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Auf der Couch: Fritz Egner konnte machen, was er wollte

Auf der MusikWoche-Couch stellte der Radio- und TV-Moderator Fritz Egner sein neues Buch vor und sprach mit MusikWoche über den Wandel in der Medienlandschaft und im Musikbereich.

“Bei AFN war die Präsentationsform völlig anders, man spürte da eine Begeisterung für die Musik, die man damals beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk nie gehört hat“, erinnert sich Fritz Egner, der in München aufwuchs, wo er als Jugendlicher den US-Soldatensender AFN hörte. Dabei fiel ihm der Unterschied zum althergebrachten deutschen Rundfunk sofort auf: „Bei den deutschen Kanälen war der Moderator eher ein Fremdkörper zwischen zwei Songs. Bei AFN jedoch waren die Moderatoren Teil der Show, das war ein richtiger Flow, und man hatte das Gefühl, dass sie jeden Song, den sie spielten, aus Begeisterung spielten – was natürlich nicht immer stimmte. Aber bei mir ist diese Euphorie angekommen, ich dachte mir, wow, die haben wirklich Spaß. So etwas wollte ich dann auch machen.“

Beeindruckt war Fritz Egner, der in seinem autobiografischem Buch von Begegnungen mit Größen wie Little Richard, Marvin Gaye, Diana Ross, Mick Jagger, Prince oder James Brown erzählt, auch von der stilistischen Vielfalt, die er beim Bayerischen Rundfunk (BR) in den 1960er-Jahren nicht fand. „AFN deckte alle Genres ab – von Country über Rock’n’Roll bis Gospel und Jazz. Das hat der Sender nicht unbedingt freiwillig gemacht, aber man hatte die Aufgabe, jeder ethnischen Gruppe in der amerikanischen Armee ein Musikprogramm anzubieten, und dadurch waren sie gezwungen, die ganze Bandbreite der amerikanischen Populärmusik zu spielen. Der AFN hat einfach alles geboten, was das amerikanische Wesen hergegeben hat, und dadurch habe ich auch meinen Musikgeschmack weiterentwickelt.“

Der AFN habe natürlich auch Easy Listening à la Henry Mancini oder Percy Faith gespielt, „aber danach kam gleich eine Jazz-Sendung wie ‚Midnight In Europe‘, mit zwei Stunden Jazz vom Feinsten. AFN war eine gute Schule fürs Ohr. Mein Kollege Jürgen Herrmann kam aus Berlin und war dort wie ich in München auch mit AFN im Ohr aufgewachsen. Thomas Gottschalk hat jedoch viel BBC gehört, wo man ebenfalls eine andere Art der Präsentation gepflegt hat, die er dann aufgesogen.

Fritz Egner wechselte vom AFN zum BR

Fritz Egner arbeitete dann zunächst als Toningenieur für AFN, ab 1974 als Moderator. „Der BR hat mich beim AFN gehört und gefragt, ob ich so etwas nicht auf für sie und auf Deutsch machen könnte.“ 1979 begann dannn Egners Zeit beim BR, wo es unter dem Einfluss von populären Moderatoren wie Thomas Gottschalk oder Jürgen Herrmann zu einem regelrechten Kulturbruch gekommen sei, erläutert Egner, der dann selbst zu diesem Wandel im Sender beitrug. „Ich habe meine Jingles miteingebracht, das war ein Moderationsstil, der für den BR aus einer völlig anderen Welt kam. Diese Jingles waren für den Sender Teufelswerk. Die Chefs sagten dann immer: ›Wir sind der Bayerische Rundfunk wir brauchen keine Jingles‹.“ So habe es damals Widerstände gegen den neuen Stil von Egner gegeben, auch wenn ihm gegenüber diese Kritik nicht offen gezeigt worden sei. „Zwar hatte AFN auch bei deutschen Rundfunkanstalten einen hervorragenden Ruf, aber im vorauseilenden Gehorsam meinten die Redakteure, so ein Programm könne man dem deutschen Publikum nicht zumuten.“ Hierzulande war der Jazz bei bei den Älteren akzeptiert. Denn sie waren mit Swing aufgewachsen und pflegten ihren Glenn Miller. Cool Jazz und BeBop hingegen waren dann aber schon grenzwertig.“

