Live

Dossier: Comedy-Boom – Was gibt’s denn da zu lachen?

Mit seiner ersten Stadiontour im Sommer setzt Mario Barth für die Comedy-Szene in Deutschland neue Rekorde. Dennoch ist das Marktsegment nicht vor Umbrüchen gefeit. Ddie Absatzzahlen von CDs und DVDs sind rückläufig, und auch das Merchandising-Geschäft spielt noch keine entscheidende Rolle.

Einen Weltrekord hat er bereits in der Tasche – nun will es Mario Barth noch einmal wissen. Nachdem er sich vor drei Jahren noch mit einem einzigen Auftritt im Berliner Olympiastadion begnügt hat, veranstalten die Firmen Bucardo und S-Promotion gemeinsam mit Barths Management Hauptstadt-Helden im Juli gleich eine ganze Stadiontour. Dieses Mal stehen die großen Hallen in Frankfurt, Gelsen kirchen, Leipzig und Berlin auf dem Programm. Damit ist Barth der „weltweit erste Comedian, der eine ganze Stadiontour spielt“, teilt sein Management mit. Fürs wechselnde Vorprogramm gebucht sind so unterschiedliche Musik-Acts wie Madcon, Sido, Revolverheld, DJ BoBo, die Randfichten und Victoria S. Der Comedian zeigt sich siegessicher: „Ich werde meine komplette Show präsentieren – so wie ich sie vorher noch nie gezeigt habe.“ Gegen den Optimismus von Barth scheinen jedoch die aktuellen Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie für 2010 zu sprechen. Denn bei den Umsatzanteilen der Repertoire segmente geht der Comedy- Anteil seit 2008 beständig zurück. Betrug er vor drei Jahren noch 2,1 Prozent, so weist die Statistik für 2010 lediglich 1,8 Prozent aus. Allerdings stand das Segment Anfang des Jahrzehnts noch bei mageren 0,8 Prozent. Entscheidender bei der Analyse der Verbandszahlen ist jedoch die Tatsache, dass sich die Werte ausschließlich aus den verkauften CDs und DVDs ergeben; der im Comedy-Segment so wichtige Livebereich spielt keine Rolle. Deswegen kann Rechtsanwalt Burkhard Westerhoff den Marktrückgang, wie ihn die Zahlen des Bundesverbands Musik – industrie nahe legen, im Gespräch mit MusikWoche nicht bestätigen: „Der Comedy- Markt ist schon sehr lange stabil.“ Vom Kölner Standort der Kanzlei Scheuermann Westerhoff Strittmatter aus vertritt er unter anderem Stefan Raab sowie weitere Künstler und Comedians, die mit der TVProduktionsfirma Brainpool und deren Livedivision zusammenarbeiten. Wachstumspotenzial macht Westerhoff denn auch vor allem auf der Bühne aus: „Comedians sind zumeist im Livebereich sehr erfolgreich, denn Comedy erlebt der Zuschauer gern direkt und vor Ort.Seine Mandanten seien „heute viel mehr on the road als früher“. Das schlägt sich auch bei der Vermarktung von Tonträgern oder Bildtonträgern nieder. Der CD-Verkauf spiele für Comedians, so Westerhoff, nur eine untergeordnete Rolle; vielmehr seien vor allem DVDs gefragt, „denn auch hier ist der optische Aspekt sehr wichtig“. Im Fanartikelgeschäft hätten nur wenige Comedians wirklich Erfolg – eine Ausnahme sei Mario Barth. „Er ist ein gutes Beispiel dafür, weil er seine Fans mit den Statements, die er auf T-Shirts druckt, genau erreicht.“ Ansonsten sei der Merchbereich eher ein „schwieriges Feld“, sagt Westerhoff: „Das typische T-Shirt mit Plattencover funktioniert im Comedy- Geschäft nicht.“ Trotz eigener Erfolge mit dem von Universal Music vermarkteten Comedian Sascha Grammel, dessen Doppel- DVD „Hetz mich nicht“ seit Wochen die MusikWoche Top 10 Comedy anführt, erkennt Wolfgang Teschner, Geschäftsführer Panta Musik und Grammels Manager, auch bedrohliche Anzeichen in der Marktentwicklung: „Mit Sascha Grammel, den wir seit rund sieben Jahren aufbauen, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich beim Publikum sehr deutlich eine Ermüdung zeigt.