Es scheint noch lange nicht alles gesagt, wenn es um den Wert der Kreativität in der digitalen Gesellschaft geht. Und so stand das Thema auch bei der zweiten Internationalen Hamburger Sommerakademie für Filmmusik, Gamesmusik und Sounddesign (FSH FilmSoundHamburg) am Abend des 18. Juni auf der Tagesordnung.
Eingeladen hatte die DEFKOM (Deutsche Filmkomponistenunion), im Publikum saßen die Teilnehmer der Sommerakademie – praktisch alle selbst Komponisten und ausübende Musiker – sowie Kreativschaffende und Verwerter aus Hamburg. Das Podium war hochkarätig besetzt: mit Karina Poche (Senior Manager Business & Legal Affairs Sony/ATV Music Publishing (Germany)), Prof. Dr. Enjott Schneider (Aufsichtsratsvorsitzender GEMA und Komponist), Malte Spitz (Mitglied im Bundesvorstand Bündins 90/Die Grünen), Johannes Thon (Labelbetreiber und Lehrer, Piratenpartei) und Holger Schwetter (Cultural Commons Collecting Society C3S, Musik- und Medienwissenschaftler). Es moderierte MusikWoche-Chefredakteur Manfred Gillig-Degrave, für die DEFKOM begrüßte Filmmusikkomponist Oliver Heuss (Gremmy-Studios) die Teilnehmer.
Als kreative Einführung ins Thema trug der Schauspieler, Autor und Regisseur René Sydow eine furiose Philippika gegen die Entwertung der kreativen Arbeit durch die Mitnahmementalität der Internauten und ihrer Apologeten in den politischen Parteien vor – „Kunst ist eine Dienstleistung“, so Sydow, die man wie andere Dienstleistungen nicht umsonst bekommen dürfe, er fühle sich in seiner Existenz als Kreativschaffender bedroht. Nach dieser leidenschaftlichen Einstimmung kam bald eine lebhafte Diskussion auf Touren, bei der das fachkundige Publikum vor allem dem Piraten, dem Creative-Commons-Verfechter und dem Grünen-Politiker argumentativ zusetzte.
Dass Bruno Kramm, der als Anti-Urhebersprachrohr der Piraten in den vergangenen Monaten viel verbrannte Erde hinterlassen hat, kurzfristig krankheitshalber hatte absagen müssen, kam der Sachlichkeit zugute; „Ersatzpirat“ Johannes Thon schlug sich charmant und redlich und dabei kaum weniger eloquent als Kramm. Holger Schwetter vertrat die These, dass das digitale Zeitalter eine Neustrukturierung unumgänglich mache und das traditionelle Verwertungsdreieck zwischen Urhebern, Verwertern und Konsumenten nicht mehr stabil funktioniere, weil sich Konsumenten im Netz auch als Distributoren, als Prosumer, betätigen. Zudem forderte Schwetter einen flexibleren Umgang mit dem Kopier- und Zitatrecht zwecks Erleichterung der Schöpfung neuer Werke.
Enjott Schneider wies auf die Komplexität der Materie hin, nicht nur wegen der seit mehr als 100 Jahren gewachsenen – und gewucherten? – Tarifstrukturen, sondern vor allem auch mit Blick auf die internationale Verflechtung, wie sie sich im Dachverband der Verwertungsgesellschaften, der CISAC, manifestiert. „Die indischen Komponisten sind froh, dass sie im neuen Urhebergesetz jetzt endlich berücksichtigt werden; Urheber in afrikanischen Ländern sind stolz darauf, wenn sie eine Verwertungsgesellschaft haben, die CISAC-Mitglied ist – und wir diskutieren über die Änderung, wenn nicht gar Abschaffung des Urheberrechts, weil es mit dem Internet einen neuen technischen Rahmen gibt.“ Nicht das Urheberrecht müsse angepasst werden, sondern die Regeln, nach denen die Digitalwirtschaft mit der kreativen Leistung anderer umgeht. Schneider betonte, dass man vor allem erst einmal eine globale Datenbank brauche, und an der sei man dran, das sei aber eine höchst komplexe Sache. „Der Teufel steckt im Detail“, ergänzte ein Teilnehmer aus dem Publikum.
Malte Spitz versuchte das „Fairsharing“-Konzept der Grünen und die Idee einer Kulturflatrate schmackhaft zu machen – unter dem Motto „Vergüten statt verfolgen“, wie er es kürzlich als Überschrift für einen Text für „Zeit online“ formulierte. Jeglichen Warnhinweisen erteilte er eine klare Absage; stattdessen brachte er die Mär von der bösen „Abmahnindustrie“ ins Spiel, die arme Musikliebhaber mit Hunderttausenden von unverhältnismäßigen Abmahnungen überziehe.
Damit war zumindest eines der beiden beliebtesten Totschlagargumente, die dennoch wenig mit Realität und Redlichkeit zu tun haben, auf dem Tisch. Das zweite fiel an diesem Abend nicht, was durchaus für die „Schöpfungshöhe“ der Diskussion spricht: Gemeint ist das Mantra, die Internetprovider dürften nicht zu Hilfssheriffs der Kulturwirtschaft werden. Ließe sich ein Urheber für diese beiden Aussagen identifizieren – er wäre inzwischen reich. Ziemlich sicher ist es nicht Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Aber auch sie hat inzwischen einige mehr oder weniger kluge Erkenntnisse zur Debatte beigetragen – wie zum Beispiel: „Das Urheberrecht ist die Wirtschaftsordnung des Internetzeitalters.“ Gut zu wissen.
Die Fragestellung des Panels „All inclusive – Was ist Musik noch wert“ wurde allerdings weder einhellig noch eindeutig beantwortet, und wahrscheinlich ist das auch gar nicht möglich. Auf die Frage, was denn konkret – wenn überhaupt – am Urheberrecht verändert werden müsste, gab es zum Schluss ebenfalls keinen tiefgreifenden Konsens. Doch immerhin waren sich alle weitgehend einig, dass die digitale Welt unweigerlich Anpassungen und Weiterentwicklungen erfordert. Musikverleger Rudy Holzhauer (Progressive Musikverlag) nannte das Blankenese-Panel auf Facebook „sachlich und trotzdem emotional, mit einem Piraten und einem C3S-Mann, die auch zuhören und hoffentlich ein bisschen gelernt haben“.
Das letzte Wort nach zweieinhalb Stunden hatte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Form eines Zitats: „Die Selbstregulierungskräfte des Netzes müssen geweckt und genutzt werden.“ Na klar. Am Ende war die Sache damit aber doch noch lange nicht ausdiskutiert, und so gab es im informellen Rahmen bis weit nach Mitternacht konstruktive und kenntnisreiche Gespräche.






