Johann Scheerer, Gründer und CEO Clouds Hill: Ich erwarte vom Reeperbahn Festival (RBF) 2026 vor allem, dass es aufhört, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Es ist nicht die Zeit, uns zu feiern, sondern kritisch zu hinterfragen, wie wir die vielfältigen Probleme unserer Zeit angehen. Die Branche redet seit Jahren über Streamingökonomie, KI und ausbeuterische Plattformmacht, aber meistens auf Panels, deren Ergebnis schon vorher feststeht: Man ist besorgt, man bleibt im Gespräch, man trifft sich nächstes Jahr wieder. Eine Echokammer, ohne Weg nach draußen. Ohne echtes Potenzial für Veränderung. Dabei ist die Lage bedrohlich konkret geworden.

Das System funktioniert nicht mehr: durch Umsonst-Streaming entwertete Musik, Pro-rata-Modelle, die kleine Acts systematisch schlechter stellen, KI-generierte Musik, die die Ausschüttungstöpfe verwässert, und eine Konsolidierung im digitalen Vertrieb, bei der unabhängige Strukturen reihenweise an Fonds und Majors gehen. Wir reden nicht mehr über Zukunftsthemen, sondern über das Hier und Jetzt. Ich hoffe auf eine Conference, die Konflikte austrägt und konkrete Lösungsansätze präsentiert, statt sie zu moderieren.
So wie alle anderen Indies stehen wir mit Clouds Hill vor der Frage, wie unabhängiger Vertrieb in Deutschland überhaupt noch organisiert werden kann, wenn die letzten Indie-Distributoren verkauft werden. Eine Antwort darauf muss Kooperation statt Konkurrenz sein. Genossenschaftliche Modelle, geteilte Infrastruktur, weniger Ego. Dafür braucht man Gespräche, die man nicht per Zoom führt, sondern vor Ort, persönlich und verbindlich. Dafür kann das RBF für Clouds Hill und viele andere ein produktiver Ort sein.
Persönlich freue ich mich auf die Kraft der neuen Musik, die gerade erst entsteht. Komponiert und gespielt von Leuten, die noch nicht wissen, ob es reicht. Das ist der Grund, warum wir tun, was wir tun. Diese unvergleichliche Kraft des Neuanfangs. Und ich hoffe auf ein Festival, das sich seiner eigenen Veränderungsmöglichkeiten bewusst ist. Das Raum für den Nachwuchs macht und die Jugend nicht nur auf Bühnen präsentiert, sondern auch maßgeblich in den Strukturen dahinter involviert. Ich hoffe auf klare Statements gegenüber einer Kulturpolitik, die gerade an genau den Stellen kürzt, an denen Nachwuchs entsteht. Wenn Bayreuth mehr bekommt und die Reeperbahn weniger, ist die Reeperbahn der Ort, an dem das lautstark beklagt werden muss.
Verena Bößmann, Co-Founder, Head of PRO-Services Dunstan Music: Das RBF ist seit vielen Jahren ein fixer Termin in unserem Firmenkalender. Wir treffen hier alte und neue Partner:innen, lieben den Austausch mit den vielen verschiedenen Menschen der Branche und schätzen die tollen Netzwerkmöglichkeiten wie beispielsweise das liebevoll organisierte VUT Indie House.