Led Zeppelin kam direkt nach dem „Schlagerkarrussel“

Unterstützung für die Neuerungen kam dann von woanders, wie Fritz Egner erzählt: „Oft waren es die Kinder der Rundfunk-Entscheider, die ihren Vätern gesagt haben, dass in Sendungen wie meiner geile Musik gespielt und dass diese auch anders präsentiert würde. Da haben die älteren Radioleute gemerkt: ‚Aha, mit diesen Programmen können wir eine jüngere Generation ködern.‘ Denn zwischen den neuen Shows liefen auch Formate wie ‚Das Schlagerkarussell‘. Und danach kam ich und legte Led Zeppelin auf. Wir nannten das unsere Inseln der Glückseligen. Hier konnten wir machen, was wir wollten. Und der Sender hat uns eigentlich nie reingeredet.“

Die Lage änderte sich erst später in den 1980ern: „Als die Privaten mit ihren formatierten Programmen auftauchten, gab es bei den Öffentlich-Rechtlichen viel Unsicherheit, es wurden Beraterfirmen eingeschaltet. Die Redakteure waren sich nicht sicher genug zu sagen, wir haben da einen anderen Anspruch. Stattdessen wurden Umfragen etwa nach der beliebtesten Musik gemacht, wodurch die Freiheit eingeschränkt wurde – nicht bei etablierten Leuten wie mir, aber neue Moderatoren mussten sich dem schon unterwerfen. Damit begann dann auch bei den Öffentlich-Rechtlichen eine Art Formatierung.“

Egner selber, der inzwischen im Fernsehen erfolgreich Shows wie „Dingsda“ moderierte, habe die TV-Prominenz vor größeren Problemen bewahrt. „Da hieß es dann, den brauchen wir, der ist im Fernsehen. Denn Fernsehen war immer eine heilige Kuh. Und die Leute, die es aus dem Radio ins Fernsehen geschafft haben, waren – in Anführungszeichen – die ›Stars‹ im Radio. Und denen wollte man nichts in den Weg legen. Das hat mich oft gerettet.“

Moderiert nach 45 Jahren beim Bayerischen Rundfunk inzwischen  für das Schwarzwaldradio: Fritz Egner. Foto: API

Egner moderierte im Fernsehen auch das längst eingestellte SWR-Format „Ohne Filter“, bei dem eine Band live auftrat. „Das waren ziemlich teure Shows, allein schon wegen des technischen Aufwands. Auch die Einschaltquoten bei solchen Sendungen waren begrenzt auf die Fangemeinde. Und es gab das Musikvideo, mit dem man kostenlos Sendezeit füllen konnte. Bei den Kids kamen Videos gut an, zugleich sank die Aufmerksamkeitsspanne. Junge Leute wollten im Fernsehen keiner Band zuschauen, die eine Dreiviertelstunde einen Song nach dem anderen spielte. Die wollten möglichst viel visuelle Ablenkung haben“, beklagt Egner das Verschwinden von ausgewiesenen Musikformaten in der deutschen Medienlandschaft.

Es sei allerdings für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwieriger geworden, den ihnen gesetzlich zugewiesenen Bildungsauftrag umzusetzen. „Denn die Sender müssen ihre Existenz auch durch Quoten untermauern. Zugleich dürfen sie sich neuen Entwicklungen und Trends nicht verchließen, weil sie sonst irgendwann ihre Daseinsberechtigung verlieren.“

Bei der Buchpräsentation im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski München:  Moderator Alex Gernandt (links) und Fritz Egner. Foto: Michael Tinnefeld.

