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Dossier: Bunte Gegenwelt mit viel Esprit

Vom 10. bis 14. Mai ging in Düsseldorf die 56. Ausgabe des Eurovision Song Contest über die Bühne, die als besonders geglückt in die Geschichte des Wettbewerbs eingehen wird. MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger war vor Ort und beobachtete, welche Auswirkungen der Grand Prix hatte.

Auf den riesigen Parkplatzflächen der Düsseldorfer Esprit Arena kam es an den ESC-Tagen mitunter zu symbolträchtigen Begegnungen. Denn immer wieder stießen hier buntgekleidete, Fähnchen schwingende Grand-Prix-Fans auf Anzugträger, die zur gleichzeitig in den Messehallen hinter der Arena stattfindenden Verpackungsmesse Interpack wollten. Die beidseitige Befremdung ist ein Beleg dafür, dass der Eurovision Song Contest, dessen 56. Ausgabe in der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen über die Bühne ging, noch immer genügend Verstörungspotenzial besitzt, um zumindest eine Woche lang eine bunte Gegenwelt abseits von Rationalität und merkantilen Interessen aufzuzeigen. Darüber hinaus bereiteten die Messebucher den ESC-Machern auch ein höchst reales Problem: Sie sorgten nämlich für eine Bettenknappheit in Düsseldorf, die dazu führte, dass selbst Privatzimmer kaum unter 200 Euro pro Nacht zu haben waren. Das blieb allerdings das nahezu einzige Betrübnis der Eurovision-Ver – antwortlichen von ARD, NDR, Brainpool und der Stadt Düsseldorf. Denn sieht man einmal von der Tonpanne im ersten Halbfinale ab, wird der dritte europäische Sangeswettbewerb auf deutschem Boden (nach dem Finale 1983 in der Rudi- Sedlmayer-Halle in München und 1957 in Frankfurt) als eine in jeder Hinsicht geglückte und nahezu perfekte Veranstaltung in Erinnerung bleiben. „ARD und Brainpool haben eine einzigartige Show von Weltklasse-Niveau auf die Beine gestellt, die ihresgleichen sucht“, lobt denn auch Frank Briegmann, President Universal Music Deutschland, Österreich, Schweiz und Deutsche Grammophon. Dass die von Universal und Brainpool vermarktete Lena am Ende ihren Vorjahrestriumph nicht wiederholen konnte und auf Platz zehn landete, stört Briegmann dabei nicht. Er hält Lenas Auftritt beim Finale für einen „Meilenstein in der ESC-Geschichte, der hoffentlich viele weitere Künstler und Länder dazu bringen wird, in Zukunft mehr zu wagen“. Positive Effekte dank Lenas Mut Er habe die ersten positiven Effekte schon in diesem Jahr entdeckt, so der Universal- Chef. Und auch für Tom Bohne, Senior Vice President Universal Music, bleibt Lena „eine großartige Künstlerin, die mit all ihrem Können, all ihrem Wollen und all ihrem Denken und Fühlen ein absolut eigenständiges Highlight in der Finalshow gesetzt hat.“ Zudem bekräftigt der Sieg des Duos Ell & Nikki aus Aserbaid – schan, dass ein guter Song spielend Ländergrenzen überwinden kann. „Es ist die Kultur, die die Menschen zusammen – bringt“, erklärte Ell noch siegestrunken auf der Pressekonferenz unmittelbar nach dem Finale. „Lieder wie unseres tragen dazu bei, dass die Menschen in Europa sich besser fühlen, denn in Zeiten wie diesen brauchen wir alle mehr Liebe.“ So haben die Zeilen „I’m scared tonight/I’m scrared of life“ in politisch bewegten Zeiten in Europa womöglich das verunsicherte, kollektive Unter – bewusstsein in Europa getroffen. Dafür verantwortlich zeichnen die schwedischen Autoren des Songs, Stefan Örn, Sandra Bjurman und Iain Farguhanson, die bereits 2010 den aserbaidschanischen Beitrag „Drip Drop“ von Safura komponiert hatten, der es dann in den Musik- Woche Top 100 Singles bis auf Rang 26 schaffte. Dass der Wettbewerb „wertvoll und wichtig“ für Europa sei, betont auch Echo-Macher Gerd Gebhardt, der neben Jury-Präsidentin Ina Müller, Juli-Sängerin Eva Briegel, BR3-Musikchef Edi van Beek und Frida-Gold-Frontfrau Alina Süggeler in der deutschen ESC-Jury saß. „Für mich ist das eine sehr reizvolle Aufgabe“, sagte Gebhardt im Gespräch mit MusikWoche. Er sei vom NDR bereits im vergangenen Jahr gefragt worden, Düsseldorf – Vom 10. bis 14. Mai ging in Düsseldorf die 56. Ausgabe des Eurovision Song Contest über die Bühne, die als besonders geglückt in die Geschichte des Wettbewerbs eingehen wird. MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger war vor Ort und beobachtete, welche Auswirkungen der Grand Prix hatte. 3musste aber für den Wettbewerb in Oslo absagen. Umso mehr freue er sich, dass es dieses Jahr geklappt hat: „Es ist doch sehr schön, dass man hier etwas mitgestalten kann.