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Mehr Lust auf neue Formate beim Musical

Musicals sind eine wichtige Säule der Veranstaltungswirtschaft, stehen derzeit aber vor strategischen Entscheidungen. MusikWoche fragte ausgewählte Marktteilnehmer, wohin die Reise inhaltlich geht – zwischen weiteren Adaptionen und dem Ruf nach mehr eigenen Produktionen.

“Der wichtigste Trend ist, dass sich das Genre künstlerisch weitet“, sagt Stephan Jaekel, Director Communications Stage Entertainment. Derzeit werde alles parallel entwickelt: Jukebox, Adaptionen von TV-, Film- oder Roman-Erfolgen, Biographien, historische Stoffe, Zukunftsszenarien, ganz neue Ideen „vom Blatt“. Dem Genre seien ja auch kaum Grenzen gesetzt, sagt Jaekel und verweist auf neue Tanz-Ausdrucksformen, Musikstil-Mixes, neuartige Bühnen- und Technikerlebnisse.

Foto: Mac Matzen/Stage Entertainment

„Der wichtigste Trend ist, dass sich das Genre ­künstlerisch weitet“. Stephan Jaekel, Stage Entertainment.

„Letzteres kann man vielleicht als einen echten Trend ausmachen: Musicals werden immer immersiver. Das ist zwar in gewisser Weise ein Modewort – ‚Immersiveness‘ hat es auch in früheren Musicals längst gegeben – doch es ist spannend zu sehen, dass Kreative mehr und mehr über das Guckkastenprinzip eines konventionellen Theaters hinausschauen: durch Ortswechsel, KI-Einsatz, Publikums­einbindung, LED- und Videotechniken. Das sind alles spannende Entwicklungen. Dennoch bin ich fest überzeugt, dass die grandiosen Live-Leistungen von Darstellenden und Musiker:innen stets im Mittelpunkt unseres schönen Genres bleiben. Alles ›Drumherum‹ ist dienend, ergänzend, überraschend – und dann erfüllt es seinen Zweck perfekt!“, so Jaekel weiter.

Foto: ATG

„Die Lust auf neue Formate ist vorhanden.“ Matthias Lienemann, ATG Entertainment.

Matthias Lieneman, COO ATG Entertainment, betont einen anderen Aspekt bei seiner Einschätzung: „Die Entwicklung im Musical-Bereich und im kommerziellen Theater insgesamt wird heute, auch durch die zunehmende Kaufzurückhaltung, stärker denn je vom Publikum bestimmt. Inhalte und Formate, die eine hohe Bekanntheit mitbringen, ziehen nach wie vor zuverlässig Gäste an. Bekannte Titel, ob als Jukebox-Musical, Literatur- oder Film-Adaption, bieten vielen Menschen einen nie­drigschwelligen Zugang und schaffen Vertrauen in das Erlebnis.“ Gleichzeitig sei deutlich zu beobachten, dass die Lust auf neue Formate vorhanden sei. Das Publikum sei neugierig und offen für Innovationen, wenn diese überzeugend umgesetzt werden.

Ein gutes Beispiel dafür sei „Harry Potter und das verwunschene Kind“, das als erstes kommerzielles Sprechtheaterstück in dieser Größenordnung gezeigt habe, dass auch ein Schauspielstoff jenseits des klassischen Musical-Formats ein Massenpublikum erreichen könne. „Produktionen wie ›Stranger Things‹ verdeutlichen zudem, wie stark innovative Inszenierungsformen und neue theatrale Erzählweisen beim Publikum Anklang finden können. Aktuell zeigt sich daher kein Entweder/Oder zwischen bekannten Marken und neuen Ideen, sondern vielmehr ein Sowohl-als-auch. Erfolgreiche Spielpläne setzen zunehmend auf eine ausgewogene Mischung: bekannte Stoffe, die ein breites Publikum ansprechen, kombiniert mit neuen Erzählformen, überraschenden Themen und innovativen Inszenierungen. Genau diese Mischung macht den Unterschied und wird aus meiner Sicht auch die künftige Entwicklung prägen“, so Lienemann weiter.

Foto: Limelight Live Entertainment

„Unser Publikum möchte aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen sehen.“ Ralf Kokemüller, Limelight Live Entertainment.

Auch Ralf Kokemüller, CEO & Producer Limelight Live Entertainment, sieht, dass die Branche vermehrt auf eine Mischung aus bewährten Publikumsmagneten und einer erhöhten künstlerischen Aufwertung setze. „Jukebox-Musicals wie ›Hello! Again?‹ mit den Songs von Howard Carpendale sowie die Adaption bekannter Filme wie unsere Show ›Pretty Woman – Das Musical‹ sind äußerst erfolgreich, weil sie Bekanntes frisch interpretieren und zugleich neue, originäre Aspekte einbringen. Zudem öffnet sich das Musical zunehmend und bezieht verschiedene Genres ein.“ Das begeistere erprobte Musical-Fans, erschließe aber zugleich neue Publikumsmärkte, betont der der einstige Mehr-BB-Manager, der 2024 gemeinsam mit Semmel Concerts das Joint Venture Limelight Live gegründet hat. „Inhaltlich zeigen sich ebenfalls klare Trends: Unser Publikum möchte aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen sehen, etwa die Suche nach Identität, Bestimmung und Glück – wie zum Beispiel bei unserer kommenden Neuinszenierung von ›Die Schöne und das Biest‹. An erster Stelle steht aber nach wie vor ein gewisser Eskapismus: Die Menschen wollen in erster Linie gut unterhalten werden und ein kleines bisschen glücklicher und beschwingter aus der Show nach Hause gehen, als sie gekommen sind.“

Foto: Cocomico

„Die Entwicklung bei modernen Klassikern bleibt stabil.“ Tiffany und Marcell Gödde, Cocomico.

