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Dossier: Soundtrack_Cologne – Grandma Lo-Fi bei den Komponisten

Bei der neunten Ausgabe der Kölner SoundTrack_Cologne standen vom 15. Bis 18. November die facettenreichen Beziehungen zwischen Bild und Ton im Fokus. Im Kongress ging es um Komponieren für Film und Games sowie um „Music Politics“. Michael Nyman erhielt den Ehrenpreis und spielte ein Stummfilmkonzert. Und wie immer waren bei vielen Filmvorführungen die Komponisten anwesend.

Am Freitagabend stand die Deutschlandpremiere von zwei Filmen von Julien Temple auf dem Programm: „Ray Davies – Imaginary Man“ und „Kinkdom Come – Dave Davies“. Wer sich nicht für die Kinks entscheiden mochte, der konnte sich bei der Vorführung von Tim Fehlbaums „Hell“ die Musik vom Komponisten, dem Lola-Preisträger Lorenz Dangel, und vom Tongestalter Hubert Bartholomae kommentieren lassen; am Samstag stand dann Filmpreisträger Dangel für ein Werkstattgespräch zur Verfügung. Bei der Eröffnung am Donnerstagabend wurde im Gloria Theater der isländische Film „Grandma Lo-Fi“ gezeigt, eine charmante Doku über das Leben und Schaffen von Sigridur Nielsdóttir, die mit 71 Jahren begann, Musik zu machen und 2011 im Alter von 81 Jahren starb. In ihrem Kellerappartement nahm die musikalische Heimwerkerin in zehn Jahren 600 Lieder auf, die sie quasi in Handarbeit auf 59 Alben packte, was ihr in der isländischen Musikszene Kultstatus verschaffte. Zum Glück jedoch war nicht alles in Köln Lo-Fi, sondern eher High-End, und so stieß das Programm der SoundTrack_Cologne auch dieses Jahr auf regen Zuspruch: Die Zahl der akkreditierten Teilnehmer stieg von knapp 700 im Jahr 2011 auf nunmehr 735, teilte Geschäftsführer Michael P. Aust vom Veranstalter Televisor Troika GmbH mit, der zusammen mit Matthias Hornschuh und Matthias Kapohl Programm- und Festivalleiter des Events ist. Darüber hinaus waren die beiden Sinfoniekonzerte im WDR-Sendesaal mit zusammen 1200 Zuschauern ausverkauft, das Finale des europäischen Talentwettbewerbs verfolgten durchgehend bis zu 200 Gäste. Bei diesen Euro – pean Talent Awards wurden am Samstagabend Sebastian Kübler (Sounddesign), John Chua (Film score) und Liina Kullerkupp (Lobende Erwähnung) ausgezeichnet. Nicht immer so gut besucht war der diesjährige Kongressteil, dessen Themen sich in erster Linie an die Komponisten wandten und wichtige Fachfragen behandelten – wie die Auswirkungen des Rechtsstreits eines Juristen gegen die VG Wort oder den Stand der Dinge bei GVL und den europäischen Rahmenrichtlinien für Verwertungsgesellschaften. Auch über die GEMA wurde heftig diskutiert – bitte umblättern. gilGEMA und Clubbetreiber kamen sich in Köln ein klein wenig näher Der Tarifstreit zwischen GEMA und DEHOGA hat in diesem Jahr schon viele Emotionen geschürt und für viel Aufregung gesorgt. Auch bei SoundTrack_Cologne 9.0 stand am 17. November ein Panel zum Thema auf der Tagesordnung. Es sollte nach dem Willen der Veranstalter zur Deeskalation des Konflikts beitragen. „GEMAgogie – Die GEMA-Tarifstrukturreform, das Clubsterben und das Ende der Kultur“: Unter dieser Überschrift setzte SoundTrack_Cologne auf der einen Seite Uwe Dorn von der GEMA und den Komponisten Hans Hafner als Vertreter der Konfliktparteien, auf der anderen Seite Olaf Möller und Stefan Bohne vom Spielstättenverband Live- Komm aufs Podium; als Moderator fungierte Car sten Schumacher, Chefredakteur „Intro Festival Guide“. Um zu vermeiden, dass Clubbetreiber und GEMA-Vertreter wie schon öfter verbale Schau – kämpfe auf offener Bühne auf führten, assistierte Rechtsanwalt Stephan Benn (unter anderem Justiziar von KlubKomm und des Komponistenverbands mediamusic) als „Fact- Checker“. Diese Konstellation trug dazu bei, dass aus dem Panel eine Diskussionsrunde auf relativ hohem Niveau wurde. Alle hielten sich weitgehend an die Vorgabe von Carsten Schumacher: „Jeder spricht für sich und zeigt nicht mit dem Finger auf andere.