Anfang April wurde bekannt, dass MTV Networks sich entschieden hatte, das deutsche Musikprogramm von VH-1 zum 1. Mai, dem Amtsantritt der neuen MTV-Chefin Catherine Mühlemann, einzustellen. Schon seit einiger Zeit hatte der MTV-Mutterkonzern Viacom nach einem Partner für den defizitären Sender in Deutschland gesucht. Diesbezügliche Gespräche mit der Holtzbrinck-Gruppe und dem Heinrich Bauer Verlag hatten aber nicht zu einem Geschäftsabschluss geführt.
Zwar wird der Sendeplatz von VH-1 auch künftig musikalischen Inhalten gewidmet bleiben – hier läuft nun ein hauptsächlich aus Clipstrecken mit aktuellen Hits zusammengestelltes Programm namens MTV2, das dank der Aufschaltung auf den Satellitentransponder Astra über eine auf 20 Millionen Haushalte erhöhte Reichweite verfügt – dennoch hat das Ende von VH-1 bei vielen in der Branche offenbar eine Art Phantomschmerz hervorgerufen. Dies ergab sich bei unserer aktuellen Branchenumfrage über das Feature Vote/Quote auf www.musikwoche.de.
„Trauern Sie um VH-1?“ hatten wir gefragt – und siehe da, als wir am Mittwoch, den 9. Mai um 18 Uhr den Schluss-Strich unter die Abstimmung zogen, manifestierte sich im Ergebnis eine Art kollektiver Trauer: 87,23 Prozent der User hatten auf „Ja“ geklickt, lediglich eine kleine Minderheit von 12,7 Prozent stimmte „nein“.
Wesentlich mehr Teilnehmer als bei unseren vorhergehenden Umfragen machten auch von der Möglichkeit Gebrauch, über ein Meinungsfeld im Voting-Kasten ausführlichere Kommentare zum Thema abzugeben. Die Einschätzung vieler brachte Bob Lyng von der Künstleragentur Music Arts Network, auch bekannt durch seine Bücher über die Praxis im Musikgeschäft, auf den Punkt:
„Mit der Einstellung von solchen Sendungen wie ‚Ohne Filter‘, ‚Rockpalast‘ und anderen und nun auch von VH-1 werden nur noch Kinder und Altersheimbewohner weiter mit Musik im Fernsehen bedient. Die Generation der Babyboomers – sagen wir diejenigen zwischen 35 und 51 Jahren – geht ziemlich leer aus.“
Lyng wies auf telefonische Nachfrage darauf hin, dass reine Clip-Sender möglicherweise nicht das geeignete Format für eine erwachsene Zielgruppe sind, weil diese eine journalistische Aufbereitung der Themen erwarte: „Dass Erwachsene wenig Zeit haben, Musikfernsehen im gleichen Umfang wie ihre Kinder zu konsumieren, heißt keineswegs, dass sie nicht intelligent gestaltete Programme (wie zum Beispiel ‚Planet Music‘ auf Arte oder ‚World Beat‘ bei NBC) sehen wollen.“
Hannes Koch, früher in den Bereichen Promotion und Marketing bei BMG, Sony Music und Die Söhne Mannheims tätig und seit dem 1. April 2001 neuer Label-Direktor bei der Telemedia Music GmbH, äußerte die Hoffnung, die schwindende musikalische Vielfalt im Fernsehen werde in naher Zukunft durch die neuen Medien substituiert: „Abgesehen davon, dass redaktionell vom amerikanischen Mutterhaus VH-1 einige Highlights auf unsere Bildschirme kamen, die jetzt wegfallen, wird es zukünftig schwierig werden, Videos oder Specials von Acts wie den Eagles, Santana oder Sade zu sehen. Quote ist halt wichtiger als Anspruch! Das Web wird es schon irgendwann richten, wenn Onyx es nicht macht.“