Tiffany und Marcell Gödde, Geschäftsführung Cocomico Theater, sehen die Entwicklung bei Musicals in den von ihnen abgedeckten Metier, dem Family Entertainment, weiterhin stabil bei den modernen Klassikern. Damit meinen sie die Themen und Figuren, die seit mindesten einer Familiengeneration in den Wohn- und Kinderzimmern bekannt und beliebt sind. „Inhaltlich ist und bleibt am wichtigsten, dass die Umsetzung souverän und in hoher Ausführungsqualität gehalten wird, ohne die kleinen und großen Zuschauer:innen von der Darbietung her zu überfordern, sie aber immer wieder zu voller Begeisterung herauszufordern.“

Foto: SlowShot

„Massiv gestiegene Produktions­kosten erhöhen den Druck.“ Leonie Webb, ShowSlot.

Leonie Webb, Chief Creative Officer ShowSlot, führt aus: „Das Musical steht derzeit im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlicher Absicherung und künstlerischer Erneuerung. Besonders deutlich zeigt sich das an der anhaltenden Dominanz bekannter Stoffe: Produktionen, die auf erfolgreichen Filmen, internationalen Hits oder populärer Musik basieren, prägen vielerorts die großen kommerziellen Bühnen.“ Ein zentraler Grund dafür seien die massiv gestiegenen Produktionskosten. Diese würden den Druck auf Produzenten erheblich erhöhen und dazu führen, dass verstärkt auf bewährte, vermeintlich sichere Stoffe gesetzt werde, deren Erfolgsaussichten besser kalkulierbar seien. „Gleichzeitig gibt es jedoch im deutschsprachigen Raum einen klaren Gegentrend, vor allem an subventionierten Stadt- und Staatstheatern. Hier entstehen vermehrt neue, eigenständige Musicals, die sich thematisch und formal vom Mainstream absetzen. Häufig sind sie experimenteller, politischer oder persönlicher angelegt und nutzen das Genre bewusst als erzählerisches und ästhetisches Spielfeld. Gerade diese Häuser tragen maßgeblich dazu bei, dass sich das Musical im deutschsprachigen Raum weiterentwickelt.“ Sowohl bei kommerziellen als auch bei subventionierten Produktionen sei im Umgang mit Adaptionen eine Verschiebung zu beobachten, weiß Webb. Adaptionen setzten heute weniger auf reine Nacherzählung, sondern entwickeln zunehmend neue Perspektiven und zeitgemäße Ästhetiken.

Ein Beispiel dafür sei das Musical „Rapunzel“, das am 12. März 2027 in Duisburg Premiere feiert. Es basiere auf den Grundwerten der bekannten Erzählung, überführe diese aber in einen modernen, eigenständigen Kontext: „Diese neuen Zugänge sind entscheidend, um auch ein jüngeres Publikum für das Musical zu begeistern. Gerade in einem sich wandelnden Kulturmarkt hängt die Zukunft des Genres davon ab, ob es gelingt, neue Zuschauergruppen anzusprechen, ohne bestehende zu verlieren. So entsteht ein Nebeneinander verschiedener Modelle: kommerziell orientierte Großproduktionen, die auf bekannte Elemente setzen, und künstlerisch ambitionierte Formate, die neue Wege suchen. Unterstützt wird diese Entwicklung unter anderem durch die Deutsche Musical Akademie, die sich als Branchenverband gezielt für die Förderung und Sichtbarkeit neuer deutschsprachiger Musicals einsetzt. Die Zukunft des Musicals im deutschsprachigen Raum dürfte in dieser Vielfalt liegen – und in der Fähigkeit, vertraute Stoffe immer wieder neu zu erzählen“, so Webb weiter.

Foto: Deutsches Theater

„Die Programmvielfalt im Genre wird immer größer.“ Thomas Linsmeyer, Deutsches Theater.

Thomas Linsmayer, Managing Director Deutsches Theater, analysiert, dass sich das Musical auch im deutschsprachigen Raum zunehmend zum wichtigsten Zweig des Musiktheaters entwickele. Dies sei bedingt nicht nur durch das große Publikumsinteresse und neue Theater wie das ATG-Theater in Wien, sondern auch durch die immer größere Programmvielfalt im Genre. „Die großen bekannten Titel bleiben zwar Publikumsmagnet Nummer eins, ständig entstehen aber auch zahlreiche neue, innovative und gesellschaftsrelevante Musicals, prämierte Neuproduktionen mit historischen, emanzipativen oder aufklärenden Themen und neu entwickelte Produktionen, die auf aktuelle Zeitthemen eingehen. Dadurch wird das Genre in den nächsten Jahren vor allem auch bei den jüngeren Generationen zunehmend seinen wichtigen Platz im Kulturangebot sichern.“

Foto: Highlight-Concerts

„Der Trend geht in Richtung möglichst hoher Unter­haltungswert.“ Ulrich Gerhartz, highlight-concerts.

Für Ulrich Gerhartz, Geschäftsführer Highlight-Concerts: „Der Musical-Trend geht klar hin in Richtung möglichst hoher Unterhaltungswert. Ausgedrückt in schnellerer, abwechslungsreicherer Vielseitigkeit – raus aus dem Charakter Dialog/Song, Dialog/Song. Es muss möglichst eine gleichzeitige Mischung sein aus neuen Techniken, modernen Rhythmen, Überraschungselementen und kurzweiligen Spaßfaktoren: Kontrast ja, Tiefgründigkeit nein. Beispiele wären: „Moulin Rouge“, „Kudamm 59“, „& und Julia“, „Romeo & Julia“, „Harry Potter“, „Die Eiskönigin“ oder “ MJ – Die Michael Jackson Story“.“