“earMusic ist wirklich sehr gut und nicht wie die meisten Labels“, sagt Simon McBride, der 2022 als Nachfolger von Gitarrist Steve Morse zu Deep Purple stieß. „Das Label mischt sich nicht wirklich in die Musik ein – und das ist das Geniale an Max Vaccaro. Er sagt immer, er wolle gar nicht wissen, was wir gerade aufnehmen und keinerlei Einfluss darauf nehmen. Denn er respektiert uns als Deep Purple.“ Zudem lobt der 47-jährige Musiker aus Dublin die Zusammenarbeit mit dem gesamten earMusic-Team. „Sie fangen ihre Arbeit erst richtig an, wenn sie das Album bekommen. Dann kümmern sie sich ums Marketing und welche Singles man auskoppeln sollte. Davon habe ich wirklich keine Ahnung.“ Das jüngste Deep-Purple-Mitglied betont: „Klar, Max ist ein Plattenboss, aber auch ein echter Freund. Er hat mir in den letzten vier, fünf Jahren persönlich sehr geholfen – auch bei meinen Soloveröffentlichungen.“
„Deutschland ist generell ein sehr wichtiger Markt für Deep Purple.“ Simon McBride
Dass das zu Edel gehörende Label in Hamburg sitze, trage zum besonderen Erfolg der 1968 gegründeten Hardrock-Band in Deutschland bei, betont der Gitarrist, der zuvor bereits mit Ian Gillan und Don Airey gearbeitet hat. „Deutschland ist generell ein sehr wichtiger Markt für Deep Purple und zugleich ein toller Ort für uns, um hier viele Konzerte zu spielen. Es ist ein großes Land mit so vielen Veranstaltungsorten, was fantastisch ist. Zudem denke ich, dass die Leute hier ihre Musik immer noch sehr lieben, während Großbritannien im Moment mehr in dieser Pop-Welt verhaftet ist, mit all diesen Castingshows wie ›X Factor‹. Auch sind die physischen Verkaufszahlen in Deutschland sogar noch etwas stärker als in Großbritannien.“ So erreichten in Deutschland die letzten vier regulären Studioausgaben Platz eins, nun ist soeben mit „Splat!“ das 24. Studioalbum der Band auf den Markt gekommen.
„Bei diesem Album fühlte sich alles leicht an, es gab keine Schwierigkeiten oder Streitereien. Die Arbeit an den Songs war wirklich unkompliziert. Wir alle sind vor allem Musiker und fühlen uns im Studio wie Kinder im Spielzeugladen. Neue Musik aufzunehmen ist für uns immer aufregend, ganz unabhängig davon, wie alt wir sind und wie lange die Band das schon macht. Wenn wir mit einem neuen Album anfangen, schießt die Energie bei uns einfach in die Höhe.“ Bei „Splat!“ habe man als Band noch enger zusammengearbeitet. „Wir waren einfach zu fünft in einem Raum und haben geschaut, was dabei herauskommt. Wir haben angefangen zu spielen und drauflos gejammt. Bei jedem von uns schwirrten kleine Ideen im Kopf herum, die wir dann ausprobiert haben. Dieses Album ist wirklich sehr schnell entstanden. Schon nach der ersten Songwriting-Session hatten wir im Grunde alles beisammen, normalerweise brauchen wir dafür drei Sessions. Ein entscheidender Faktor war wohl, dass wir direkt von einer sehr langen Tour kamen und sofort mit dem Songwriting begonnen haben.“ Gerade bei langen Tourneen stelle sich irgendwann eine gewisse Routine ein, der Gedanke an etwas Frisches und Neues setze dann neue Energien frei und bringe den kreativen Fluss in Gang, erzählt der Gitarrist, der als Teenager seine Karriere bei der Band Sweet Savage begann und später unter anderem mit Andrew Strong von den Commitments spielte.
