Kino

Dieter Thomas Heck zum 65. Geburtstag

„Engagiert, glaubhaft, Urgestein der deutschen Unterhaltung.“ So beschrieb der frühere ZDF-Intendant Prof. Dieter Stolte das Geburtstagskind. Was macht Dieter Thomas Heck so unwiderstehlich?

Deutschland war lange Zeit ein geteiltes Land. Die Deutschen hassten zwar die Mauer in Berlin, kultivierten aber von jeher gern die Trennwände in ihren Köpfen. Das war in den Sechzigern so, und es gilt auch heute noch. Damals liebten die einen die Beatles, die anderen die Rolling Stones. Die Älteren schimpften auf die „Negermusik“, große Teile der Jugend fanden Schlager entsetzlich. Doch dann kam Dieter Thomas Heck. Mit seinem bedingungslosen Einsatz für den deutschen Schlager galt er dem einen Lager bald als abschreckendes Beispiel dafür, was die heile Welt der Fernsehunterhaltung aus einem Menschen machen kann, während er für die andere Fraktion schnell zum Hoffnungsträger, wenn nicht gar zur Lichtgestalt, avancierte. Zwischen beiden Extremen gab es nichts, nur die Mäuerchen in den Köpfen. Wer seine musikalische TV-Sozialisation mit „Star Club“, Uschi Nerke und Manfred Sexauer erlebt hatte, für den war die „ZDF Hitparade“ auf lange Sicht suspekt. Das war so.

„Hier ist Berlin. Das Zweite Deutsche Fernsehen präsentiert Ihnen Ausgabe Nummer eins der Hitparade. Am Mikrofon Ihr Dieter Thomas Heck. Guten Abend.“ So fing eine neue Zeitrechnung an, man schrieb den 18. Januar 1969. Am Tag danach stand in der „Bild“-Zeitung die Schlagzeile: „Die Sänger flüsterten, der Showmaster schrie.“ Und dieser Showmaster gestand später: „Ich war am Boden zerstört.“ Doch er machte weiter, unverdrossen, mit lauter, ungebrochener Stimme, stets souverän und formvollendet; er erlangte Berühmtheit wegen seiner schnellen Abmoderationen, gewann immer mehr Freunde – und trug so unbeirrbar und dezent, aber dafür umso nachhaltiger zum Abbau der kulturellen Demarkationslinien in den Köpfen der Kulturkonsumenten bei. Der ersten „ZDF Hitparade“ folgten 183 weitere; dieser Heck wurde zum Dauerbrenner auf der TV-Mattscheibe und schließlich unwiderruflich zur Kultfigur. „Berlin Tempelhof, ein Ruf schallt durch das UFA-Gelände in die Oberlandstraße: Achtung, sie kommen! Durch das geöffnete Tor schwillt eine Menschenmasse herein. Vor der Sendehalle wird der Sturmlauf der Toupierten, der Kurzberockten, der Korpulenten, der Verschwitzten jäh unterbrochen. Noch nicht geknickte Blumensträuße knicken. Ein Autogrammbuch liegt am Boden. Zertreten – die stolze Michael-Holm-Signatur.“ So weit ein Augenzeugenbericht der „Bild“-Zeitung über die Atmosphäre am Set der „Hitparade“, die bis 1984 die unverwechselbare Signatur des Moderators Heck trug.

Zum dauerhaften Erfolg der Sendung dürfte auch beigetragen haben, dass sich Heck modernen Strömungen der deutschsprachigen Musikszene nicht verschloss. So kam die Neue Deutsche Welle vor 20 Jahren zu ihrem Recht, und in gewisser Weise markierte damals der erste Auftritt von Trio eine Wende in der Rezeption deutschsprachiger Musik: Auch wer bislang mit Schlager nichts am Hut hatte, weil er aus der Rock-Fraktion kam, der konnte anfangen, Heck und seine Sendung ernst zu nehmen. Und der Moderator selbst zeigte sich auch in seinen späteren Erfolgssendungen oft offener und lernbegieriger als vermutlich große Teile seines Publikums. Aber den Besserwisser raushängen zu lassen, das Volk womöglich zu belehren und auf den Pfad des vermeintlich rechten Geschmacks zu führen – das war nie seine Sache, dazu hatte er von Anfang an zu viel Format.

Der Mann war eben schon Profi, als er 1969 in Berlin-Tempelhof die Hitparade übernahm. Den Bart hatte er sich damals übrigens auf Anraten seines Regisseurs Truck Branss vorher abrasiert, die Blümchenhemden gegen einen dunklen Anzug mit Weste und rotem Seidenfutter getauscht. Und seine ersten Gehversuche im Showbusiness hatte er bereits 1959 gemacht: Damals erschien seine erste Single mit dem schönen Titel „Hippe di hopp, mein Mädchen“; Heck musste die ersten Autogrammkarten anschaffen; Showmaster Peter Frankenfeld holte ihn in seine Nachwuchssendung „Toi, toi, toi“. Und 1961 stand er dann sogar bei der deutschen Vorentscheidung für den Grand Prix d’Eurovision auf der Bühne. Bis dahin war er im Hauptberuf noch Autoverkäufer in Hamburg – „Autos faszinieren mich schon immer“, sagt er. Doch 1963 engagierte ihn der Südwestfunk als Moderator, weshalb Heck am 29. Dezember 2002 nicht nur seinen 65. Geburtstag feiern kann, sondern auch sein 40-jähriges Berufsjubiläum.