Auch gebe es Konkurrenz durch Streamingdienste und deren Playlists oder auch durch YouTube, wo Videoblogger wie der von ihm geschätzte Musikprodzent Rick Beato ein Millionenpublikum erreichen. Mittlerweile moderiert Fritz Egner beim Schwarzwaldradio in Baden-Württemberg, das sich als „bundesweiter Oldiesender“ definiert. „Dort haben sie für mich ein völlig offenes Format eingerichtet, da kann man wieder machen, was man will. Und das war auch der Anspruch, den ich hatte, um weiterzumachen. Denn beim Bayerischen Rundfunk war nach 45 Jahren die Zeit gegekommen, sich zurückzuziehen. Sie haben mir nahegelegt, dass sie meine Sendefläche am Freitagabend für etwas anderes brauchen – und zwar für ‚Lieblingshits unserer Lieblingshörer‘ – ein ganz schlichtes und leider kein besonders einfallsreiches Format. Und da musste ich passen. Das hätte ich nicht verkaufen können und wollen.“

Egner weiß: „Heute gibt es mehr Möglichkeiten, sich mit Musik zu versorgen – etwa mit den vielen Streamingdienste . Und es bedarf keinem Aufwand mehr, sich die Musik zu beschaffen. Früher musste man in einen Plattenladen gehen, musste möglicherweise die Platte erst bestellen, weil sie nicht vorhanden war. Das war mit großem Aufwand und mit Kosten verbunden. Und das ist weg. Auch die Hörgewohnheiten haben sich natürlich angepasst. Wenn die heutigen Kids einen echten Schlagzeuger hören, dann denken die, da randaliert einer in der Küche.“ Dabei sei es doch gerade der Reiz von Livemusik, dass die menschliche Emotion rüberkommen soll. „Viele Kids heute jedoch wollen nur noch vorgefertigte Musikstücke hören, und jetzt kommt auch noch KI-generierte Musik hinzu. Das ändert die Dinge, und das Rad ist nicht mehr zurückzudrehen. Viele Musiker auf der Strecke bleiben.“

Trafen sich bei der Buchpräsentation (von links): Kai Böcking, Thomas M. Stein, Franz Prinz von Auersperg, Fritz Egner, Bernie Paul, Johnny Logan und Georg Dingler. Foto: MusikWoche

Zu negativ will er aktuelle Entwicklungen bei der Musikentdeckung jedoch nicht sehen: „Interessant finde ich aber, dass Filme wie ‚Wall Street‘ und ‚Cotton Club‘ oder Serien wie ‚Strange Things‘ auch ältere Musik aus den 80ern oder 90ern Jahren wieder nach vorn bringen. Da hat Kate Bush plötzlich ein Comeback und keiner denkt darüber nach, aus welcher Zeit das kommt. Ich stelle fest, dass die Jungen nicht unterscheiden zwischen alt und neu, sondern zwischen gut und schlecht. Sie machen das nicht fest an der Zeit oder an der Instrumentierung, sondern daran, was ein Song ausstrahlt und ob sie das erreicht. Das ist ja keine negative Entwicklung.“

Für diese Entwicklung hat er auch ein Beispiel parat: „Ich habe vor Kurzem in der S-Bahn ein Gespräch von Jugendlichen mitgehört, die so um die 16 Jahre alt waren. Da sagte der eine zum anderen: K,ennst du Frank Sinatra? Der andere sagt, nee, kenne ich nicht, worauf sie sich sofort Musik von ihm anhörten. Und wenn in neuen Filmen für ein junges Publikum einmal ein Elvis-Song vorkommt, dann wird auch ein Elvis Presley von einer neuen Generation entdeckt. Auch wenn ein Künstler aus den 60ern genügend Ausstrahlung und emotionale Wirkung hat, nehmen die jungen Leute ihn genauso an wie einen aktuellen Popstar. Leider sind die Plattenfirmen nicht wirklich daran interessiert, die alten Kataloge wieder zu beleben – auch weil es im Handel nur noch wenig Regalfläche für physische Veröffentlichungen gibt.“

