„90 Prozent aller Konzertbesucher in Deutschland haben problemlos die per – sonalisierten Karten zu dem von uns festgelegten Preis gekauft und sind ebenso problemlos zu den Konzerten gelangt“, sagt Scumeck Sabottka, Geschäftsführer der Berliner MCT Agentur und Veranstalter der drei deutschen Konzerte von Take That. „Zwischen fünf und sieben Prozent der Fans haben leider die Karten über nicht autorisierte Plattformen gekauft und hatten demnach Probleme.“ Den hohen Prozentsatz an Fans, die reguläre, personengebundene Tickets über MCT und den exklusiven Ticketingpartner tickets.de erworben haben, wertet Sabottka als „großen Erfolg“. Deshalb sei man bei MCT überzeugt davon, dass sich die Persona – lisierung auch bei anderen Künstlern und Veranstaltern durchsetzen werde. Und Sabottka versichert, dass tickets.de das System weiter ausbauen werde. „Wir gehen davon aus, dass immer Verbesserungen vorgenommen werden.“ Verbesserungen sind wohl auch nötig, denn beim Schlusskonzert in München lief es noch nicht ganz rund. 35 Auftritte vor 1,6 Millionen Fans Mit einem ausverkauften Konzert im Münchner Olympiastadion ging die Reunion-Tournee von Take That am 29. Juli vor 65.000 Zuschauern zu Ende. Insgesamt spielten Take That vor 1,6 Millionen Fans – zu den drei deutschen Shows in Hamburg, Düsseldorf und in der bayrischen Landeshauptstadt kamen 150.000 Besucher. Die Universal-Band hatte in zwei Monaten 35 Shows in 13 Städten in sechs Ländern gespielt – allein achtmal im ausverkauften Wembley-Stadion in London. Damit brach die einstige Boygroup in der englischen Hauptstadt einen Rekord, den zuvor die Rolling Stones und Coldplay aufgestellt hatten: Beide Bands hatten je zweimal das Stadion voll bekommen. Im Vorprogramm der rund zweieinhalbstündigen Show von Take That boten die Pet Shop Boys ein Best-of-Programm. Zum Auftakt kamen die vier Take-That-Mitglieder Gary Barlow, Mark Owen, Howard Donald und Jason Orange auf die Bühne, bevor nach einer halben Stunde Robbie Williams eine ebenfalls halbstündige umjubelte Soloperformance bot. Den Rest der Show bestritten die fünf Sänger gemeinsam, und dabei begeisterten sie mit einer gigantischen Bühnenproduktion und mit vielen Pyro-Effekten, aber auch mit Charme und Selbstironie. Zu den denkwürdigen Momenten gehörte, als sie die Fans im Stadion baten, die deutsche Nationalhymne zu singen. Und immer wieder spielten sie darauf an, dass dies möglicherweise die letzte Gelegenheit sei, alle fünf gemeinsam auf der Bühne zu sehen. Spannender als die Spekulation, ob Take That auch in Zukunft zusammenfinden, ist jedoch aus Ticketingsicht die Frage, wie das System der personalisierten Tickets angenommen wurde, das MCT und tickets.de erstmals bei einem Musikevent dieser Größenordnung eingesetzt haben, und wie es funktioniert hat. Nach medialer Kritik an der Situation in Hamburg und Düsseldorf, wo Take That zuvor aufgetreten waren, verlief der Einlass auch in München nicht völlig reibungslos. So stauten sich vor den Toren des Olympiastadions die Massen noch, während die Pet Shop Boys bereits zu spielen begonnen hatten. Drei Kontrollpunkte verzögerten Einlass Die Besitzer von personalisierten Tickets mussten durch eine dreigeteilte Kontrollschleuse: Ein erster Mitarbeiter prüfte, ob der Name auf dem Ticket mit dem auf dem Personalausweis oder einem anderen persönlichen Dokument übereinstimmte, danach scannte ein zweiter Mitarbeiter den Barcode auf der Eintrittskarte, bevor ein Security-Mitarbeiter schließlich für die übliche Sicherheitskontrolle zuständig war. Diese Mehrfachkontrollen führten zu Verzögerungen, die aber auch deswegen zustande kamen, weil sich immer wieder Personen nicht ausweisen konnten. So wurde eine Mutter, die zwar eine EC-Karte für sich dabei hatte, aber kein Dokument