches Arbeitsumfeld der Musikindustrie sich auf die Music Business Professionals auswirkt?
Besonders denkwürdige Statistiken liefert die kanadische Studie „Soundcheck: Mental Health In The Canadian Music Industry“*. Von mehr als 1250 Branchenakteur:innen – darunter Management, Label-Personal, Crew, Booker:innen und Veranstalter:innen – berichteten 86 Prozent von Angststörungen, 75 Prozent von Erschöpfung sowie 73 von Prozent Schlafstörungen. Zum Vergleich: „Nur“ rund zwölf Prozent der erwerbstätigen Kanadier:innen haben laut Studie Probleme mit ihrer mentalen Gesundheit.
Angststörungen unter Professionals

85 Prozent der Nicht-Künstler:innen haben zudem schon einmal schwere mentale Gesundheitsprobleme erlebt, 42 Prozent Suizidgedanken. Und 84 Prozent der Befragten aus der Musikbranche erklärten, dass ihr aktuelles Arbeitsumfeld ihre geistige Konstitution nicht unterstützt. Gerade einmal sechs Prozent fühlten sich beruflich sicher.
Während große Musikmärkte wie Kanada, die USA oder Großbritannien eine wachsende Datenlage zum Thema Mental Health verzeichnen – letzter nicht zuletzt wegen einer Fülle an NGOs wie etwa die bereits 1921 gegründete Organisation Help Musicians – dürfte es bald auch brandaktuelle Zahlen aus Deutschland geben: Das Berliner Centrum für Musikermedizin (BCMM) arbeitet an der Charité gemeinsam mit dem Pro Musik Verband sowie der Musik- und Orchestervereinigung Unisono seit dem Jahr 2024 an der ersten systematischen akademischen Datengrundlage zu Risiko- und Schutzfaktoren im DACH-Raum.
Wie diese Zahlen ausfallen, bleibt abzuwarten, eine Vorschau dürfte aber die Studie „What Plays Beneath“ der Berliner Musikmedizinerin und Forscherin Isabel Fernholz aus dem Jahr 2024 liefern, an der ebenfalls unter anderem die Berliner Charité beteiligt war: Laut dieser leiden 30 Prozent der insgesamt 1392 befragten Akteur:innen aus dem deutschen Musiksektor unter klinisch relevanten Angststörungen.
32 Prozent zeigen depressive Symptome, 22 Prozent eine diagnostizierte psychische Störung. Dabei hängt das Erkrankungsrisiko maßgeblich vom Beschäftigungsstatus ab: Prekäre Arbeitsverhältnisse, hoher Druck auf Freelancer:innen und unklare Zukunftsperspektiven wirkten laut der Untersuchung als Beschleuniger.
Basierend auf den aktuellen „Befunden“ dürfte sich für Unternehmen damit nicht nur eine moralische, sondern auch eine rechtliche Frage ableiten: Schließlich müssen Arbeitgeber nach Paragraph fünf des Arbeitsschutzgesetzes in Deutschland eine Gefährdungsbeurteilung durchführen, die auch psychische Belastungen erfasst. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) listet Schichtarbeit, Lärm, unregelmäßige Arbeitszeiten und emotionale Daueranspannung als typische Gefährdungsfaktoren für den Event-, Medien- und Bühnenbereich.
Was hinzukommt: Kultur zieht unweigerlich neurodivergente Menschen an; zudem gibt es wohl einen Zusammenhang zwischen Genetik und Kreativität. Eine für das britische Kulturministerium durchgeführte Auswertung namens „Written Evidence on Neurodiversity In The Creative Economy“ zeigt, dass der Wert an Akteur:innen mit neurodivergenten Eigenschaften im Kreativsektor bei schätzungsweise über 20 Prozent liegt, während er im weltweiten Vergleich wohl bei rund 14 Prozent steht.
In einer Befragung der ebenfalls britischen Association For Electronic Music und der Londoner Agentur Audience Strategies bezeichneten sich im Jahr 2022 gar 58 Prozent der Branchenakteur:innen als neurodivergent; 38 Prozent können eine klinische Diagnose vorweisen. Eine spannende genetische Überschneidung konnten zudem Forscher:innen des Max-Planck-Instituts bei 10.500 Zwillingen und DNA-Proben von 5648 Personen feststellen: Dieselben Faktoren beeinflussen die Veranlagung für musikalische Kreativität und das Risiko für Depressionen sowie bipolare Störungen.

Und jetzt? Tief ein- und ausatmen? Wie oft dies in Studien empfohlen wird, kann man hier kaum abbilden. Vielleicht hilft in einer akuten Stresssituation ein Report, wie der BVMI mit ihm auf seiner Website für das Kulturgut Musik wirbt. Wenn man „rauszoomt“ und sich daran erinnert, was einen überhaupt in die Musikbranche verschlagen hat, lautet die Antwort für viele Menschen sicher: die Musik selbst. Und diese macht laut dem Bundesverband glücklicher. So schreibt der BVMI: „Wer sich mit Musik beschäftigt, der erlebt eine ‚klinisch signifikante‘ Verbesserung seiner Lebensqualität.“
Das soll eine Untersuchung der australischen University Of New South Wales vor rund vier Jahren herausgefunden haben. Diese hat 26 Studien mit 779 Teilnehmenden aus Ländern wie Australien, Brasilien, China, Deutschland, Indien, USA, Schweden und Italien analysiert.
Roundtable Mental. Music.
MusikWoche spricht in der zweiten Ausgabe des Formats Roundtable unter dem Titel „Mental. Music. – Emotionen im Spotlight, Erschöpfung dahinter“ mit Branchenexpert:innen und Künstler:innen über aktuelle Erkenntnisse zur psychischen Gesundheit, persönlichen Erfahrungen im Arbeitsalltag sowie mögliche Lösungsansätze für eine Branche unter Strom.
Im Scheinwerferlicht zählen pure Emotionen – hinter den Kulissen knappe Deadlines, Dauererreichbarkeit und unnachgiebiger Leistungsdruck. Wenn die Lichter ausgehen, geht für Managements, Agenturen, Labels und Produktionsteams die Arbeit erst richtig los. In einer Branche, die von Leidenschaft lebt, rücken persönliche Grenzen im Business schnell in den Hintergrund. Das ständige Balancieren zwischen drängenden Abgaben, Krisenmanagement und der Kombination aus Gleit- und Vertrauensarbeitszeit fordert abseits der Scheinwerfer einen hohen Preis: schleichende Erschöpfung, mentale Belastungen und fehlende Regenerationsräume.
* „Soundcheck: Mental Health In The Canadian Music Industry“, Revelios, Unison Fund, Socan, 2026
Text: Lisa Nehrkorn, zusätzliche Bearbeitung: Jana Moritz






