MusikWoche: Das letzte Jahr war bei Virgin – was hochkarätige Veröffentlichungen betrifft – vergleichsweise bescheiden. Was steht denn in den kommenden Monaten an?
Udo Lange: Wir haben einen starken Release-Plan. Davon leben wir ja schließlich, denn die Katalogverkäufe sind aus verschiedenen Gründen nicht mehr so hoch wie früher, so dass wir sehr stark von neuen Produkten leben. Jetzt im März die Böhse-Onkelz-Compilation und das Daft-Punk-Album – beide VÖs potenzielle Top-5-Themen. Da gibt es die schöne Marketingidee mit der Membership-Karte, mit der die CD-Kunden Zugang zu zusätzlichem Material der Band im Internet bekommen. Ich finde das eine hervorragende Idee, wie man sich die neuen Medien zunutze machen kann, statt diese Entwicklung zu verteufeln. Das ist eine Kampagne, die über ein ganzes Jahr läuft und die Fans immer wieder mit neuen Features bei der Stange halten soll. Im April kommt das Album von Janet Jackson, danach Aalyiah und wir hoffen noch auf das neue Album von Peter Gabriel. Im Mai und Juni haben wir dann noch die ein oder andere Überraschung für den Handel. Außerdem haben wir noch einiges an lokalem Repertoire wie Vivid, Oomph! oder Slut. Sowie bereits veröffentlicht: Hubert von Goisern und Ringsgwandl. Im Herbst steht noch der Longplayer von Lenny Kravitz an. Also gehe ich davon aus, dass die Entwicklung der Firma, was Umsatz und Marktanteile betrifft, im nächsten Geschäftsjahr nach oben gehen wird.
MW: Wie läuft“s bei EMI Music Media (EMM), dem Joint Venture mit der EMI Electrola?
Lange: Die haben doch einen Superstart hingelegt. Besser, als wir uns das erträumt hatten. Vor drei Wochen erst hatte EMM die Plätze eins, zwei und drei bei den Compilations. Das muss eine neue Firma erst mal schaffen. Auch mit der allgemeinen Ertragslage bin ich sehr zufrieden. Aber die ist sicher nicht mehr so toll wie zu Anfang des CD-Booms. Da war das Geld noch relativ einfach zu verdienen und man konnte fast nichts falsch machen. Diese Zeit ist aufgrund gestiegener Kosten in allen Bereichen längst vorbei.
MW: Mit rund 30 Titeln pro Jahr veröffentlicht EMM deutlich weniger als die Mitbewerber. Ist das Firmenphilosophie?
Lange: Ich finde 30 Veröffentlichungen durchaus ausreichend. Wenn jemand mehr macht, dann stimmen die Konzepte nicht, finde ich. EMM hat im Lauf des letzten Jahres eine ganze Reihe neuer Titel wie zum Beispiel „Voll Bingo“ etabliert.
MW: Seit Oktober hat Virgin mit Labels Germany nun auch eine Dependance in Berlin. Wo liegt dabei der Fokus?
Lange: Labels hat ein tolles Repertoire. Die ersten großen Veröffentlichungen kommen jetzt im April, und Erfolge werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Labels ist als Indie-Label positioniert. Da schauen wir zwar nicht vorrangig auf Charts-Platzierungen, aber wenn man erfolgreich arbeitet, werden Charts-Titel zwangsläufig nicht ausbleiben.
MW: Das Jahr 2000 war – soviel ist bekannt – mit zwei Prozent Umsatzeinbußen wenig berauschend für die Tonträgerbranche. Wie kann man dem gegensteuern und nicht nur Marktanteile sichern, sondern auch die Umsätze auf einem erträglichen Niveau halten?
Lange: Ganz einfach: bessere Musik veröffentlichen. Für das laufende Jahr wird ein Wachstum von Null Prozent prognostiziert. Wenn es bei der Null bleibt, werden alle froh sein. Aber wenn wir, die Industrie, uns alle mehr bemühen würden, bessere Musik auf den Markt zu bringen, und nicht diese so genannten Schnelldreher-Interpreten, die nur ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum haben, dann kaufen die Leute mittelfristig wieder mehr.
MW: Das erfordert aber auch Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen bei der Entwicklung von Newcomern.
Lange: Das erste Album von Vivid hat über ein Jahr gesehen 60.000 Stück verkauft. Das ist ein prima Ergebnis, aber keines, bei dem sich mein Finanzchef die Hände reibt. Das zweite Album war dann etwas problematisch, aber das dritte, das jetzt kommt, ist sehr gut. Bei Oomph! ist es das gleiche. Beiden Bands fehlt nur ein Hit zum Durchbruch. Aber ich finde, an solchen außergewöhnlich guten Gruppen muss man langfristig dranbleiben.
MW: Zum „Schnelldreher-Repertoire“ zählt auch das Dance-Genre. Sind Sie froh, dass die Partnerschaft mit Orbit beendet ist?
Lange: Froh nicht. Unser Vertrag lief aus. Orbit und Virgin haben sich freundschaftlich getrennt, und ich halte Sascha Basler für einen der besten A&Rs in Deutschland. Aber wir hatten zuletzt nicht mehr den Erfolg wie in den Anfangstagen, und uns fehlte die Vision, wie wir das ändern sollen. Glücklich bin ich darüber nicht. Allerdings braucht man als Firma auch Schnelldreher, man darf nur nicht ausschließlich darauf bauen. Ich habe früher gedacht, dass man auch im Dance-Bereich Album-Acts aufbauen kann, die Katalogwert haben, und mit Dune ist uns das auch gelungen. Aber wir wissen inzwischen, dass dem nicht immer so ist. Und am Singles-Geschäft ist nunmal nichts verdient.
