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Mannheimer appellieren an gesunden Menschenverstand

An der Popakademie Baden-Württemberg brauchte man am 24. November 2012 nur sieben Stunden, um die Welt zu erklären. So dicht und konzentriert ging es beim zehnten „Kongress Zukunft Pop“ zu.

An der Popakademie Baden-Württemberg brauchte man am 24. November 2012 nur sieben Stunden, um die Welt zu erklären. So dicht und konzentriert ging es beim zehnten Kongress Zukunft Pop 2012 zu.

Vier Panels in sieben Stunden, ein Workshop und ein bisschen Drumherum – der Mannheimer Zukunftskongress kam nach seiner Eröffnung mit der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und dem Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz schnell zur Sache. „Aktuelle Perspektiven und Zukunftsthemen aus Musikbranche, Popkultur und Hochschulausbildung“, so der Untertitel des Kongresses, standen auf der Tagesordnung – und so reichte die thematische Bandbreite von der Frage, wer eigentlich noch Popjournalismus braucht, über internationales Netzwerken im Auftrag der Pop-Pädagogik und die verschlungenen Wege der Förderpolitik bis hin zum Plädoyer für eine neue Fair-Trade-Ökonomie im Internet.

Was ist mit dem Wert der kreativen Leistung? Müssen Autoren, Songwriter und Musiker die endgültige Verramschung ihrer Kreativität befürchten? Wie lässt sich überhaupt noch eine Wertschöpfungskette aufrecht erhalten? Solche Fragen wurden bei einem Panel im Zusammenhang mit der Forderung nach „Fair Trade im Internet“ diskutiert, und dabei ging es streckenweise sehr engagiert, emotional und leidenschaftlich her. Großen Anteil daran hatte Christian Hufgard als Urheberrechtsexperte der Piratenpartei Hessen, der mit seinen Thesen beim Publikum im vollbesetzten Saal auf heftige Widerrede stieß. Für die Studierenden der Popakademie war die Teilnahme am Kongress Zukunft Pop quasi Ehrensache; das Thema Fair Trade berührt die ökonomische Basis ihres Schaffens und mithin ihre Zukunftschancen – da verwunderte es nicht, dass die Zuhörer von Anfang an intensiv bei der Diskussion mitmischten und dem Piraten aus Hessen immer wieder heftig widersprachen, als dieser zunächst die bekannten Mantren von freier Verfügbarkeit der Inhalte, von Sharing is caring und Sampling-Effekten, vom Wesen der digitalen Privatkopie, die keinem was wegnimmt, und dergleichen mehr rezitierte. Der 33-jährige Hufgard sah in der Debatte mit dem überwiegend jüngeren Mannheimer Publikum, das konkrete Standpunkte statt plakativer Politparolen einforderte, relativ alt aus, blieb aber mit idealistischer und sturer Unbekümmertheit auf seiner Schiene.

Hufgard sah sich auf dem Podium einer Riege von Kreativen gegenüber, die sich in der Ablehnung der Piratenpositionen einig waren: Peter Seiler, erster Vorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg des Deutschen Komponistenverbands, Micki Meuser, erster Vorsitzender der Deutschen Filmkomponistenunion und des mediamusic e.V. Berufsverband Medienmusik, Produzent, Songwriter und Popakademie-Absolvent Chris „Crada“ Kalla sowie Textdichter und GEMA-Aufsichtsrat Frank Dostal betonten ein ums andere Mal, dass die Kreativen bei all den neuen Geschäftsmodellen mit Musik im Internet Gefahr laufen, ins Hintertreffen zu geraten. Diese Diskussion mit dem Titel „Das Leben ist ein Wunschkonzert – Common Sense für eine Kreativgesellschaft“ sollte ausleuchten, wie die knapper werdenden Mittel zukünftig überhaupt noch gerecht verteilt werden können. Wünsch dir was auf Popakademisch also.

