Welche Ziele peilen Sie mit der Aufstellung als Banijay Germany Live (BGL) an?
Das Live-Geschäft ist für die Banijay-Gruppe in Deutschland eine sehr wichtige strategische Säule geworden, weswegen wir beschlossen haben, alle Live-Aktivitäten in einer Firma zu bündeln. Das führte dazu, dass wir die ehemalige Brainpool Live Entertainment mit der MTS Live in Münster fusioniert haben, um damit bestmöglich für den Markt aufgestellt zu sein. Sicher, Brainpool Live war schon immer sehr groß im Bereich Solo-Künstler, Mix-Comedy-Shows, mit der Marke NightWash oder mit den 1Live Comedy-Nächten XXL. Wir wollten diese Strukturen aber neu aufsetzen und uns mit den Kolleginnen und Kollegen in Münster zusammentun, die ja vor allem sehr große Tourneen von Solo-Künstlern veranstalten – etwa von Atze Schröder oder Michael Mittermeier. Stemmen können wir das nun mit einem Team, das dank der Fusion mehr als 40 Leute umfasst. Wir arbeiten jetzt viel vernetzter und können die Kräfte noch stärker auf ein Thema fokussieren. Auch denken wir mehr in unterschiedlichste Richtungen und wenden uns auch verstärkt Projekten zu, die nicht zwangsläufig mit Comedy zu tun haben müssen.
Können Sie dafür vielleicht ein Beispiel nennen?
Das wäre etwa Luminiscence, ein Projekt, das mit Comedy nichts zu tun hat und von unserer Schwesterfirma in Frankreich aus der Banijay-Gruppe stammt. Luminiscence ist ein Licht- und Klangerlebnis in großen Kathedralen oder Kirchen, mit dem wir im September 2025 im Dom in Münster gestartet sind. Vier Monate lang haben wir jeden Tag eine aufwändige Projektionsshow kombiniert mit Live-Musik, einem Live-Chor, einer live gespielten Orgel und einer Erzählstimme. Und weil dieses Projekt nichts mehr mit Comedy zu tun hat, Brainpool Live aber immer in dem Segment verortet war, wollten wir das bei Banijay andocken, weil Banijay als Gruppe in Deutschland flexibel für alle möglichen Genres steht. Entsprechend wollen wir unter dem Dach von BGL nun sämtliche Live-Themen bündeln. Anders gesagt: Die Banijay-Gruppe in Deutschland involviert sich verstärkt im Live-Geschäft.
Heißt das, dass BGL künftig auch klassische Musikthemen bearbeiten könnte?
Ja, das ist nicht ausgeschlossen. Historisch haben wir viele Verbindungen zum gesamten Entertainment-Bereich und wir schauen immer, wo könnten wir uns noch wohlfühlen, wo könnten wir noch erfolgreich sein. Ein Beispiel dafür ist der Bereich Party-Schlager, in dem wir innerhalb der Gruppe einige Artists unter Vertrag haben. Grundsätzlich liegen Comedy und Musik doch recht nah beieinander, weil beides emotionale Themen sind, mit denen man die Menschen sehr gut erreicht. Außerdem können wir uns weitere immersive Events oder Experiences vorstellen, wollen uns aber zugleich von dem absetzen, was alle anderen schon machen.
Was zeichnet das Set-up von BGL weiterhin aus?
Ein besonderes Merkmal der BGL ist auch, dass wir seit letztem Herbst einen eigenen Comedy-Club mitten in Köln haben, den NightWash club. Dort finden neben unseren NightWash-Shows auch neue Comedy- Formate statt. Wir vermieten die Räumlichkeiten auch für externe Veranstaltungen – etwa für Live-Podcasts. Der Clou ist: Dank festinstallierten automatisierten Kameras mit einer voll ausgestatteten KI-unterstützten Regie ist der Club auch für TV-Produktionen interessant. Er ist also eine enorme Bereicherung unserer Banijay-Welt. Bei uns geht es immer darum, dass wir mit den Künstlern zusammen Inhalte entwickeln und produzieren – und das möglichst über den ganzen Weg einer Karriere. Und diese Karrieren fangen oft bei Auftritten in unseren Formaten an, sodass wir sehr früh schon dabei sind und dann diese Künstler und Künstlerinnen über all unsere Formate und Plattformen weiterentwickeln können. Das geht dann von der NightWash-Tour, der 1Live Hörsaal-Comedy oder der 1Live Comedy-Nacht XXL bis hin zu „Die besten Comedians Deutschlands“. Und mit den im Club aufgezeichneten Shows haben wir zugleich Content, mit dem wir zum Fernsehen oder den Streamingdiensten gehen können. Denn wir versuchen, all diese Welten zu vernetzen. Mein Co-Geschäftsführer bei BGL ist Godehard Wolpers, der gleichzeitig auch Geschäftsführer und Produzent bei Brainpool TV ist. Er bildet heute die perfekte Schnittstelle zum Fernsehen.
Aber Comedy bleibt Ihr Hauptgeschäft, richtig?
Ja, aber wenn wir wachsen wollen, müssen wir in andere Genres gehen, weil der Comedy-Bereich letztlich begrenzt ist, da kann man sich noch so viele tolle neue Shows ausdenken. Auch gibt es nur eine gewisse Anzahl von Künstlern und Künstlerinnen.
Wie hat sich das Live-Business im Bereich Comedy verändert?