für ihre Tochter, von den Ordnern gebeten, einen der „Troubleshooting“-Schalter aufzusuchen. Deren hatten die Veranstalter zwar viele eingerichtet, doch das verhinderte nicht, dass sich auch hier lange Schlangen bildeten. Zudem versammelten sich dort die Fans, die bei Sekundärhändlern wie Viagogo Tickets gekauft hatten. „Ich klage mich durch alle Instanzen“, kündigte ein aufgebrachter Fan an. Er wollte erst beim Einlassversuch erfahren haben, dass sein Ticket ungültig war, da es eben nicht auf seinen Namen ausgestellt war. Auch er stand nun vor dem Trouble – shooting-Schalter an und versuchte verzweifelt, doch noch ins Konzert zu kommen. Als schwacher Trost für enttäuschte Fan mag die Versicherung von Viagogo gelten, dass er zumindest das Geld für das Ticket zurückbekommt. Dies bestätigte auf Nachfrage von MusikWoche auch Edward Parkinson, Director of Viagogo: „So wie es bei unseren Garantieregelungen üblich ist, haben wir sofort alle Viagogo-Kunden entschädigt, die keinen Zugang zum Konzert erhalten haben.“ Es sei Ziel des Unternehmens, seinen Kunden eine völlig sichere Plattform zur Verfügung zu stellen, um die Tickets weiterzuverkaufen, die sie nicht mehr brauchen. „Wir glauben, dass jemand, der sein hart verdientes Geld für ein Ticket ausgibt, aber dieses nicht mehr verwenden kann, das Recht haben sollte, sein ausgegebenes Geld wieder zurück – zubekommen.“ Parkinson attackiert die Ausrichter der Take-That-Konzerte: „Unglücklicherweise scheinen die Veranstalter dieser Konzerte diese Einstellung nicht zu teilen. Die ausufernden Sicherheitsmaßnahmen, die sie den Konzert besuchern auferlegen, sind nicht nur sehr unbequem und verursachen Frustration und lange Schlangen, sondern führen auch dazu, dass vielen Fans der Eintritt verweigert wird – selbst solchen, die ihre Karte direkt an der Abendkasse gekauft haben.“ Der Viagogo-Manager versichert: „Jeder, der ein Ticket über Viagogo gekauft hat und nicht ins Konzert kam, erhält sein Geld zurück – die anderen mögen da nicht so glücklich sein.“ Bald halten US-Verhältnisse Einzug Vehement wehrt sich Parkinson gegen den Vorwurf, dass seine Plattform gefälschte Tickets gehandelt habe: „Auf Viagogo wurden keine Fake-Tickets verkauft. Die Veranstalter haben beim Ticketverkauf eine Reihe von unerfreulichen Restriktionen verfügt, um Fans daran zu hindern, dass sie ihre überflüssigen Karten weiterverkaufen können. Fans, die ihre Tickets weiter verkauften, wurden gebeten, diese auf jeden Fall zu aktualisieren. Sie sollten dann den neuen Namen der Person enthalten, die das Konzert besuchen wollte.“ Unglücklicherweise habe eine kleine Minderheit von Verkäufern diesen Schritt der erneuten Personalisierung nicht unternommen, weshalb der Käufer dann vor Ort nicht in der Lage gewesen sei, Zugang zum Konzert zu erhalten. Bereits vor der Tournee hatte MCT-Chef Scumeck Sabottka im Gespräch mit MusikWoche eingeräumt, dass das neue System mit personalisierten Tickets anfangs Probleme bereiten könne: „Auch wenn wir das Gefühl haben, dass das Verständnis beim Publikum da ist, so ist es sicherlich erst einmal gewöhnungsbedürftig für die Konzertbesucher.“ Er wolle aber an diesem System festhalten, da MCT davon überzeugt sei, dass durch diese Methode der gewerbliche Weiterverkauf gestoppt werde. Im Kampf gegen den gewerblichen Sekundärmarkt – ein Thema, auf das Parkinson nicht eingegangen ist – sei die Personalisierung momentan das einzige legale Mittel, sagt Scumeck Sabottka. „Es wird sich bei den Künstlern und Veranstaltern durchsetzen, solange die Künstler und Veranstalter selbst kein Interesse am Secondary Ticketing haben.