Aber was bleibt am Ende des Tages von den Wunschträumen übrig? Hinter dem poetisch verklausulierten Motto des Panels verbergen sich handfeste Zahlen; einige davon stellte Moderator Manfred Gillig-Degrave in seinem einleitenden Statement vor:

  • den durchschnittlichen Monatsverdienst eines Berufsanfängers im Bereich Musik im Jahr 2010 laut Künstlersozialkasse (731 Euro),

  • den Zuwachs des Bit-Torrent-Traffics allein in den USA im dritten und vierten Quartal 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (40 Prozent),

  • den Schaden für die Kreativwirtschaft in Deutschland durch Piraterie im Jahr 2010 gemäß einer Studie des Berliner House of Research (524 Millionen Euro),

  • den Einbruch der Tonträgerverkäufe in UK von 113,2 Millionen Alben und 177,9 Millionen Singles im Jahr 2011 auf 68 Millionen Alben und 147 Millionen Singles im bisherigen Verlauf des Jahres 2012 bei gleichzeitiger Versiebenfachung der Streamingabrufe (von 1,1 Milliarden 2011 auf 7,5 Milliarden Streams)

  • und schließlich das Ergebnis 2011 nach Steuern von Google (9,737 Milliarden US-Dollar, was einem Plus von 14,49 Prozent entspricht).

Wie kann angesichts solcher Zahlen in Zukunft Fair Trade aussehen? Der Moderator griff einen Satz des Popakademie-Leiters Prof. Udo Dahmen auf, der am Vormittag bei der Kongresseröffnung gesagt hatte, man müsse vom Konfrontationskurs der vergangenen Jahre abkommen. Den Begriff Common Sense übersetzte er als „gesunder Menschenverstand“. Der Appell an denselben und damit an die Panelisten, sie sollten sich keine Grabenkämpfe liefern und lieber versuchen, einander zuzuhören und voneinander zu lernen, drohte freilich schnell in Vergessenheit zu geraten, als die diskursiven Wogen anfangs hoch gischteten und manchmal sogar ein wenig gifteten.

Im Verlauf der Diskussion versuchte man Tücken der GEMA-Abrechnung zu klären, man stellte die Angemessenheitsfrage im Blick auf Streamingabrechnungen mit Cent-Bruchteilen, erteilte diffusen Piraten-Positionen klare Absagen und wehrte sich gegen alle Versuche schleichender Enteignung der Urheber mittels neuer Verwertungsmodelle im Internet, die ohne die Inhalte der Urheber sowieso Trockenübungen bleiben würden. Micki Meuser betonte, dass das Internet keine Parallelwelt sein dürfe, in der die Gesetze des analogen Universums nicht gelten. Man zog Analogien zur Regulierung der analogen Welt und stellte fest, dass das deutsche Telemediengesetz (TMG) in Haftungsfragen bemerkenswert schwammig bleibt, was daran liegen dürfte, dass es – ebenso wie die US-amerikanische Fair-Use-Doktrin – einst als Steuerungsinstrument installiert wurde, um der noch jungen Internetwirtschaft zu einem guten Start zu verhelfen. Da inzwischen die Internetwirtschaft die Kreativbranchen bedroht, sei eine Rückholung des TMG aus der digitalen Parallelwelt längst fällig.

Pirat Hufgard appellierte an die jungen Popakademiker, sie sollten sich hinsichtlich ihrer Zukunft keinen Illusionen hingeben; in Zukunft werde niemand mehr von seiner Kreativität alleine überleben können; das sei nun mal die Realität, ob man sie gutheiße oder nicht. Frank Dostal nutzte sein Schlusswort, um an das Prinzip der Solidargemeinschaft zu erinnern, das auch in digitalen Zeiten gelte und das von Verwertungsgesellschaften wie der GEMA verkörpert werde. Die GEMA sei umso nötiger, je mehr sie angegriffen werde, jeder Kreative im Musikbereich müsse sich bewusst machen: „Die GEMA ist nicht irgendeine anonyme Behörde – die GEMA sind wir alle. Ich kann nur jedem raten: Wenn Ihr es noch nicht seid – werdet Mitglied der GEMA!“ Allgemeine Zustimmung im Saal, Applaus – und schon waren zwei Stunden rum. Und keine Minute davon war langweilig.