“Das Amsterdam Dance Event ist noch besser als ich erwartet habe – hier sind wirklich alle da“, merte Hille Hillekamp an. Der Geschäftsführer des auf Dance spezialisierten Musikverlags Grand H war einer jener deutschen Fachbesucher, die in diesem Jahr erstmals das Amsterdam Dance Event (ADE) besuchten – wie auch Produzent Ramon Zenker oder peermusic-Geschäftsführer Lars Ingwersen. Die Novizen trugen zu den Rekordzahlen bei, die Buma Cultuur und die Kulturabteilung der niederländischen Verwertungsgesellschaft Buma/Stemra als ADE-Veranstalter bekannt – gaben: Nach 3000 Fachbesuchern und 140.000 Clubgängern im Vorjahr kamen nun 3800 Dele – gierte, während 200.000 Ticketkäufer das nächtliche Liveprogramm in 75 verschiedenen Clubs besuchten. Dort warteten insgesamt 1700 Künstler auf die Clubgäste – auch das ein neuer Rekord. Solche Steigerungen bringen jedoch auch Probleme mit sich, wie zum Beispiel Frank Fenslau, Managing Director Superstar Entertainment, erklärt: „Die Veranstalter müssen aufpassen, dass sie von ihrem eigenen Erfolg nicht überrannt werden. Die Dezentralisierung der Veranstaltung in den letzten Jahren war sicherlich richtig, aber vor allem die langjährigen ADE-Besucher bleiben dann doch im angestammten Felix-Meritis- Gebäude.“ Dennoch will Fenslau seine Einschät-zung nicht als allgemeine Kritik an der Veranstaltung verstanden wissen: „Ich sage es in allen Gremien: Kommt nach Amsterdam und schaut euch an, wie man heutzutage eine Messe organisieren muss.“ Den Spagat zwischen dem stetig wachsenden Erfolg des ADE und der Herausfor – derung, den alten, familiären Geist des Events zu wahren, sieht auch Richard Zijlma, der langjährige General Manager des Branchentreffs. Zwar zieht er im Gespräch mit MusikWoche durchaus ein positives Fazit: „Wir sind sehr zufrieden. Besonders freut mich, dass die Fachbesucher unser neues Konzept noch besser angenommen haben als im Vorjahr.“ Aber Zijlma räumt ein, dass sich das ADE in einer „sehr interessanten Periode“ befinde. „Es ist immer schwer für die Besucher, sich an Neuerungen bei der Messeorganisation zu gewöhnen. In der Regel dauert das einge Jahre.“ Die Messe will den ADE-Geist bewahren Ganz klar im Vordergrund stehe bei allen Änderungen am ursprünglichen Konzept aber immer, dass man den ADE-Geist bewahren will. „Insgesamt ist das in diesem Jahr besser gelungen, als ich gedacht hätte“, sagt Zijlma. So stehe das ADE auch dank der Dezentralisierung nun besser da als noch vor zwei Jahren, als das Felix Meritis bis an die absolute Kapazitätsgrenze gefüllt war. Als Reak – tion darauf hatten die Veranstalt im vergangenen Jahr den Konferenzteil Music And Bits als eigenständige Technologiekonferenz ausgelagert sowie die ADE University für Branchenneulinge, den ADE Playground für Firmenpräsentationen und die Hard Dance Conference (HDE) als neuen Bereich für die härteren Stile der elektronischen Musik ins Leben gerufen. Sehr zufrieden mit dem HDE zeigt sich Dennis Bohn, Geschäftsführer des Ham – burger Labels Mental Madness: „Es war wichtig, dass man ein eigenes Event für dieses Segment geschaffen hat. Denn auf der bisherigen Messe traf man immer wieder nur die gleichen Leute, während hier beim HDE nur Leute vor Ort sind, die sich ausschließlich mit diesem Stil beschäftigen.“ Auch Oliver Vordemvenne, zuständig für Marketing und Kommunikation beim deutschen Ver – anstalter I-Motion, attestiert dem Amsterdam Dance Event, dass es mit dem HDE auf das richtige Pferd gesetzt hat. „Hardstyle wächst. Ich sehe hier noch viel Potenzial – auch international.