Ein Beispiel ist, dass sich der Podcast ins Live-Geschäft vorgearbeitet hat. Wir hatten mit Felix Lobrecht vor vielen Jahren den wahrscheinlich ersten Live-Podcast in dem Bereich. Inzwischen gibt es mehrere Live-Podcasts, die es mit entsprechender Produktion in die großen Arenen geschafft haben. Ein Beleg dafür, dass beim Publikum ein Bedürfnis nach unterschiedlichsten Live-Erlebnissen existiert. Daher hat für uns alles, was sich auf einer Bühne trägt, den Leuten zwei Stunden Spaß bereitet und sie aus ihrem Alltag rausnimmt, eine Berechtigung für ein Live-Dasein. In Live-Shows sehe ich auch eine Gegenbewegung zu dem, was virtuell stattfindet oder fake ist. Der Live-Bereich bringt die Menschen wieder zusammen. Deshalb ist die Bühne immer spannend, und das Live-Geschäft ist für uns als Gruppe eine wichtige Säule – noch mehr, als es das früher schon war.
„Klassische Musikthemen sind nicht ausgeschlossen.“ Ingrid Langheld, Banijay Germany Live.
Wie schätzen Sie derzeit den Markt für Comedy ein?
Der Markt diversifiziert und segmentiert sich weiter aus, das Geschäft wird granularer. Wir haben etwa die Berliner Comedy-Szene, die ganz anders ist als jene etwa in Köln. Dann hat sich in den letzten Jahren eine große Open-Mic-Szene in Deutschland entwickelt und auch die Poetry-Slam-Veranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Weg eines Comedians an die Spitze sieht heute ganz anders aus als früher, als man sich von kleinen Bühnen in die großen Hallen arbeitete. All die alten Gesetze funktionieren nicht mehr. Natürlich gibt es immer noch die klassischen Stand-Up-Comedians, die über Jahre hart an ihrer Karriere gearbeitet und sich eine Reichweite erspielt haben und dadurch nachhaltig oben bleiben, zum Beispiel Atze Schröder. Aber inzwischen gibt es auch Künstlerinnen und Künstler, die aus einer völlig anderen Ecke kommen. Sie sind vielleicht im Internet entstanden, haben dort eine Reichweite angesammelt, machen vielleicht auch noch Musik, entwickeln dann aber auch eine Idee, wie sie das auf die Bühnen bringen können. Wir nennen solche Acts dann Poly-Artists. Da gibt es keine einheitlichen Karriereschritte mehr, diese Artists kommen aus allen möglichen Ecken, über alle möglichen Kanäle. Da ist der Anspruch gar nicht mehr, zwei Stunden durchgeskriptet mit einem roten Faden und einer Dramaturgie aufzutreten.
Sondern?
Manchmal reicht es auch, wenn der Protagonist oder die Protagonistin einfach nur auf der Bühne steht und mit den Leuten quatscht. Es ist wahnsinnig schwierig geworden, die Regeln des Erfolgs herauszufinden. Fakt ist, dass die Artists im Vorteil sind, die eine Reichweite und eine Community aufgebaut haben. Viele, die die Corona-Zeit nicht genutzt haben, um genau das online zu machen, sind heute verschwunden. Dafür sind dann plötzlich Acts hervorgetreten, die das geschafft haben. Das funktioniert nicht immer, aber es funktioniert immer wieder. Ein Beispiel ist Nico Stank, der im Netz mit kurzen Videos angefangen hat, dann den Sprung auf die Bühnen schaffte und dort seine Erfahrungen als Sänger mit Musical-Background eingebracht hat. Nico ist so ein typischer Poly-Artist mit verschiedenen Talenten. Ein anderes Beispiel ist selfiesandra, die im Netz durch sehr lustige Videos groß geworden ist, die aber seit einiger Zeit gemeinsam mit einem Partner den erfolgreichen Podcast „Dick und Doof“ auf YouTube und Instagram mit wahnsinnigen Reichweiten aufgebaut hat. Ihr neuer Podcast heißt „4 Schwestern“. Damit nicht genug, war sie auch bei „Let’s Dance“ zu sehen und ist Moderatorin der RTL+-Show „Make Love, Fake Love“.

Was sind aktuell Ihre größten Unternehmungen?
An erster Stelle möchte ich da noch einmal Luminiscence erwähnen, das erst in Münster zu sehen war, jetzt in Nürnberg gastiert und von dort nach Hamburg geht. Dieses Projekt haben wir für die nächsten Jahre durchgehend geplant für die großen Kirchen in Deutschland. Zudem stehen weitere Solo-Künstlertouren an, auch in dem Segment wollen wir noch wachsen. Hier ist meine Kollegin Lara Aupke federführend, die bei BGL als meine Co-Geschäftsführerin für die Booking-Themen verantwortlich ist. Erfreulich ist auch, dass wir mit „Die besten Comedians Deutschlands“ eine große Mixed-Comedy-Marke in Deutschland etablieren konnten, nachdem solche Projekte oft schiefgegangen sind. Im Herbst steht unser Cologne Comedy Festival an, das wir nun ja auch schon seit 25 oder 30 Jahren veranstalten. Zudem wird es dieses Jahr eine von uns veranstaltete Convention geben, sprich eine B2B-Plattform für Partner und Interessierte aus dem ganzen Comedy-Bereich. Die Comedy | Future | Convention findet Anfang November im NightWash club statt. Wir wollen dort Themen aufgreifen, die die Branche interessieren. So freuen wir uns auf Panels wie „KI in der Comedy“ unter anderem mit Prof. Christian Solmecke oder „Politik & Haltung – Rechtsruck gegen freie Kultur“ mit „Correctiv“- Chefredakteurin Anette Dowideit. Weitere Themen sind: „Zukunft der Management-Branche: Workload, Mental Health und Nachwuchssorgen“ sowie „Comedy For Future – Wie können wir in Zukunft klimaneutral veranstalten?“








