“Die Situation ist ohnehin für kleine Veranstalter und neue Festivals mit kleinem Format und qualitativ hohem Anspruch noch schwieriger als in der Vergangenheit“, räumt Hamed Shahi Moghanni, Managing Director der SSC Group, im Gespräch mit MusikWoche ein. Vor allem die Gegenstrategien der Großfestivals machten es unmöglich, dass kleine Player mithalten. Auch kritisiert er, dass viele große Festivals eher einer Kirmes ähneln als einer Kulturveranstaltung. Volker Hirsch, Geschäftsführer der KARO Konzert-Agentur Rothenburg und verantwortlich für das Taubertal Festival, glaubt, dass „die Luft vor allem für neu installierte Festivals dünn wird“. Er sieht „lediglich für gut konzipierte Festivalformate, die eine klare und durchdachte Ausrichtung haben und einen vordefinierten sowie tatsächlich vorhandenen Markt bedienen, eine wirkliche Chance“. Bei den etablierten Veranstaltungen gelte es, seine Hausaufgaben zu 100 Prozent zu erledigen und das Publikum in allen relevanten Bereichen zufrieden zu stellen. „Es wird immer wichtiger, sich von der Masse abzusetzen und eine individuelle Duftnote zu hinterlassen. Preis-Leistungs-Verhältnis, Besucherservice, Alleinstellungsmerkmale sowie eine treue Festivalcommunity stehen auf der Agenda ganz oben.“ Alles in allem werde der Markt in Deutschland sowie im benachbarten Ausland härter. „Und das eine oder andere Festival wird dieser Tatsache Tribut zollen müssen“, so Hirsch. Der Bonner Veranstalter Ernst Ludwig Hartz, der unter anderem mit dem Rock La Roca neu in den Markt geht, bestätigt, dass die Gesamtzahl der neuen Festivals zugenommen habe – trotz der anstehenden Fußball-Europameisterschaft. Den Anstieg merke er auch an den Vorverkaufszahlen, weswegen er versuche, die Eintrittspreise im Rahmen zu halten. „Das ist aufgrund der gestiegenen Gagen und GEMA-Kosten aber schwierig.“ Mark Löscher, General Manager der Matthias Hörstmann Unternehmensgruppe, freut sich indes darüber, dass das Erleben eines Festivals nach wie vor so viele Menschen anspreche und das Programm bunter werde. Mit Melt!, Splash! und dem Berlin Festival konnte die Firma mit ihren Partnern zuletzt drei Festivals etablieren, mit MTV Mobile Beats folgt ein viertes 2012. „Wir denken, dass es immer mehr darum gehen wird, Festivals als Marke und Erlebnis zu etablieren, bei denen Rahmenprogramm, Location oder Ansprache immer weiter in den Vordergrund treten und man sich nicht mehr nur auf ein gutes Booking verlassen darf.“ Dementsprechend glaubt er nicht, dass es negative Auswirkungen für etablierte und hochwertige Formate geben wird. „Es wird sich zeigen, ob sich alle neuen Formate durchsetzen können, oder welches Durchhaltevermögen sie beweisen.“ Auch Stephan Thanscheidt, Head of Festivalbooking & Local Department bei FKP Scorpio, befürchtet keine negativen Auswirkungen durch eine „leicht gestiegene Anzahl an Festivals“. Denn die etablierten Open Airs würden sich durch das Programm, die Atmosphäre, den Service und die Sicherheit immer noch deutlich von den übrigen abheben. „Die stetig steigenden Kosten wie Künstlergagen sind im Vergleich zum zahlenmäßigen Anstieg ein essenzielleres Problem. Generell muss es Festivals aber gelingen, Alleinstellungsmerkmale und Besonderheiten zu kreieren, die bei den Besuchern einen entsprechend positiven Eindruck hinterlassen und sie zu einer treuen Stammkundschaft für die jeweils folgenden Jahre machen.“ Marek Lieberberg betont: „Wir orientieren uns nicht an der Konkurrenz und haben die Anzahl unserer Projekte nicht erhöht. Letztlich werden die Fans die einzig gültige Anwort auf das Angebot geben.“ Er ist sich sicher: „Rock am Ring und Rock im Park sind nach wie vor das Maß aller Dinge im Festivalkalender. Die populärsten deutschen Festivals sind seit Monaten ausverkauft und glänzen erneut mit dem Rekordergebnis von 165.000 Tickets. Rock im Pott, das Stadion-Festival auf Schalke, wird hervorragend angenommen. Schon jetzt sind über 30.000 Karten verkauft. Und die enorme Resonanz auf das Sonne, Mond und Sterne Festival der elektronischen Musik lässt ebenfalls ein Rekordergebnis in diesem Jahr erwarten.“ Auch den Veranstaltern von Electro-Magnetic bereitet die steigende Anzahl von Festivals kein Kopfzerbrechen. So steigt am 7. Juli im UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte, einer ehemaligen Zechenanlage, dieses neues Elektronikfestival. Beim Debüt rechnen die veranstaltenden Konzertagenturen Presented For People und Four Artists mit rund 10.000 Zuschauern. Im Gespräch mit MusikWoche sieht Thilo Ziegler, Geschäftsführer Presented For People und Ausrichter des Saarbrücker Festivals Rocco Del Schlacko, kein Überangebot: „Im Gegenteil: Die Festivallandschaft hier im Südwesten ist relativ dünn gesät.“ Besucherzahlen gehen nicht zurück Auch Carlos Fleischmann, Geschäftsführer ct creative talent und Ausrichter des neuen Greenville- Festivals bei Berlin, hält den Markt für „groß genug“. Einen Rückgang bei den Besucherzahlen könne er nicht ausmachen, allerdings glaubt er, dass das reguläre Touringgeschäft im Sommer verschwinden werde. „Auch das war für uns ein Grund, im Sommer statt auf normale Konzerte lieber auf ein Festival zu setzen.“ Für Stefan Reichmann, Haldern Pop/Raum 3, bedeutet die Zunahme „auch viele neue Ideen, Ansätze und Impulse. Man sollte niemanden verbieten, etwas zu unternehmen – und was bleibt, wird sich zeigen. Die Menschen, die zu Festivals gehen, entscheiden. Um sie muss man werben, und das macht man am besten mit einem guten Festival.“ Und Christiane Stenzel vom Münchner Tollwood Festival philosophiert: „Festivals beleben die Kultur. Sie leisten einen wertvollen Beitrag für das kulturelle Leben, denn sie stehen für Vielfalt, Freiheit und Toleranz – sie bringen Menschen zusammen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Nationalität. Wenn sich jedes Festival die Einzigartigkeit, die es auszeichnet, erhält, dann kann sich eine Vielzahl von Festivals nur positiv auf die Kulturlandschaft und das Zusammenleben von Menschen auswirken.“
Dossier: Dünne Luft bei Open-Air-Events
Mit neuen Festivals wie Rock im Pott, Electro-Magnetic, Greenville oder Rock La Roca steht die Festivallandschaft vor einer entscheidenden Saison: Kommt es zur seit langem befürchteten Marktübersättigung oder ist genügend Platz auch für weitere Events? MusikWoche fragte renommierte Veranstalter, ob sie negative Konsequenzen für den Festivalmarkt 2012 heraufziehen sehen.