“ Auch ist in Amerika das Problem des sogenannten Ticketscalping ungleich größer als in Europa. Das liegt nicht zuletzt daran, dass in den USA die großen Arenenshows zumeist bestuhlt sind, so dass der Kampf um gute Plätze viel heftiger tobt, während in Deutschland der Innenraum vor der Bühne in der Regel unbestuhlt ist – auch wenn es mehr und mehr üblich wird, die Tickets für diesen Bereich je nach Nähe zur Bühne für verschiedene Zonen zu staffeln. Deshalb ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis amerikanische Verhältnisse auch in Europa Einzug halten. Im Gespräch mit MusikWoche urteilt Frans Jonker, CEO des niederländischen Do-It-Yourself- Ticketingunternehmens Ticketscript, das seit 2008 auch in Deutschland Niederlas – sungen unterhält: „Die Bedeutung des Sekundärmarktes hängt davon ab, wen Sie danach fragen. Für uns ist dieser Markt wenig relevant, da die Auswirkungen nur einen sehr kleinen Teil des Marktes be treffen. Selbstverständlich blüht dieser Markt aktuell, jedoch konzentrieren wir uns auf Marktsegmente, die davon wenig betroffen sind.“ Sekundärmarkt transparent machen Dramatischer sieht indessen Jan Willem van der Meer, Geschäftsführer des ebenfalls aus Holland stammenden Ticketingunternehmens Paylogic, die Lage. Für MusikWoche erläutert er: „Der sehr aktive Sekundärmarkt birgt zahlreiche Gefahren für Kunden und Veranstalter. Fans und Besucher werden aufgrund der Knappheit und verschleierten Transparenz von Tickets für beliebte Events zu ungewöhnlich hohen Preisen genötigt und sind unzufrieden über diesen Zustand. Der Veranstalter erhält dagegen keinen Mehrwert von diesen erweiterten Umsätzen, die auf fremden Plattformen stattfinden und aufgrund von Unsicherheit und Missbrauch das Event oft in ein negatives Licht stellen.“ Paylogic will aus diesem Grund im nächsten Jahr eine Möglichkeit anbieten, mit deren Hilfe Kunden ihre Tickets direkt auf der Web seite des Veranstalters offiziell weiterverkaufen können. „So kann der Veranstalter seinen Besuchern erklären, dass auch diese Tickets vollkommen sicher und fair gehandelt werden.“ Einen Appell für eine bessere Kooperation zwischen Ticketingunternehmen und Konzertveranstaltern formuliert Andreas Richter, Geschäftsführer Hek ticket.de, im Gespräch mit Musik Woche: „Veranstalter und Ticketverkäufer sollten gegen den Sekundärmarkt zusammen arbeiten. Der Sekundärmarkt bringt keine zusätzliche Promotion für Künstler, sondern macht nur Zwischenhändler aufgrund von absurden Provisionen und letztlich auf Kosten der Konzertbesucher reich. Der Sekundärmarkt sollte wirklich nur Privatpersonen vorbehalten bleiben, die Tickets verkaufen möchten, die sie aus privaten Gründen nicht nutzen können.“ Der Sekundärmarkt solle Ticketscalpern verwehrt bleiben, die begehrte Veranstaltungen aufkaufen und so das Angebot künstlich verknappen, um die Tickets dann teuer weiterzuverkaufen. „Mög – licherweise wird sich das Problem auch allein regeln, denn die Konzertbesucher sind nicht blöd und werden zunehmend derartige Vertriebswege boykottieren.“ In München gab es zumindest für die meisten Konzertbesucher ein Happy End: Denn bis Take That ihre Show gegen 20:30 Uhr begannen, hatten sich auch die langen Schlangen vor den Toren endlich auf – gelöst. Und die Fans konnten ein Konzert genießen, das in Sachen Bühnenproduk – tion, Sound und Entertainment zu den Highlights der diesjährigen Livesaison gehörte.
Dossier: Stresstest für das neue Ticketingsystem
Die gemeinsame Tournee von Take That und Robbie Williams war ein spektakuläres Live-Ereignis. Außerdem brachte sie für den Berliner Veranstalter MCT und den Frankfurter Kartenanbieter tickets.de einen Erkenntnisgewinn über ihr neuartiges Ticketingsystem. MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger war beim Abschlusskonzert in München vor Ort, um sich davon zu überzeugen, wie das Debüt mit personalisierten Tickets in der Praxis funktioniert.