Keith Urban mischte in Nashville mit
Das neue Purple-Album wurde in Nashville aufgenommen, in einem während der Corona-Zeit aufgegebenem Studio, das kurz vor dem Abriss stand. Heute gehört es dem Country-Star Keith Urban, der dann auf dem Track „Diablo“ als Gitarrist zu hören ist. Die Band hatte in dem Studio in früheren Jahren bereits einige Alben aufgenommen. Damals wie nun auch bei „Splat!“ zeichnete Bob Ezrin als Produzent verantwortlich. „Bob ist einfach ein Genie, eine Legende. Er holt wirklich das Beste aus uns heraus, weil er die Band inzwischen so gut kennt. Unser Album ›=1‹ von 2024 war mein erstes mit ihm, da kannte ich ihn noch nicht persönlich. Damals mussten wir uns erst einmal ein wenig aufeinander einstellen. Bei diesem Album war das anders: Bob weiß, wie ich arbeite, und ich weiß, wie er arbeitet; wir harmonieren mittlerweile gut miteinander.“ Bob Ezrin fungiere bei der kreativen Arbeit im Studio gleichsam als Psychologe, der mit den mentalen Vorgängen der beteiligten Musiker Leute umgehen müsse. „Und das macht er fantastisch. Man muss ihm einfach vertrauen, und ich habe großen Respekt vor ihm. Wenn Deep Purple noch ein weiteres Album aufnehmen sollten, wäre Bob auf jeden Fall wieder dabei.“

Mit dem fertigen Album ist Simon McBride jedenfalls sehr zufrieden: „Für mich persönlich ist dieses Album im Vergleich mit dem letzten auch ein Schritt nach vorn. Wir haben uns bei den Sessions extrem wohlgefühlt. Und das hört man beim Endergebnis.“ So habe man die 13 neuen Songs im Grunde live eingespielt, in maximal vier bis fünf Takes. Lediglich einige Overdubs haben er und Organist Don Airey in ihren eigenen Studios hinzugefügt. Auffällig bei dem neuen Album ist, dass anders als früher, als die Band auch epische Stücke wie „Space Truckin’“, „Perfect Strangers“ oder das „Concerto For Group And Orchestra“ aufgenommen hat, die meisten Songs unter vier Minuten bleiben.
Lediglich „Guilt Trippin’“ kratzt an der Fünf-Minuten-Marke. Das sei aber keine bewusste Entscheidung gewesen, betont Simon McBride. „Wir machen uns in der Regel keine Gedanken über die Länge der Stücke. Wenn man einen Song schreibt, konzentriert man sich auf den Song selbst. Sobald man anfängt, ihn zu spielen und zu arrangieren, bestimmt er gewissermaßen seine Länge selbst. Sicher kann man immer etwas hinzufügen, aber dann muss man sich auch fragen: Brauche ich hier wirklich ein zweiminütiges Gitarrensolo? Und bei diesem Album lautete die Antwort: Nein, brauche ich nicht. Zudem sind im aktuellen Marktgeschehen die Songs ohnehin meist recht kurz. Denn die Aufmerksamkeitsspanne der Leute ist heute nicht mehr dieselbe wie noch in den 70ern oder 80ern. Damals konnte man sich noch längere Songs erlauben.“
Bob Ezrin wollte einen härteren Sound
Es sei allerdings Bob Ezrins Bestreben gewesen, den Sound auf ›Splat!‹ etwas härter und kompakter zu gestalten als bei den vorangegangenen Jahren, was man gleich beim Album-Opener, dem rockigen „Arrogant Boy“ sofort hört. „Diese Härte war Bobs Plan. Deshalb ist die Produktion wuchtiger ausgefallen, die Drums klingen mächtiger. Aber was uns und die Songs angeht, wollten wir nie nach den frühen Deep Purple klingen oder versuchen, den Sound von Alben wie ‚In Rock‘ zu reproduzieren. Nein, wir spielen einfach drauf los – und was dabei herauskommt, kommt eben dabei heraus.“
Meist laufe es Studio so, dass er, Don Airey und Bassist Roer Glover zunächst ein Riff unisono spielen. „Letztlich kommt dann die ganze Band zusammen, untermauert von dieser speziellen Rhythmusgruppe. Dann entsteht dieser typische Deep-Purple-Sound. Wir sind jetzt an einem Punkt – ich bin ja schon seit vier Jahren in der Band –, an dem wir uns einfach blind verstehen. Wir gehen in den Raum, spielen miteinander und tun genau das, was der Song braucht. Ich habe nicht das Bedürfnis, die Dinge unnötig kompliziert zu machen, nur weil ich es könnte.“