Als jemand, der jahrzehntelang Musik vorgestellt und vermittelt hat, formuliert Egner: Als Medienmensch sollte man angesichts der angebotenen Vielfalt die Aufmerksamkeit der Hörer binden und Neugierde schaffen. Das ist die Aufgabe der Medien und vor allem von Musikjournalisten. Denn diese können und müssen Musik kuratieren und einordnen, das kann der Streamingdienst nicht. Das Problem ist aber, diese Aufmerksamkeit herzustellen, denn viele Junge sind von sozialen Medien abgelenkt. Der Umgang mit diesen neuen Medien kostet jedoch viel Zeit, die dann fehlt, um Musik zu entdecken und zu hören.“

Als immer noch aktiver Musikjournalist arbeitet Egner auch mit zahlreichen Interviews, die er im Laufe der Jahre aufgenommen hat: „Ich schöpfe noch aus meinen vielen Interviews. Wenn ich im Radio erzähle, ich hätte all diese Leute getroffen, kann ich das mit Auszügen aus meinen Interviews untermauern, bei denen ich die Künstler am Schluss immer eine ID habe sprechen lassen. Ich habe rund 400 IDs, da heißt es dann etwa ‚Hi, I’m Mick Jagger and you’re listening to me and Fritz‘. Das habe ich von den Amis abgeschaut. Die haben allerdings damals nicht ihren eigenen Namen aufsprechen lassen, sondern den Sendernamen.“

Nahmen die Organisatorin der Buchpräsentationin ihre Mitte: Verleger Bernd Foertsch, Andrea Strigl (andrea k. strigl events & public relations) und Fritz Egner. Foto: Michael Tinnefeld

Egner verwendet seine alten Interview auch noch nach seiner Zeit beim BR: „Die Frage stand immer im Raum, wem gehören eigentlich die Interviews, die ich geführt habe. Ohne es zu wissen und zu ahnen, habe ich damals jedoch alles richtig gemacht. Darüber habe ich auch mit dem Justiziar vom BR gesprochen. Ich habe nur vereinzelt Fernsehinterviews für die ARD geführt, aber ansonsten gar keines der 400 Interview im Auftrag des BR. Die habe ich immer aus meinem eigenen Interesse heraus geführt und um meine Sendung aufzuwerten. Wenn Reisekosten entstanden sind, habe ich diese selber getragen. Und insofern kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass die Rechte an den Interviews bei mir liegen. Und das haben die Verantwortlichen auch schweren Herzens geschluckt. Die Entscheidung, die Reisekosten selbst zu tragen, habe ich damals aber nicht bewusst getroffen. Mir war der Aufwand, eine Reise nach London genehmigen zu lassen vom BR, einfach zu aufwendig. Der öffetlich-rechtliche Rundfunk war damals ein Bürokratiemonster, fürchterlich. Und wahrscheinlich hätten sie es mir sowieso nicht gezahlt.“

Egner rekonstruiert: „Wenn ich so einen Reiseantrag gestellt hätte, hätte es wohl geheißen: ‚Was? Nach London zu fliegen? Wegen MIck Jagger? Ach nee, der kommt doch sicher mal hierher.‘ Das wäre die Einstellung damals gewesen. Hätte ich gesagt, ich möchte Maggie Thatcher interviewen, wäre das wahrscheinlich leichter gewesen. Das führte aber dazu, dass ich alle Interviews im eigenen Interesse geführt, sie dann auch selber archiviert und digitalisiert habe. Deswegen habe ich heute alles verfügbar. Und das ist natürlich jetzt ein Riesen-Vorteil.“

„Mein Leben zwischen Rhythm & Blues“ von Fritz Egner ist am 30. Oktober 2025 im Plassen Verlag erschienen.