“ Das macht Teschner vor allem an „der doch sehr verbreiteten Haudrauf- Comedy“ fest, die sich in einer Aneinanderreihung teils einfallsloser, dafür aber harter Gags gegen alles und jeden ergehe. „Es gibt einfach zu wenig Comedians, die mit feiner Klinge Gags über der Gürtellinie landen und insgesamt mit witzigen, lustigen Geschichten und Programmen daher kommen“, findet Tesch ner, der unter anderem mit den Klo – stertalern große Erfolge feierte. Bei den von ihm kritisierten Comedy-Spiel arten spürt er „deutlich ein steigendes Desinter – esse des Publikums“, während er gleichzeitig einen „bei weitem nicht gedeckten Bedarf an guter, anderer Comedy“ erkennt. Einig ist sich Teschner mit Westerhoff bei der Einschätzung des Live segments: „Der finanzielle Schwerpunkt im Comedy- Bereich ist sicher für die allermeisten Künstler im wesentlichen das Live – geschäft“, bekräftigt er. Zwar sei die Auswertung auf DVD wichtig, aber eher zweitrangig. Der Erfolg von Grammel mit seiner DVD sei da eine Ausnahme. Denn im übrigen Comedy-Geschäft würden „sehr selten“ Absatzzahlen von 50.000 verkauften Einheiten oder mehr erreicht. In der Tat sank die Anzahl der vom Bundesverband verliehenen Platin-Auszeichungen, die es bei Bildtonträgern ab 50.000 Einheiten gibt, von 33 im Jahr 2009 auf 29 im Jahr 2010. Anderseits verbesserte sich die Bilanz bei den Gold-Ehrungen, für die 25.000 Einheiten verkauft werden müssen, 2010 im Vergleich zum Vorjahr von vier auf zehn Jahr. Neben der DVD-Vermarktung spielt auch Merchandising eine gewisse Rolle, sagt Teschner: „Für einige wenige Künstler – unter anderem für Sascha Grammel – ist der Merchandising- Bereich eine interessante Umsatzebene, die es aber sicherlich nicht mit dem Livegeschäft aufnehmen kann.“ Für Felix Roth, Director des Sony-Music-Labels Spass – gesellschaft, geht es im Kern immer darum, Comedy-Künstler mit eigenem Profil und klarer Wiedererkenn barkeit zu entdecken, langfristig erfolgreich aufzubauen und im Markt zu etablieren. „Dabei setzen wir auf Newcomer, die wir breaken, auf Stars, mit denen wir gemeinsam die nächste Stufe erklimmen, und auf Special- Interest- Themen wie Martin Rütter, die in ihrem Ursprung gar nicht dem Comedy- Genre zuzuordnen sind.“ Gerade der Erfolg von Rütters DVD „Hund-Deutsch/ Deutsch-Hund“ habe bestätigt, dass selbst der im Vergleich zur Musik viel kleinere Comedy-Markt immer wieder Luft für inhaltliche Innovationen und vermeint – liche Nischen biete. Das Livegeschäft hält Roth für nach wie vor konstant gut; es schaffe Impulse für den Markt. Zudem seien Sender wie RTL mit einer klaren Comedy-Expertise eine wichtige Säule für eine ganzheitliche Vermarktung von Comedy-Künstlern. Suche nach neuen digitalen Erlösquellen „Das Bedürfnis nach guter Unterhaltung wird in den nächsten Jahren nicht nachlassen, nur die Art und Weise wo wir was von welchem Künstler in welcher Form konsumierbar machen, stellt die entscheidende Herausforderung dar“, sagt Roth. „Dem Geschäft à la carte mit Bild-/Tonträger und Download wird sich entsprechend mehr und mehr hinzugesellen.“ Um langfristig erfolgreich zu sein, strebt Spass – gesellschaft neben der Künstlerentwicklung den Ausbau an Livebeteiligungen, Merchandise und die Entwicklung neuer digitaler Erlösquellen wie Comedy-Apps an. „Auch wenn die Losung nicht mehr neu klingt: Rechte und Expertise aus bauen sind entscheidende Punkte im aktuellen Tagesgeschäft“, erklärt Roth. Ein Beispiel dafür sei Buddy Ogün, der online mehr als 22 Millionen Klicks gesammelt habe. Eine von Spassgesellschaft entwickelte BuddyÖgun- App verkaufte sich 2010 über 50.000 Mal, stand 44 Wochen in den Top 15 der iTunes-Charts und ist weltweit die zweiterfolgreichste, kostenpflichtige App von Sony Music App. Von René Marik hat die Firma über 40.000 Fingerpuppen verkauft. An diese Erfolge anknüpfen soll Helge Schneider, dessen erste Live-DVD die Firma jüngst veröffentlicht hat. Ins – gesamt kommt Spassgesellschaft laut eigenen Angaben auf einen sehr guten Marktanteil: Neun von zehn Plätzen in den Top 10 der Comedy-Jahrescharts 2010 und ein Marktanteil von 43 Prozent beweise die klare Marktführerschaft im Comedy- Markt, so Roth. Ob der Comedy-Markt boomt oder nicht, interessiert Mohamed Anayssi, Geschäftsführer Live Legend, indes nicht: Der Berliner Veranstalter hat jüngst mit Kurt Kroemer seinen ersten Comedy-Künstler unter Vertrag genommen und meldet nun, dass einige Termine der Herbsttournee nach wenigen Stunden praktisch ausverkauft waren. Sieht so aus, als ob Barths Stadiontour bald Gesellschaft bekommt.

Neugierig?

Jetzt als Abonnent anmelden und weiterlesen.

Du hast noch kein Abo? Dann hol dir jetzt das Digitalabo für nur 39,90 Euro pro Monat.

Anmelden