“ Hang zur Kampfrhetorik Schumacher – „meine Frau ist Paartherapeutin“ – erteilte zunächst GEMA-Bezirksdirektor Uwe Dorn das Wort, der in einer Präsentation zusammenfasste, um was es bei diesem Tarifkonflikt geht. So gelten die Tarifanpassungen, die in den Einigungen mit den Karnevalisten oder Schützenvereinen vorgenommen wurden, auch für alle weiteren Verhandlungen, deshalb werde der neue Tarif auch erst am 1. April 2013 in Kraft treten. Fakten – checker Benn kommentierte Dorns Vortrag mit dem Satz, die Tarifreform sei in Sachen gerech – tere Verteilung ein Schritt in die richtige Richtung. Für Olaf Möller, Vorstand LiveKomm – Verband der Musikspielstätten in Deutschland und Aufsichtsrat Berlin Music Commission, geht es „tatsächlich um angemessene Tarife – aber auch um Ausschüttungsgerechtigkeit“. Die müsse besonders für elektronische Künstler verbessert werden. Möller meinte zudem, die Modellrechnung der GEMA, die pro Quadratmeter Clubfläche von einer Person ausgehe, sei übertrieben, denn es seien praktisch zu jeder Zeit weniger Menschen im Saal. Dadurch liege am Ende die zu zahlende GEMA-Gebühr über den zehn Prozent, die von der GEMA als Obergrenze genannt werden. Möller, der leider seinen Hang zur Kampfrhetorik nicht immer bremsen konnte, forderte die Gleichstellung der Clubs mit Liveveranstaltern und einen Gebührensatz von „fünf Prozent, minus x für Rabatte“. Außerdem müsse der neue Tarif bis mindestens 31. Dezember 2013 ausgesetzt werden, und die GEMA solle bis zur gerichtlichen Klärung des Konflikts auf das einzurichtende Treuhandkonto verzichten. Möller hob auch auf den Unterschied zwischen Clubs und Discotheken ab: Clubs hätten in der Regel keine so großen Flächen, bei ihnen stehe eher die Kultur im Vordergrund; sie definierten sich über die Musik. Grundtenor von Möllers Argumentation: „Zehn Prozent sind einfach nicht drin, das Geld ist nicht vorhanden.“ Fact-Checker Benn merkte an, dass eine Person pro Quadratmeter Clubfläche durchaus nicht so unrealistisch sei, da man im Club einen Durchlauf der Besucher habe, während im Konzert die Besucherzahl konstant bleibe. Allerdings halte er auch den GEMA-Tarif UK für Livekonzerte für angebracht, der eine Abgabe zwischen vier und 5,5 Prozent vorsehe. Worauf Uwe Dorn entgegnete: „Dieser Tarif wird doch schon bei Liveauftritten in Clubs, zum Beispiel von Paul oder Fritz Kalkbrenner, angewendet.“ Es geht um Angemessenheit Komponist Hans Hafner betonte: „Ich habe viele Jahre gebraucht, um von meiner Musik leben zu können.“ 70 Prozent seines Einkommens erhalte er von der GEMA, dank dieser habe er jetzt ein bisschen Sicherheit, „ich fühle mich einigermaßen gerecht behandelt“. Hafner wies darauf hin, dassdie Verteilung der Tantiemen GEMA-Sache und mithin der Urheber sei und nichts mit der Tarifierung zu tun habe, über die man diskutiere. Außerdem habe nicht die GEMA die anfänglichen Verhandlungen abgebrochen, sondern der Dachverband DEHOGA, um anschließend eine verleumderische Kampagne gegen die Verwertungs gesell – schaft zu führen. Stefan Bohne, Vorstandsvorsitzender Klubkomm – Verband Kölner Clubs und Veranstalter e.V. und Vorstand LiveKomm – Verband der Musikspielstätten in Deutschland, stellte klar, dass die