Wie schon in einigen Jahren zuvor, darf ich auch 2026 als Speaker:in dabei sein. Für mich persönlich ist es immer eine große Freude, in diesem Rahmen etwas von meinem Know-how zu teilen und selbst neue Impulse zu bekommen. Die Musikbranche lebt von diesem Austausch, frischem Input und der ständigen Weiterentwicklung neuer Möglichkeiten und Kollaborationen.
Ama Walton, Executive Vice President und General Counsel SoundCloud: In meiner globalen Rolle als einzige Deutsche im Executive Team von SoundCloud ist es mir wichtig, auch immer wieder nah am deutschen Musikmarkt dran zu sein. Die USA sind wirtschaftlich unser Hauptmarkt, deshalb gerät Deutschland manchmal aus dem Fokus, und das, obwohl unser Headquarter in Berlin ist.
Mir ist es wichtig, zu erfahren: Welche Themen beschäftigen Künstler und die Branche in Deutschland? Wo entstehen neue Ideen und wo liegen die Herausforderungen? Das kann ich dann direkt mit meinen amerikanischen Kollegen teilen. Denn das RBF bringt viele der Menschen zusammen, die diesen wichtigen Markt prägen. Für mich ist es der Ort, zuzuhören, Kontakte zu pflegen und SoundCloud in den Gesprächen zu vertreten.
Am meisten freue ich mich auf persönliche Begegnungen. Wir verbringen heute so viel Zeit in Videokonferenzen und vor Bildschirmen, eine persönliche Begegnung ist aber immer noch durch nichts zu ersetzen. Ich werde bei der Eröffnungsveranstaltung und am Donnerstag auf einem Panel sprechen und freue mich auf die Gespräche.
Unser Music Team aus London gestaltet eine Masterclass als „SoundCloud School“ und als Kooperationspartner von Keychange unterstützen wir das Engagement für mehr Vielfalt in der Musikbranche. Es ist einiges für uns los und ich freue mich schon sehr auf Hamburg.
Colin Eger, Head Of TuneCore, Germany: Das RBF liegt mir seit jeher enorm am Herzen. Wenn man das Jahr 2020 rausnimmt, in dem das RBF wegen Corona ausgefallen ist, feiere ich dieses Jahr mein zehntes Jubiläum. Für mich schließt sich damit auch persönlich ein Kreis, da in Hamburg bei Warner Music 2016 meine Karriere in der Musikbranche begann. Gerade in politisch wie gesellschaftlich herausfordernden Zeiten ist das RBF ein essenzieller Ort, um Demokratie, kulturelle Vielfalt, Diversity und Musikkultur aktiv zu stärken.
Umso mehr freue ich mich, dass wir mit Believe und TuneCore dieses Jahr wieder so präsent sind: Auf dem Spielbudenplatz stellen wir bereits im sechsten Jahr unseren Believe Nightliner als Meeting-Hotspot auf. Ein persönliches Highlight ist für mich, dass wir dieses Jahr unseren allerersten Showcase von TuneCore Germany veranstalten. Am Donnerstagabend treten dabei fünf der spannendsten Acts von TuneCore Deutschland auf. Zudem vergeben wir einen sechsten Slot im Line-up an eine FLINTA-Newcomerin, für den man sich aktuell noch bewerben kann.

Inhaltlich freue ich mich riesig darauf, als Speaker bei dem Panel „Do We Have An Audience Problem?“ dabei zu sein. Wir sprechen über eine der drängendsten Fragen unserer Zeit: Wie können aufstrebende und lokale Artists heute noch Reichweite aufbauen, wenn der Markt übersättigt ist und unlizenzierter KI-generierter Content wichtige Plätze auf Streamingplattformen besetzt? Mir ist es ein wichtiges Anliegen, darüber zu debattieren, wie Politik, Streamingdienste und Musikwirtschaft gemeinsam einen faireren Playground schaffen, damit sich Musikmachen für die nächste Generation weiterhin lohnt und Einnahmen gerechter verteilt werden.
Jess Partridge, Executive Director European Music Managers Alliance (EMMA): Als europäische Vertretung der Musikmanager:innen liegt für EMMA der Reiz der Reeperbahn darin, Manager:innen aus aller Welt an einem Ort zusammenzubringen: Erfahrungen auszutauschen, Herausforderungen zu vergleichen, Artists vorzustellen und Gespräche anzustoßen, aus denen Zusammenarbeit entsteht. So schaffen wir die stärkste Grundlage für unsere Arbeit. Wir werden uns mit einigen unserer Mitgliedsorganisationen austauschen und einen Frühstücksempfang für Manager:innen (sowie alle großartigen Teilnehmenden, die sie kennenlernen möchten) veranstalten. Vor allem möchten wir, dass Manager:innen mit neuem Wissen, nützlichen Kontakten und dem Gefühl nach Hause gehen, Teil einer unterstützenden internationalen Community zu sein.
Angesichts des breiten Spektrums an Teilnehmenden stellt die Reeperbahn zudem einen wichtigen Moment dar, um unsere Beziehungen innerhalb der gesamten Branche zu stärken und unsere Arbeit durch Treffen und wichtige Gespräche mit europäischen Projekten wie Keychange und Netzwerken wie Live DMA sowie natürlich mit den anwesenden politischen Entscheidungsträger:innen voranzubringen.
Wie bei jeder Ausgabe des Reeperbahn Festivals weiß ich, dass ich voller Ideen, neuer Kontakte und hoffentlich auch neuer Fragen und Antworten für die Management-Community nach Hause gehen werde. Wie kommen wir dorthin? Nun, unser Panel „Does Emerging Music Have An Audience Problem?“ ist ein guter Ausgangspunkt. Ich freue mich darauf, dass wir uns intensiv mit den Hindernissen der nächsten Generation an Talenten auseinandersetzen und erörtern, wie wir sie und ihre künftigen Fans zusammenbringen können. Ansonsten interessiert mich im Programm besonders, was wir von anderen Kultursektoren, vor allem aus der Tech-Branche, lernen können, wenn es um Künstler:innenförderung, den Aufbau von Gemeinschaften und nachhaltige Karrieren geht. Natürlich freuen wir uns auch darauf, europäische Talente zu feiern, wenn sich der Leitungsgremium der Music Moves Europe Awards trifft!