MW: Welchen Stellenwert hat lokales Repertoire bei Virgin?
Lange: Wir liegen bei einem Anteil von rund 35 Prozent. Das war schon einmal mehr. Aber damals waren wir geprägt von Topsellern wie den Toten Hosen, die von einem Album mal eben eine Million Einheiten verkauften. Über die Jahre gesehen liegen wir jedoch im Schnitt der Verbandsstatistik. Wobei das nicht mein Anspruch ist. Ich wünsche mir im lokalen Bereich schon mehr, und ich hoffe, wir können das in diesem Jahr erreichen.
MW: Sie erwähnten bereits das Online-Marketing-Konzept für das neue Daft-Punk-Album. Inwieweit engagiert sich Virgin im Bereich Musik im Internet?
Lange: Wir nutzen das Internet natürlich ausgiebig für Promotion. Aber das muss nun auch ein Geschäftszweig mit einem Vertriebskanal werden. Es gibt einige Modelle, und der Weg dorthin ist noch lang, aber demnächst müssen in diesem Bereich auch Umsätze her. Im Gegensatz zu Äußerungen von anderen Geschäftsführern der Branche glaube ich jedoch, dass der traditionelle Tonträger noch lange bleiben wird. Ansichten wie „Der Tag, an dem der körperliche Tonträger verschwindet, ist für mich ein Freudentag“ mag ich nicht teilen. Das schließt den Digitalvertrieb aber nicht aus. Nur: Niemand in der Branche kann daran Interesse haben, mit aller Gewalt einen digitalen Vertrieb durchzusetzen. Noch ist nämlich nicht klar, wie und vor allem in welcher Höhe dann die Umsatzströme fließen werden.
MW: Wie hat sich in 19 Jahren die Philosophie von Virgin verändert?
Lange: Wir haben bei uns schon alles an Repertoire gehabt, sogar Schlager und Volksmusik. Unser Image haben wir aber durch unser Engagement im Bereich Rock/Alternative. Wenn ich mir die fünf Echo-Nominierungen in der Kategorie „Gruppe national Pop/Rock“ ansehe, dann bin ich stolz, wenn ich mit den Onkelz, den Hosen und Reamonn drei Bands auf der Liste sehe, von denen zwei noch bei uns sind und eine viele Jahre bei uns war. Das, was ich schon damals machen wollte, als ich hier im zarten Alter von 30 Jahren anfing, nämlich Rockmusik verkaufen, ist uns ganz gut gelungen. Wir hatten nie den Anspruch, in den Bereich von zehn Prozent Marktanteil zu kommen. Zumindest war das nicht meine Idee. Wir sind immer noch eine kleine Firma mit 120 Mitarbeitern. Wir sind immer noch überschaubar, wenn auch wesentlich größer als früher. Das hat auch Vorteile für die Künstler, weil es bei uns persönlicher zugeht als bei Firmen mit 1000 Mitarbeitern. Natürlich muss auch bei uns am Ende das Ergebnis stimmen. Und oft macht man im Marketing-Bereich Dinge, die das Ergebnis verbessern sollen. Aber meist verschlechtern solche Aktionen das Ergebnis eher, weil das Herz nicht daran hängt. Wir alle sind doch schließlich glücklich darüber, dass wir in einer Branche arbeiten, in der wir Beruf und Hobby miteinander verquicken können. Wenn wir keinen Spaß mehr an unserer Arbeit haben könnten, wer dann?
MW: Wieviel Spaß haben Sie denn noch, wenn Sie ständig lesen müssen, dass Virgin im Falle einer Fusion von EMI mit BMG verkauft werden soll?
Lange: Ich kann da nur meinen Kollegen aus Köln zitieren, der auf die Frage, ob er angesichts der Merger-Gerüchte noch ruhig schlafen könne, sagte: „Ich könnte nicht mehr schlafen, wenn es keine Gerüchte gäbe.“
MW: Ist der Spaßfaktor über die letzten 19 Jahre gleich geblieben?
Lange: Ich denke schon. Am Anfang sind wir an die Sache sehr unverbraucht heran gegangen, aber zum Teil auch sehr naiv. Das hilft. Mit wachsender Erfahrung hört man dann aber auch das Gras wachsen und macht sich zunehmend Sorgen. Aber der Spaß ist geblieben.
MW: Gäbe es für Sie nach so langer Zeit bei einer Firma nochmal eine andere Herausforderung?
Lange: Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Es gab da zwar mal das ein oder andere Angebot, aber das hat mich nicht interessiert. Ich mache meinen Job hier gerne.
MW: Was bedeutet der 50. Geburtstag für Sie?
Lange: Das war ein Horrordatum für mich. Wenn mir jemand erzählt, er werde gerne älter, dann nehme ich ihm das nicht ab. Als ich Anfang 20 war, waren 50-Jährige für mich alte Säcke. Das habe ich nicht vergessen.
MW: Wie lange werden Sie Virgin noch erhalten bleiben?
Lange: Das weiß ich nicht. Und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen. Aber mit Sicherheit bleibe ich Virgin nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter erhalten.