Clubs von den Verhandlungen nichts mitbekommen hätten und von der Entwicklung überrascht wurden, da sie nicht in den Informationsfluss eingebunden waren. Man brauche auf jeden Fall mehr Zeit, um sich betriebswirtschaftlich auf die erhöhte GEMA-Forderung einzustellen. Es gehe in diesem Konflikt um Fragen der Angemessenheit und der Kommunikation. Mit Bezug auf die Gattin des Moderators bekannte sich Bohne zur GEMA: „Man soll auch mal sagen, dass man den Partner mag. Wir lieben unsere Urheber; ich möchte, dass unsere Musiker leben können. Wir müssen trennen zwischen Großraumdiscos und Clubs.“ Auch Bohne betonte die wirtschaftlichen Pro – bleme der Clubs aufgrund „ständig steigender Kosten“. Daher müsse man die Verhältnismäßigkeit wahren und trackgenaue Erfassung einführen. Schon am 29. November werde es zu weiteren Gesprächen kommen, sagte Uwe Dorn – „was die GEMA für 2013 angeboten hat, wird eine massive Verbesserung bringen“. Zum Schluss fragte Moderator Carsten Schumacher, was sich die Diskussionsteilnehmer wünschen. Olaf Möller möchte eine Aussetzung der Tarif reform bis mindestens 31. Dezember 2013, „zur Not auch länger“. Stefan Bohne stimmte ihm zu, es gehe um die Verhältnismäßigkeit. Hans Hafner wünschte sich, „dass wir über Tarifierung reden und nicht mehr in der Öffentlichkeitsarbeit den Weg der kollektiven Rechtewahrnehmung angreifen“. Und Uwe Dorn möchte, „dass die Nutzer über den Wert der Musik nachdenken und darüber, dass zehn Prozent für die Urheber essentiell sind“. Nach diesem Kölner Panel scheint man zumindest in dieser Hinsicht auf einem guten Weg zu sein. Manfred Gillig-DegraveIm Rahmen des Kongressteils der SoundTrack_Cologne 9.0 gab Wolfgang Senges, einer der Initia – toren der Cultural Commons Collecting Society (C3S), im Gespräch mit dem Musiker und Kom – ponisten Markus Rennhack Einblicke in den Gründungsprozess der neuen Verwertungsgesellschaft. Als Titel der Veranstaltung stand „Der Mitbewerber: C3S“ im Programm. Doch gleich am Anfang stellte Wolfgang Senges klar, dass sich C3S nicht als Anti-GEMA versteht: „Wir wollen das ständige GEMA-Bashing vermeiden, davon distanzieren wir uns.“ Senges hält auch Onlinepetitionen wie die gegen die GEMA-Vermutung für „relativ irrwitzig“ und betonte: „Wir suchen das Gespräch mit der GEMA.“ Bald wurde deutlich, warum das so ist: Laut Senges sieht sich C3S eher als Ergänzung denn als „Mitbewerber“ der GEMA. Pauschale Erhebungen wie zum Beispiel bei Radioprogrammen in Läden könne C3S zunächst einmal gar nicht leisten, in solchen Bereichen sei es sinnvoll, mit der GEMA zusammenzuarbeiten. „Wir haben nicht vor, eine große Armada von Kontrolleuren aufzubauen“, sagte Senges. „Wir müssen eine Nutzungsart nach der anderen angehen.“ In einem ersten Schritt wolle man sich die verschiedenen Nutzungsarten anschauen, dann werde es darum gehen, sich um die rechtliche Abdeckung der Territorien zu kümmern, und erst danach könne man sich um weitere Inhalte zusätzlich zur Musik kümmern. Dass sich die C3S-Initiatoren viel vorgenommen haben und in einem Learning-bydoing- Prozess immer noch neue Aufgaben und Hürden entdecken, daraus machte Senges mit sympathischer Ehrlichkeit kein Geheimnis. So erkennt er auch in der „Partnerschaft mit anderen Verwertungsgesellschaften eine Option“, mit der GEMA wolle man über Zusammenarbeit reden. Auf die Frage aus dem Publikum, was C3S denn eigentlich anders machen wolle als die GEMA, hielt Senges fest: „Wir beanspruchen nicht alle Rechte, sondern nehmen nur die wahr, die uns der Urheber gibt.