Das Format des Literarischen Quartetts kennt man schon; seit einigen Jahren hat es im Bereich der klassischen Musik sein Pendant im „Quartett der Kritiker“ gefunden. Die wechselnden Teilnehmer rekrutieren sich aus den 145 Mitgliedern des gemeinnützigen eingetragenen Vereins Preis der deutschen Schallplattenkritik, der seit 1963 existiert und unabhängig von irgendwelchen Vorgaben die Neuerscheinungen im Tonträgermarkt sichtet und bewertet.
Das „Quartett der Popkritiker“ hatte im März 2014 in Frankfurt Premiere; im August 2014 gab es die Fortsetzung bei c/o pop in Köln. Und kürzlich traf man sich abermals bei Musikbiz Lounge & Congress, dem Branchentreff der Frankfurter Musikmesse, um über wichtige Produktionen zu diskutieren. Den Praxisbezug in der Runde stellte Martin Haas her, Hausproduzent des Frankfurter Labels 3p (Moses Pelham, Sabrina Setlur, Glashaus), studierter Musiker und Jurymitglied beim TV-Songwritingwettbewerb „Dein Song“ (KiKa).
Bob Dylans aktuelles Album, „Shadows In The Night„, auf dem er Songs aus sechs Jahrzehnten singt und Frank Sinatra Tribut zollt, sowie „Lady Sings The Blues„, die Hommage der britischen Sängerin und Songwriterin Rebecca Ferguson an Billie Holiday, gaben den Anstoß zu einer Diskussion über das Great American Songbook, das offensichtlich für Künstler jeglicher Couleur von zeitloser Attraktivität ist.
Zum Einstieg spielte Fritz Werner Haver, der beim Preis der deutschen Schallplattenkritik e.V. in der Rockjury sitzt, eine Originalaufnahme von Billie Holiday vor, die er mit einer Coverversion von Cassandra Wilson verglich. Schnell war man sich auch mit dem Publikum, das engagiert mitdiskutierte, einig, dass das Original um Längen besser klingt. Die 28-jährige Rebecca Ferguson, deren Album Torsten Fuchs von der Jury für R&B, Soul & HipHop vorstellte, stieß hingegen mit ihren Interpretationen des Great American Songbook überwiegend auf Zustimmung. Rebecca Ferguson, Siegerin der britischen Castingshow „X Factor“ von 2010, sei ein rares Beispiel dafür, dass auch das oft geschmähte Format der Castingshow gute Künstler ins Rampenlicht rücken könne, meinte Fuchs. Aus seiner Erfahrung als Juror bei „Dein Song“ merkte Martin Haas an, dass viele Castingshows besser als ihr Ruf seien.
Aber warum nehmen so viele Künstler immer wieder gern Evergreens aus dem Great American Songbook auf? Braucht denn die Welt noch mehr Varianten dieses Songkanons? Tja, warum eigentlich? Die Antwort: Warum nicht, wenn die Produktion gut gemacht ist? Damit war man bei Dylans Alterswerk „Shadows In The Night“, über das MusikWoche schrieb: „Eine Produktion, bei der Dylan die Klassiker mit intimer Quintettbegleitung im Country-Style zelebriert – nur hie und da setzen Posaune, Trompete oder Flügelhorn dezente Tupfer – und dabei Lagerfeuerromantik beschwört, als wolle er festhalten: Früher war halt alles besser. Man staunt allerdings, dass Dylan auf seine alten Tage sogar mit seinen anscheinend mit Kreide gepuderten Stimmbändern so gepflegt singen kann, wie man es ihm nun wahrlich nicht zugetraut hätte.“
In der Einschätzung, dass Meister Dylan jetzt sogar singen kann, gingen dann auch alle konform. Ein Gespräch über unterschiedliche Aufnahmekonzepte bei Studiosessions, das Produzent Martin Haas mit seinem Fachwissen bereicherte, leitete über zum Album „Lullaby and … The Ceaseless Roar“ von Robert Plant, das Gastkritiker Detlef Kinsler aus Frankfurt präsentierte. Und man staunte: Plant singt noch immer betörend schön und vielleicht sogar noch besser als früher bei Led Zeppelin; er integriert Elemente aus Folk, Blues und Weltmusik, wirkt entspannt und weltoffen und muss sich offensichtlich nichts mehr beweisen.
Und schon steht die nächste Generation in den Startlöchern:
Nach dem 66-jährigen Robert Plant stellte Juror Manfred Gillig-Degrave Jesper Munk aus München vor, der Ende Mai 23 Jahre alt wird. Auch Munk zitiert auf „Claim„, seinem zweiten Album, aus Blues, Folk, Soul und Rock. Der Blues-Wunderknabe adaptiert eine lange Tradition der Black Music, hat aber mit „Guilty“ auch eine Coverversion von Randy Newman drauf. Seine Raucherstimme bildete einen schönen Kontrast zu Plants Cherubim-Gesang; seine Musik beeindruckte in Frankfurt nicht nur die Kritiker, sondern auch das Publikum.
Und so ließ sich am Ende das Fazit ziehen, dass die Vergangenheit durchaus Zukunft hat, wenn ein Ausnahmetalent wie Munk sie reanimiert. Kein Zweifel: The beat goes on.