“ Doch nicht nur das HDE, das 2012 vom Firmengebäude der holländischen Veranstalter ID&T in den Club Melkweg zog, hat nun als eigenständiger Satellit in der Gesamtkonzeption mehr Gewicht: Richard Zijlma und sein siebenköpfiges Team haben alle angedockten Module in diesem Jahr deutlich ausgebaut und ihnen weitere hinzugefügt. So feierte die Subkonferenz ADE Beamlab Premiere, die sich um Visuals und Stage Design kümmert. Neu war eine Festivallounge, in der am Freitag der deutsche Radiosender sunshine live eine Show produzierte. Erstmals luden zudem die Agentur La Santa Negra und der TV-Sender iMusic 1 zu einem deutschen Abend in den Club Werck ein. Noch größer als im Vorjahr fiel der Bereich ADE Playground aus: Hier konnten sich in verschiedenen Clubs und sonstigen Veranstaltungsorten Firmen mit ihren Produkten präsentieren. So stellte beispielsweise Native Instruments neue DJ-Werkzeuge vor. „Die Marken haben uns immer wieder gefragt, wo sie sich präsentieren könnten, deshalb haben wir dieses Forum geschaffen“, erläutert Richard Zijlma, der mit ADE Playground auch Nacht- und Tagesprogramm in den Clubs verbinden wollte. Konkurrenzveranstaltungen zum ADE wie der vom britischem DJ Peter Tong auf Ibiza organisierte International Music Summit (IMS) sieht Zijlma als willkommenen Wettbewerb an: „In der Modewelt gibt es auch nicht nur die eine entscheidende Fashion Week, sondern bestimmt zehn weitere wichtige Veranstaltungen. Und Dance ist derzeit so global und so stark, dass ein paar kleinere Events für das Segment sogar gut sind.“ Tangiert der Danceboom Deutschland? Doch so sehr die Branchenevents auch im Aufwind sind und die sogenannte Electronic Dance Music (EDM) in den USA ungeahnte kommerzielle Höhen erreicht – die deutschen Delegierten diskutierten auch, wie der Danceboom, wenn überhaupt, Deutschland tangiert. So stellte Werner Griese, Geschäftsführer der Agentur Dancefield, fest: „In Deutschland ist der Boom in den Clubs noch nicht angekommen.“ Das unterstreicht auch Aga Heller, Geschäftsführer der Hamburger Agentur Supra – tone: „Deutschland profitiert nicht vom Danceboom – im Gegenteil. Bislang war 20.000 Euro die Grenze für eine DJ-Gage, doch nun verlangen die durch US-Gagen verwöhnten Superstar-DJs das Vielfache davon. Das kann sich jedoch kein deutscher Club mehr leisten.“ Aga Heller schließt sich auch der Kritik von Armin van Buuren an, der in einem ADE-Panel anmerkte, dass Gagen von 250.000 Dollar, wie sie derzeit in Las Vegas keine Ausnahme seien, „keine gesunde Entwicklung“ darstellen. Wohin diese Entwicklung letztlich führt, muss und wird sich indes erst noch zeigen. Spätestens beim nächsten Amsterdam Dance Event. Universal Music drückt aufs Gaspedal Für die deutsche Universal-Delegation dürfte das Amsterdam Dance Event ein ganz besonderer Erfolg gewesen sein. Denn erstmals tagte in Amsterdam das internationale Labelnetzwerk PM:AM, mit dem der Major wie ein Indie arbeiten will. „Wir sind auf einem sehr guten Weg, auch wenn wir unser endgültiges Ziel noch nicht erreicht haben“, sagt Jochen Schuster, General Manager Universal Domestic Pop/Mainstream, im Gespräch mit MusikWoche. Denn man könne ein gutes Dance – label nicht binnen eines Jahres aus dem Boden stampfen. Allerdings sei Zeitgeist, das der Berliner Major 2011 als Dancelabel wieder auferstehen ließ, inzwischen bereits eine gute Ansprech – adresse geworden. Als nächsten großen Schritt sieht Jochen Schuster das von Universal betrie – bene internationale Dancelabelnetzwerk PM:AM. Zu dessen erstem großen Meeting trafen sich Universal- Manager unter anderem aus Deutschland, USA, Schweden, Frankreich, England, Benelux, Spanien und Italien auf dem Amsterdam Dance Event (ADE). „Wir haben Tracks geteilt und uns allgemein ausgetauscht. Dabei haben wir aber auch das Prozedere besprochen: Wie kann man gemeinsam noch schneller handeln?