“ Außerdem soll es eine „Eins-zu-eins- Abrechnung“, eine „werkgenaue Abrechnung“, mindestens wöchentlich geben, die „vollkommen transparent“ sein soll. Und schließlich soll gleiches Stimmrecht für alle Mitglieder gelten. Einen interessanten Aspekt brachte Senges bei der Frage nach der Mitgliedschaft von Musikverlagen ins Spiel: Die sollen ein Mitspracherecht auf der Basis des Genossenschaftsrechts erhalten – investierende Mitglieder einer Genossenschaft haben unabhängig von der Höhe ihrer Einlage gleiches Stimmrecht, wobei ihr Anteil auf 25 Prozent aller Stimmen begrenzt ist. Aber auch das sei noch „in der Schwebe“. Weitere Frage an Senges: Inwieweit hat C3S den Anspruch des Urhebers bei CCLizenzen schon berücksichtigt? Antwort: Das wird noch geprüft. Markus Rennhack fragte schließlich, welchen Urhebern Senges die C3S-Mitgliedschaft empfehlen und welchen er davon abraten würde. Senges wies darauf hin, dass auch die GEMA sage, es sei nicht für jeden sinnvoll, in die GEMA einzutreten. An solche „Urheber und Interpreten in Personalunion“ wende man sich zum Beispiel. Zum Thema Inkassokonzept und Verteilung merkte er an, dass man zum Beispiel in Clubs statt der unzulänglichen GEMA-Lösung mit Black Boxes in wenigen Lokalitäten heutzutage mit Musik – erkennungsprogrammen arbeiten könne, um werkgenaue Erkennung und damit eine gerech – tere Verteilung zu erreichen. Freilich sieht auch Senges, dass solche Lösungen, die bei rund 3000 Clubs ein Inkassovolumen von lediglich 16 bis 20 Millionen Euro im Jahr abdecken, mit hohen Inve – stitionskosten verbunden wären, weshalb sich die Frage der Rentabilität stellt. „Zwecks Kostenminimierung“ könne er sich deshalb auch vorstellen, das „gemeinsam mit der GEMA“ umzusetzen. Hoffnung auf die kritische Masse Warum bringt ihr all diese Dinge dann nicht gleich in die GEMA ein, statt C3S zu gründen, fragte ein Zuhörer; er sehe keine Durchsetzbarkeit der C3SZiele. Senges antwortete, es sei schwierig, in der GEMA etwas zu bewegen. „Wenn man nur aus Respekt vor dem Gebäude, das die GEMA errichtet hat, stehen bleibt, passiert nichts. Man muss irgendwo anfangen.“ Man müsse auch mal mit einer gewissen Naivität rangehen und einen Schritt nach dem anderen tun. Und wie sehen die nächsten Schritte aus? 2013 soll C3S als Verein eingetragen werden, erst dann könne das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) die Eintragung als Verwertungsgesellschaft vornehmen. Eine „kritische Masse“ von 3000 Mitgliedern werde gebraucht, um als Verein tragfähig zu sein. Bisher gebe es allerdings noch keine C3S-Mitglieder, weil der Verein ja noch gar nicht gegründet sei. Es gebe aber Absichtserklärungen, wenngleich für das DPMA einfache Absichtserklärungen von Menschen, die Mitglied werden wollen, nicht ausreichen. Doch wie viele Absichtserklärungen liegen bisher vor? Rund 200, sagte Wolfgang Senges. Wie aus diesen 200 Absichtserklärungen bis nächstes Jahr mindestens 3000 eingetragene Mitglieder werden sollen – god only knows. Und wie soll der ganze Apparat finanziert werden? Dazu Senges: „Wenn die Frage der Finanzierbarkeit im nächsten Jahr nicht beantwortet ist, dann geht’s halt nicht. Bis jetzt zahlen wir alles aus eigener Tasche.“ Der Idealismus von Wolfgang Senges und seinen Mitstreitern in allen Ehren – dieses Gespräch bei Soundtrack_Cologne führte in erster Linie vor Augen, dass die GEMA auch weiterhin gebraucht wird. Frage von Markus Rennhack: „Ihr gründet also erst, und dann guckt ihr mal, wie’s geht?“ Antwort von Wolfgang Senges: „Anders können wir’s auch gar nicht machen.“ Viel Glück dabei.

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