“Es ist schwieriger geworden, einen Clubtitel zu vermarkten und durchzusetzen“, erläutert Sascha Basler, Geschäftsführer bei Orbit. „Eine kaum noch überschaubare Vielfalt und sinkende Qualität der Veröffentlichungen haben den Konsumenten verunsichert.“ Armin Johnert, Vertriebsleiter des Vinylvertriebs Discomania, fügte hinzu: „Grottenschlechte Titel machen die Szene kaputt Unsere Branche leidet unter den vielen entsetzlichen Flops, die wir uns nicht mehr leisten können.“
Darüber diskutierten auch Moderator Oliver Wegener, Geschäftsführer der Verlagsgesellschaft Public Propaganda, Kontor-Chef Jens Thele und Neffi Temur, Head of A&R/Marketing Urban. Tim Renner, President Universal Music Group, und Sandra Molzahn, Label-Manager Low Spirit, mußten die Veranstaltung krankheitsbedingt absagen.
Gerade die Abwesenheit von Low Spirit bedauerten die übrigen, da laut Basler Low Spirit über die Jahre eine richtige Label-Politik verfolgt habe: „Sie haben Künstler langfristig aufgebaut und verfügen über eine große Fanbasis, dadurch geht nun auch ein Act wie Lexy & K-Paul nun in die Charts.“ Temur forderte „mehr Zeit für die Entwicklung der Tracks in den Clubs“, worauf Johnert jedoch auf die Gefahren hinwies, die ein zu langes Warten mit sich bringen.
Ein Hauptproblem sah die Runde in der Vernachlässigung der Vinylverkäufe durch Media Control. „Die Vinylverkäufe, die ja bei einigen Künstlern bis in zu 10.000 Einheiten erreichen, versanden bei Media Control“, klagte Johnert. Daraufhn schlug Thele vor: „Es wäre eine Sensation, wenn man in der VÖ-Woche die kulminierten Vinylverkäufe den Maxi-CD-Absatzahlen hinzurechnen könnte.“
Ein anderer Vorschlag lautete, zur Veröffentlichung eines Titels eine Vinyl mit Remixen hinterherzuschicken, die dann ebenfalls den CD-Verkäufen zugerechnet werden soll. Basler monierte: „Dance wird heute mehr und mehr als Special Marketing verstanden. Und dort sitzen Leute, die mit Musik so viel zu tun haben wie ich mit Heavy Metal.“ Daran schloss Johnert an: „Der Szene wird durch perfektes Marketing und penetrante DJ-Promo oft vorgetäuscht, ein Track sei ein Clubhit.
Um den Telefonterror einiger Promoter zu entkommen, werden viele Tracks nämlich nur getippt, aber nicht gespielt.“ Ein weiteres großes Problem liegt bei den Dance-Compilations, wie Thele ausführte: „100 Compilationkäufer können bei der derzeitigen Chartssituation schon den Unterschied ausmachen, ob ein Song, den ich für eine Kopplung freigegeben habe, dann nicht mehr in die Charts geht. Aber aus wirtschaftlichen Erwägungen kann man nicht alle Anfragen ablehnen.“
Basler verschärfte die Kritik: „Statt A&R gibt es bei vielen Firmen nur noch das R. In England arbeitet die Industrie monatelang an einem Thema. Und unsere eigenen Produkte verkaufen sich dort oft tausendfach besser als hier. Wenn wir hier eine ähnliche Infrastruktur etwa mit einem nationalen Radio hätten, könnten wir sogar auf Viva verzichten“.
Für Thele ist indes eine Show wie „Club Rotation“ auf Viva „wirklich wichtig“, obwohl der Sender laut Wegener statt 50 nur noch 20 Prozent Dance in die Playlist nimmt: „Daran sind die Firmen oft selber schuld, wenn sie zu DJ-Songs irgendwelche Tanzbimbos zappeln lassen.“ Temur erklärte: „Wir haben zwar einige interessante Dance-Medien hierzulande, aber selbst eine Titelseite auf der „raveline“ verkauft keine Platten.
Club-Musik ist in Deutschland zwar nach wie vor groß, aber unsichtbar. Der Markt wird kleiner, die Luft dünner. Grundsätzlich haben wir in Deutschland es nicht geschafft, eine Dance-Community aufzubauen. Deswegen müssen die A&R-Leute besser selektieren“. Dieses Fazit zog auch Johnert: „Der Glaube an Künstler und der bewußte Umgang mit Musik ist das wichtigste. In der Branche wird mehr Musik gesprochen, gelesen und geplant als gehört.‘





