Trotz steigender Lebenshaltungskosten und wachsender Preissensibilität bleibe die Nachfrage nach Festivals hoch. „Auch in diesem Sommer erreichen sie ein Millionenpublikum. Denn Live-Erlebnisse gelten als Orte von Gemeinschaft, Identifikation und gelebter Teilhabe. Gleichzeitig prägen wachsende wirtschaftliche Risiken die Lage der Festivalbranche“, teilt der BDKV mit.
So seien die Produktionskosten seit Ende der Pandemie um rund 50 Prozent gestiegen, während Ticketpreise mit rund 30 Prozent deutlich langsamer nachgezogen hätten. „Die Anforderungen an Shows, Nachhaltigkeit und Infrastruktur wachsen, die Nachfrage wird volatiler und der wirtschaftliche Erfolg entscheidet sich oft erst kurz vor Veranstaltungsbeginn.“ Auch würden aktuelle Studien zeigen, dass insbesondere junge Menschen Erlebnisse gezielt gegenüber materiellem Besitz bevorzugen: „Rund 70 Prozent der 18- bis 29-Jährigen messen Live-Musik eine hohe Bedeutung bei. 80 Prozent geben an, ihr Geld lieber für Erlebnisse auszugeben, 93 Prozent suchen gezielt reale Erfahrungen als Gegenpol zur digitalen Welt“, analysiert der Live-Verband.
„Wir sehen aktuell sehr deutlich, dass nicht weniger Geld ausgegeben wird, sondern fokussierter“, sagt BDKV-Geschäftsführer Johannes Everke. „Fans entscheiden sich gezielt für Kulturerlebnisse – und Festivals stehen dabei ganz oben.“ Das zeige sich, wenn 32 Prozent der Festivalbesucherinnen bereit seien, weltweit zu reisen, 39 Prozent europaweit. Gleichzeitig bleibe die Fanbindung hoch.
Mit zuletzt 5,37 Millionen liege die Zahl der regelmäßigen Konzertbesucher:innen auf Rekordniveau und über dem Niveau vor der Pandemie. Warum Festivals dabei eine so zentrale Rolle einnehmen, zeige sich auch in den Motiven: 87 Prozent nennen Künstlerinnen und Tanzen als Hauptgrund, 83 Prozent die Gemeinschaft mit anderen. International geben zudem 77 Prozent der Fans an, sich bei Konzerten als Teil von etwas Größerem zu fühlen. Deshalb nutzen mehr als drei Viertel der Fans Early-Bird-Tickets und richten ihre Lebensplanungen auf ein Ereignis aus, das erst in einem Jahr stattfindet.
„Festivals sind nicht nur Veranstaltungen. Sie sind Orte der Inspiration, gelebte Utopie und Räume, in denen Gemeinschaft real erlebbar wird“, erläutert Sonia Simmenauer, Präsidentin des BDKV. „Gerade in einer Zeit, die von Unsicherheit und Fragmentierung geprägt ist, schaffen sie echte Begegnung.“ Mit der hohen Nachfrage wachse auch die Bedeutung eines fairen und transparenten Ticketmarktes. „Gerade im Zweitmarkt sehen sich die Fans weiterhin mit überhöhten Preisen, intransparenten Angeboten und vielfachem Betrug konfrontiert. Dabei muss der Zugang zu Live-Erlebnissen sowohl im Sinne der Fans als auch im Sinne der Künstler*innen und Veranstaltenden verlässlich und fair bleiben. Nur so kann sichergestellt werden, dass Kulturveranstaltungen für breite Zielgruppen erreichbar bleiben und Vertrauen nicht untergraben wird“, so der BDKV weiter.
Der Verband betont, dass Festivals nicht nur kulturell prägende Publikumserlebnisse seien, sondern zentrale Plattformen für Künstlerkarrieren und ein wirtschaftlicher Motor der Musikwirtschaft. „Eingebettet in ein Ökosystem von insgesamt rund 1800 Musikfestivals in Deutschland, bringen allein die größten zehn Festivals jährlich über 1000 Acts auf die Bühne und erreichen rund 700.000 Besucherinnen. Für Künstler:innen sind Festivals entscheidend, um neue Zielgruppen zu erschließen und Communities aufzubauen. Gerade in einer digitalen Musikwelt, in der Streamingplattformen täglich von hunderttausenden neuen Songs geflutet werden, gewinnen unmittelbare Live-Erlebnisse als Orte echter Sichtbarkeit und Fanbindung weiter an Bedeutung. Sie prägen den sogenannten ‚Circle of Live‘, wenn im Licht der großen Bühnen die Basis für die Topstars von morgen gelegt wird. Gleichzeitig hat sich der Wettbewerb um die Top-Acts verschärft, wodurch Gagen deutlich gestiegen sind und sich in Teilen sogar verdreifacht haben.“
„Während die Kosten für Produktion, Personal und Künstlerhonorare seit der Pandemie in Summe um rund 50 Prozent gestiegen sind, können das die im branchenweiten Durchschnitt um rund 30 Prozent gestiegenen Ticketpreise nicht auffangen“, weiß Everke. „Gleichzeitig wollen wir Live-Erlebnisse für möglichst viele Menschen zugänglich halten und machen die Tickets deshalb nicht noch teurer. Das setzt die Margen bei großen wie kleinen Veranstaltungen unter Druck.“
BDKV-Vorstand Stephan Thanscheidt, CEO FKP Scorpio, führt aus: „Auch wenn selbst erfolgreiche Festivals aufgrund immenser Kostensteigerungen wirtschaftlich unter Druck stehen, haben sie nach wie vor einen hohen kulturellen und gesellschaftlichen Stellenwert. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Branche und Verband die richtigen Entscheidungen treffen, um ihre Zukunft langfristig zu sichern.“
Die wirtschaftliche Stabilität der Branche hänge maßgeblich von verlässlichen Rahmenbedingungen ab. „Kosten- und Bürokratiezuwächse müssen begrenzt werden und die Branche braucht sozial- und arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen, die der Kulturproduktion gerecht werden. Nicht zuletzt der faire Ticketzweitmarkt und niedrige Zugangshürden sind Voraussetzung dafür, dass gerade junge Menschen Livekultur erleben und als Publikum, Fachkräfte oder Künstler*innen zurückkehren“, heißt es aus Hamburg.
„Um als Branche resilient zu bleiben und auch den Profis von morgen ein attraktives Arbeitsumfeld bieten zu können, brauchen wir Rahmenbedingungen, die Arbeiten ermöglichen, statt zu bremsen“, resümiert Everke. „Dazu gehören unter anderem moderne Arbeitszeitregelungen und klare, rechtssichere Bedingungen für selbständige Tätigkeiten.“ Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Digitalisierung und multipler Krisen zeigten Festivals ihre verbindende, identitätsstiftende Wirkung und wirtschaftliche Strahlkraft. „Sie treffen das Bedürfnis der Fans nach Gemeinschaft, echtem Kulturerlebnis und einem einzigartigen, analogen Wert.