Zur Person

Dieter Thomas Heck, Produzent und Moderator

geboren am 29. Dezember 1937 in Flensburg, bürgerlicher Name: Karl Dietrich Heckscher, seit 1976 verheiratet mit Ragnhild Heck, gemeinsame Tochter: Saskia Fee Isabell; zwei Söhne (Rolf-Nils und Thomas-Kim) aus erster Ehe

Von 1964 bis 1966 war Dieter Thomas Heck Discjockey bei Radio Luxemburg; 1966 wechselte er zur Europawelle Saar. Für die „ZDF Hitparade“ moderierte er vom 18. Januar 1969 an insgesamt 184 Folgen. In den Siebzigern und Achtzigern führte Heck durch Sendungen wie „Die Pyramide“, „Die Goldene Stimmgabel“, „Melodien für Millionen“ oder „Musik liegt in der Luft“. 1988 gründete er zusammen mit seiner Frau die Firma DITO Mulitmedia Produktions GmbH, mit der er für die dritten ARD-Programme „Die Deutsche Schlagerparade“ und fürs Erste „Die Schlagerparade der Volksmusik“, „Die Goldene Stimmgabel“ und andere Sendungen produzierte. Neben seinen Fernsehverpflichtungen übernahm Heck immer wieder Rundfunkaufgaben (zum Beispiel beim SWF) oder, seit 1970, Ausflüge ins Schauspielfach (zum Beispiel „Tatort“, 1981). Er erhielt viele Auszeichnungen: Goldener Pfeil (1967), Goldene Kamera (1970), Achievement Award von „Record World“ (1972), Goldene Europa (1973) und last but not least das Bundesverdienstkreuz am Bande (1984). Das Fazit zog der Jubilar schon vor einigen Jahren in einem Interview: „Mein Leben ist geglückt, als ich zur Welt kam. Ein glückliches Leben führe ich in jedem Fall.“

In diesen vier Jahrzehnten wurde der gebürtige Flensburger, den ZDF-Intendant Prof. Dieter Stolte als „engagiert, glaubhaft und ein Urgestein der deutschen Unterhaltung“ beschrieb, zur Institution. Er ist einer der erfahrensten und erfolgreichsten Moderatoren des deutschen Fernsehens, und selbst wer nicht zu seinem engeren Freundeskreis gehört, kann sich seinem Charme, seiner Professionalität und seinem stets wachen Sinn für alles, was geht und gut ist, nicht entziehen.

Auch Heinz Rudolf Kunze weiß das zu schätzen, der mit seiner klaren Neigung zum harten Rock nicht unbedingt dem Klischee des Heck-Kumpels entspricht. Die beiden saßen einst, es ist viele Jahre her, zusammen in einem Bus, der sie und viele andere Gäste zur Uraufführung der deutschen Fassung des Musicals „Les Misérables“ in Oberhausen brachte. Heinz Rudolf Kunze hat das deutsche Libretto verfasst, ein „labour of love“, wie man so schön sagt. Dieter Thomas Heck hatte die Texte gelesen, war begeistert und sparte nicht mit Komplimenten an Kunzes Adresse. Der wiederum fühlte sich geehrt. Und die übrigen Insassen des Busses nahmen mit Interesse zur Kenntnis, dass Heck wirklich weiß, wovon er spricht – und dass seine Stimme in der Tat unverkennbar laut ist. Aber nicht nur wegen kräftiger Stimmbänder konnte er sich in der deutschen Entertainment-Landschaft nachhaltig Gehör verschaffen. Sondern eben auch, weil er zuhören kann und sich tatsächlich für das interessiert, was ihm seine Gesprächspartner erzählen. Kein Heckmeck.

Auch die Zuschauer der „Johannes B. Kerner Show“ konnten sich vor einigen Monaten von den Qualitäten des Zuhörers Heck überzeugen: Der war mit seiner Gemahlin Ragnhild zu Gast bei Kerner – ebenso wie die durchaus sensible und um Worte nicht verlegene Liedermacherin Pe Werner. Es ging um Vergangenheitsbewältigung: Pe Werner hat sich von ihrem langjährigen Lebensgefährten getrennt. Die Hecks hörten intensiv zu. Dann machte Showmaster Heck in knappen Worten seinem Erstaunen über die schnoddrige Wortwahl der Poetin Luft – und verdeutlichte dem Zuschauer damit, dass es unter der eloquenten Oberfläche wohl noch immer um verletzte Gefühle geht. Also sozusagen um Mauern. Dafür hat Dieter Thomas Heck ein sensibles Gespür. Und so bringt er die Dinge auf den Punkt – eine Kunst im Showgeschäft, die man gar nicht hoch genug schätzen kann. Auch in 40 Jahren noch.

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