“ Er verfolge den Eurovision Song Contest schon sehr lange und habe auch immer wieder mit Grand-Prix-Künstlern wie Johnny Logan, Vicky Leandros, Mary Roos oder Nino de Angelo gearbeitet. Auch begrüße er die „positive Entwicklung“, die der ESC in den vergangenen Jahren genommen habe, nachdem „dieser großartige Event“ in den 90er-Jahren etwas an Wertigkeit verloren habe. „Es ist ein Zeichen von Flexibilität, dass die ARD so offen war und sich mit Stefan Raab, Brainpool und ProSieben zusammentat, um diese Aufgabe gemeinsam umzusetzen und so erfolgreich durchzuziehen“, findet Gebhardt und fügt an: „Es ist gut zu sehen, dass alle Seiten bereit waren, über den eigenen Tellerrand zu schauen.“ Beim bis zuletzt spannenden Finale hatte sich Italien mit Raphael Gualazzi und dem von Sugar Music vermarkteten Song „Madness Of Love“ Platz zwei gesichert – worüber sich auch ein paar Deutsche besonders freuen. Denn bei der Promotion – im Vorfeld, vor Ort und bei der Nachbetreuung – hatte das italienische Label auf die vereinte Expertise von Karin Wirthmann (Blue Box Music & Media), Merle Lotz (ML PR & Medienservice) sowie Sven-Erik Stephan und Birgit Peter (beide Beats International) gesetzt, während einige andere Länder sich schwer taten, die Medienpartner zu erreichen. Doch nicht nur der italienische Jazzkünstler, dessen Tonträger in Deutschland von Universal vertrieben werden, wird vom ESC 2011 profitieren. Auch die Esprit Arena konnte ihre Reputation noch einmal verbessern, wie Hilmar Guckert, Sprecher der Geschäftsführung der Betreibergesellschaft DüsseldorfCongress, erläutert: „Wir sind sehr stolz, dass sich die Esprit Arena bereits im Vorfeld des ESC als die Top-Location in Deutschland durchsetzen konnte. Unsere moderne Multifunktionsarena konnte alle Erwartungen erfüllen, wurde vom Veranstalter und der Presse hochgelobt und der Bekanntheitsgrad ist international gestiegen.“ Überaus zufrieden ist auch NDR-Intendant Lutz Marmor. „Das Interesse in Deutschland war überwältigend“, fasst er zusammen. Auch das internationale Echo sei überaus positiv gewesen. Vertreter der EBU und vieler ausländischer Sender hätten ihm zu der Übertragung gratuliert. Thomas Schreiber, ARD-Teamchef für den ESC, bedankt sich unter anderem bei Brainpool- Chef Jörg Grabosch für die ver – trauensvolle Zusammenarbeit. Ohne ihn sei die Show in dieser Form nicht möglich gewesen. Die Allianz zwischen der öffentlich- rechtlichen ARD und der Kölner Produktionsfirma habe auch im zweiten Jahr die gewünschten Resultate gebracht. Nach einem eher schleppenden Wochenbeginn und einem Beinahe-Überangebot an täglichen Sendungen im Ersten und auf Pro- Sieben haben sich spätestens beim Finale alle Hoffnungen der ESC-Macher erfüllt: Denn am 14. Mai verfolgten insgesamt 13,83 Millionen Zuschauer in der ARD das Finale. Das war die in diesem Jahr bislang größte Zuschauerzahl für eine TV-Sendung in Deutschland. Der Marktanteil in der Gruppe ab drei Jahren betrug 49,3 Prozent – das sind zwei Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. Vierterfolgreichstes Finale aller Zeiten Allerdings schalteten im Vergleich mit dem Vorjahresfinale 860.000 Zuschauer weniger ein. Lenas Sieg in Oslo hatten damals 14,9 Millionen (Marktanteil: 49,1 Prozent) sehen wollen. In der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen bewirkten 8,38 Millionen Zuschauer 2010 eine Quote von 61,6 Prozent. Auch bei den Jungen lag die ARD knapp unter dem Vorjahresergebnis: Das Finale aus der Düsseldorfer Esprit Arena interessierte am Samstagabend 7,34 Millionen (Marktanteil: 59,1 Prozent). Den Spitzenwert erreichte die ARD während der Punktevergabe um 23.52 Uhr, als insgesamt 16,09 Millionen das Erste eingeschaltet hatten. 2010 hatte die ARD noch einen Topwert von 17 Millionen gemeldet. Dennoch werten alle Beteiligten die perfekt inszenierte Samstagabend sendung als großen TV-Erfolg. Denn nur das Finale aus dem Vorjahr sowie die Shows von 1980, als 17,35 Millionen den Sangeswettbewerb sehen wollten, und 1984 mit 14,23 Millionen Zuschauern kamen auf höhere Zuschauerzahlen. Aber nicht nur für Quotenzähler war der ESC ein Gewinn, wie Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers formuliert: „Die Nationen verbindende Kraft des ESC ist in Düsseldorf gelebt worden“. Internationale Gäste, Fans und Bürger hätten in der Arena wie auch beim städtischen Rahmenprogramm mit ins – gesamt 86 ESC-Aktionen fantastisch gemeinsam gefeiert. „Dieser ESC“, so Elbers, „ist für die gesamte Region zu einem Mega-Ereignis geworden“. Und Düsseldorf präsentiere sich „als eine pulsierende Wirtschaftsmetropole“ – was auch die Anzugträger auf der Interpack wieder interessieren dürfte.

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