Die Frage nach der Setlist
Simon McBride freut sich auf die Open-Air-Saison und hat dabei keine Angst vor etwaigen hohen Temperaturen: „Sicher, es wird heiß werden. Aber ich wohne in Nordirland, wo es ständig regnet und kalt ist. Es wird einfach toll sein, rauszugehen und wieder live zu spielen“. An der Setlist werde man ein paar Veränderungen vonehmen, möglich sei die Aufnahme des Album-Openers „Arrogant Boy“ und vielleicht der vorab ausgekoppelten Singles wie „Guilt Trippin'“ oder „Diablo“. “ Vielleicht ändern wir auch noch ein paar andere Dinge. Wer weiß? Die Setlist zu ändern, ist immer schwierig, denn was lässt man weg? Das ist immer die Frage. Es gibt bestimmte Dinge, die wir einfach nicht streichen können. Man kann „Highway Star“ nicht rausnehmen, man kann „Smoke On The Water“ nicht rausnehmen. Es ist immer eine wirkliche Herausforderung, ein Liveprogramm zusammenzustellen, denn wir würden zwar liebend gerne nur neue Sachen spielen, aber die Fans wollen natürlich auch viele der alten Songs hören. Man muss da irgendwie eine Balance finden. Und wir haben es bisher immer geschafft, eine funktionierende Setlist hinzubekommen.“
Die Songauswahl sei aber ein fortlaufender Prozess. So kommt es vor, dass man einen Song neu in die Setlist nimmt und dann nach dem Konzert feststellen müsse, dass das nicht funktioniert habe. „Wir haben das bei einigen der neuen Stücke vom ‚=1‘ -Album gemacht, da hat das in der Tat nicht immer so recht geklappt, was wir dann vor allem an den Publikumsreaktionen sehen.“ Ein prominentes Setlist-Opfer bei der letzten Tour war die Titelsong des „Perfect Strangers“-Albums von 1984. den die Band „schon ewig“ gespielt habe. „Vor allem Ian Gillan wollte mal was anderes ausprobieren, und dem haben wir zugesstimmt. Stattdessen haben wir ‚Bleeding Obvious“ vom ‚=1‘-Album ‚reingenommen, das hat nach Don Aireys Keyboard-Solo, nach dem früher immer ‚Perfect Strangers‘ kam, sehr gut gepasst. Aber wer weiß, vielleicht nehmen wir den Song dieses Mal auch wieder raus.“
Wie hält es Deep Purple mit der Improvisation?
In der Vergangenheit haben vor allem die einstigen Bandmitglieder Ritchie Blackmore und der 2012 verstorbene Jon Lord Deep Purple immer auch eine Band gesehen, die gern und viel auf der Bühne improvisiert. Dazu hat Simon McBride eine eigene Meinung: „Früher hieß es immer: Ritchie hat jeden Abend improvisiert und Jon hat dies und jenes spontan gemacht. Aber das stimmte nicht, denn beide hatten ihre Routinen. In der heutigen Zeit, wo alles am nächsten Tag auf YouTube landet, kann man bei Bands viel besser sehen, ob und was sich da von Show zu Show verändert.“
Es könne doch vorkommen, dass man einfach einen schlechten Tag habe und sich mies fühle. „An solcne Tagen ist das Letzte, was ich will, auf die Bühne zu gehen und zu improvisieren. Denn es kann bei Improvisationen nur zwei Richtungen gehen: Entweder es läuft richtig gut oder eben richtig schlecht. Aber das Publikum hat dafür bezahlt, eine Band auf hohem musikalischen Niveau spielen zu sehen, wie sie das von den Platten kennen.“
Zudem sei es doch so, dass die Band im Studio viel Zeit damit verbringn, Soli und fixe Arrangements zu entwickeln, sei es instrumental, sei es bei von Ian Gillan stammenden Texten „Die Leute erwarten, dass er die Lyrics nicht ändert. Und ich verbringe meine ganze Zeit damit, Gitarrensoli zu schreiben, aber manche Leute erwarten dann, dass ich sie über Nacht ändere. Warum sollte ich das tun?“ Grundsätzlich habe er aber nichts gegen Improvisationen auf der Bühne: „In meiner eigenen Band, einem kleinen Trio, improvisiere ich viel. Ja, der Großteil des Auftritts ist improvisiert. Manchmal ist es super, manchmal totaler Mist.“