“ So hätten die Mitglieder nun einen Zeitrahmen von 48 Stunden, um sich bei einem Thema zu entscheiden. Damit will Universal schneller sein als vor zehn, 15 Jahren, als man den Majors im internatio – nalen Dancegeschäft vorwarf, sie seien strukturell bedingt zu langsam. „Mit PM:AM versuchen wir, im Major gleichsam eine Indiestruktur aufzubauen. Dance und Elektronik stehen bei Universal auf der internationalen Agenda sehr weit oben“, betont Aktiv in Amsterdam: Jochen Schuster (links) und Tom Keil waren für Universal Music unterwegs Kontor Records nimmt neuen USA-Anlauf Das Hamburger Dancelabel Kontor Records, das schon 2009 mit dem Joint Venture Napith Music die Fühler in den USA ausgestreckt hatte, will es nun mit anderen Partnern erneut in den Staaten versuchen. „Die Amerikaner holen sich Produzenten und Autoren in die USA, anstatt fremden Content zu lizenzieren“, erläuert Kontor-Chef Jens Thele im Gespräch mit MusikWoche. Aus diesem und aus anderen Gründen habe man Napith Music zwischenzeitlich eingestellt. Dennoch sei das eine Schuster. Auch zur Kritik, dass Universal mit zu hohen Vorschüsse hantiere, nimmt er Stellung: „Wir haben zwar die Möglichkeit, große Vorschüsse zu zahlen, aber bei einem normalen Dancetrack werden wir sicher nicht durchdrehen. Manchmal hilft es allerdings, auf diese Weise an große Namen zu kommen.“ Denn die sogenannten Superstar-DJs seien durch ihre immensen Live – gagen verwöhnt. „Um da am Kuchen zu naschen – und ich sage ganz bewusst naschen und nicht mitessen – muss man sich etwas einfallen lassen. Es ist aber nie unser Ziel, am meisten Geld auf den Tisch zu legen.“ Für Tom Keil, der als freier A&R Manager für Zeitgeist arbeitet, bietet das PM:AMNetzwerk viele Vorteile. So waren Signings von Avicii und Alesso gemeinsame Aktionen: „Mit Künstlern wie Afrojack, Cédric Chevalier oder Ian Carey haben wir mittlerweile ein respektables Artist- Roster aufgebaut und mit dem Labeldeal mit dem niederländischen Dancelabel Spinnin‘ Records den nächsten Schritt gesetzt.“ Demnächst erscheinen über Zeitgeist/PM:AM international bereits erfolgreiche Tracks wie „Million Voice“ von Otto Knows oder „Hungry Hearts“ vom schwedischen Projekt Nause.Zeitgeist sei breit aufgestellt, sagt Keil. Das Spektrum umfasse den mit Platin veredelten Hit „Tacatá“ von Tacabro, aber auch experimentelle Tracks vom Österreicher Wolfram, mit dem Zeitgeist langfristig zusammenarbeiten will. „Der Vorwurf, dass wir nur schnelle und kommerziele Hypes abgreifen, stimmt einfach nicht“, stellt Keil klar. Dietmar Schwenger „eine interessante Erfahrung“ gewesen, „und am Ende haben wir damit sogar Gewinn erzielt“. Beim neuen Joint Venture arbeitet Kontor nun mit Maurizio Colella (Sirup Music), Mark Lincoln Braun (CR2 Records) und dem US-Anwalt Kurosh Nas – seri zusammen. Auch Andre „ATB“ Tanneberger ist als Investor dabei. Als Managing Director fungiert der nach L.A. ausgewanderte Londoner DJ und Produzent Craig Dimech. Aber auch in Deutschland laufe es für Kontor sehr gut, sagt Thele: „Für uns war 2012 das bislang beste Jahr überhaupt.“ Er verweist auf Erfolge von DJ Antoine, R.I.O., Mike Candys und den Atzen. „Es läuft gerade so gut, dass uns eher die Sorge beschleicht, dass es schlechter werden könnte.“ Doch auch auf solche Fälle sei Kontor vorbereitet. „Von Beginn an waren wir immer international ausgerichtet. Mal haben wir einen Hit, dann wieder sind es unsere Partner. Das ist ein idealer Austausch. Mal geht hier eine Lampe aus, dafür geht dort eine an“, philosophiert der Labelmacher.
Dossier: Amsterdam Dance Event 2012 – Hochamt für elektronische Musik
Das hat schon Tradition: Auch die 17. Ausgabe des Amsterdam Dance Events, die am 21. Oktober in der niederländischen Hauptstadt nach fünf ereignisreichen Tagen zu Ende ging, stellte mit 3800 Fachbesuchern und 200.000 Clubgängern neue Rekorde auf. Davon überzeugten sich auch einige Debütanten aus Deutschland.