Persönlich freue ich mich auf großartige Musik, darauf, mich mit internationalen Kolleg:innen auszutauschen und neue Kontakte zu Fachleuten aus aller Welt zu knüpfen. Mein Terminkalender wird eine vielversprechende Mischung aus Meetings, Aufgaben in Gastgeberinnenrolle, Events und Roundtables sein, aber es muss auch Platz bleiben, um einen brillanten neuen Act zu entdecken oder an einer vielversprechenden Podiumsdiskussion oder Show teilzunehmen. So viele berufliche Beziehungen haben sich im Laufe der Jahre zu echten Freundschaften entwickelt; die Reeperbahn ist wirklich eine Gelegenheit, beides zu genießen. Vor allem möchte ich Manager:innen aus ganz Europa zelebrieren; wir wissen, dass es einen Unterschied macht, jene Menschen hervorzuheben, die so viel Zeit damit verbringen, sich für ihre Artists einzusetzen, und ihnen die Chance zu geben, ein wenig im Rampenlicht zu stehen.
Marcel Ablers, General Director Dutch Music Export Foundation: Ich erwarte von der Reeperbahn, dass sie das tut, was eine großartige Musikkonferenz tun sollte: das zu feiern, was funktioniert, aber auch das in Frage zu stellen, was nicht funktioniert. Am Donnerstag bespielt der Dutch Music Export den Club Molotow mit sechs außergewöhnlichen niederländischen Acts. Sie sind nicht „vielversprechend“ – sie sind exportreif. Am nächsten Morgen werde ich darüber diskutieren, wie wir den tatsächlichen Einfluss des Musikexports messen können. Erst die Musik, dann die Diskussion. Diese Reihenfolge gefällt mir.

Europa verfügt über außergewöhnliche Artists, großartige Veranstaltungsorte und Festivals, starke unabhängige Unternehmen und umfangreiche Investitionen im Kulturbereich. Doch vielleicht haben wir uns zu sehr an unsere nationalen Märkte, Systeme und Strukturen gewöhnt. Die spannende Frage lautet nun: Was passiert, wenn wir mehr Raum schaffen: für neue Stimmen, neue Ideen, neue Modelle und eine Generation an Künstler:innen, Kulturschaffenden und Professionals, die diese Branche ganz anders prägen werden als wir es getan haben?
Das ist das Gespräch, das ich mir auf der Reeperbahn wünsche. Was wäre, wenn Europa anfangen würde, sich wie die kulturelle Weltmacht zu verhalten, die es bereits ist? Nicht, indem es mehr Strukturen aufbaut, sondern indem es sich öffnet. Weniger Grenzen. Mehr Freiheit. Mehr Risiko. Und genug Raum für etwas, das nicht geplant war.
Tamás Kádár, CEO Sziget Kulturális, Veranstalter des Sziget Festivals: Ich betrachte das Reeperbahn Festival als wertvolle Gelegenheit, der internationalen Musikbranche den Puls zu fühlen und neue Perspektiven auf all jene Veränderungen zu gewinnen, die unsere Branche derzeit prägen. Im Jahr 2026 interessieren mich insbesondere Diskussionen zu neuen Modellen für Artists und Festivals, die sich wandelnde Bedeutung des Bookings, die sich entwickelnden Erwartungen des Publikums und die internationale Entwicklung des Livemusikökosystems. Ich freue mich darauf, Ideen und Erfahrungen zu hören, die über die offensichtlichen Trends hinausgehen und praktische Inspiration für unsere eigene Arbeit bieten können.

Für Sziget ist dies zudem eine wichtige Gelegenheit, Partner:innen und Kolleg:innen aus der Festivalbranche aus ganz Europa und darüber hinaus zu treffen. Während wir das nächste Kapitel von Sziget schreiben, hoffe ich, Erfahrungen auszutauschen, unsere Denkweise zu hinterfragen und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu entdecken. Ich persönlich freue mich auf inspirierende Gespräche und neue Perspektiven – im Idealfall verlasse ich Hamburg mit ein paar Ideen, die mich dazu bringen, unser eigenes Festival aus einem etwas anderen Blickwinkel zu betrachten.






