musikwoche.de: Sie sind 1999 mit einem Außenseiter-Thema auf Platz eins gelandet.
Lucia Zimara: Der Erfolg kam nicht ganz unverhofft, da der Name Ry Cooder innerhalb der Musikszene bereits Zugkraft besaß. Doch die Kuba-Welle war in diesem Ausmaß nicht abzusehen. Einige haben die Qualität der Buena Vista-Produktionen von Anfang an erkannt. Die Mehrheit aber fing erst durch Wim Wenders“ Film Feuer. Wir haben allerdings schon 1997 jubiliert, als das Album in die Top 100 einstieg. Obwohl es sich nur auf den hinteren Rängen platzierte, war es doch einmalig, dass diese Musik überhaupt die Charts eroberte.
Heike Urban: Mit dem Film hat sich das Interesse nochmals potenziert. Unsere Telefone standen nicht mehr still. Manche Journalisten konnten noch nicht einmal ‚Buena Vista Social Club“ richtig aussprechen, sollten aber darüber schreiben. Für uns, die wir in der Weltmusik-Nische arbeiten, war das eine ganz neue Erfahrung. Natürlich sind wir damit gewachsen und haben eine Menge dazu gelernt. Unser Verteiler hat sich um ein Vielfaches erweitert.
mw: Es gelangten nur World Circuit-Produktionen in die Pop-Charts, was darauf schließen lässt, dass die Käufer dem Label vertrauen.
Zimara: Wir sind froh, dass sich World Circuit als Markenname etabliert hat. Das Label hat sich stets auf zwei oder drei Produktionen pro Jahr beschränkt und diese von den Aufnahmen bis zum Endprodukt betreut.
mw: Wie reagieren die Majors auf die Kuba-Welle?
Zimara: Auch die Majors sind mittlerweile für lateinamerikanische Musik sensibilisiert und beobachten diese Sparte wesentlich genauer als noch vor wenigen Jahren. Andererseits stürzen sich nun alle auf das Thema, um es kommerziell auszuschlachten. Viele Firmen werfen Kopplungen auf den Markt und plündern ihren Uraltkatalog mit kubanischen Lizenzen. Ich bezweifle, dass das förderlich ist für die Musik, für die wir uns einsetzen.
mw: Das Überangebot provoziert eine gewisse Kuba-Müdigkeit.
Urban: Die Kuba-Müdigkeit ist die zwangsläufige Folge des Kuba-Booms. Und die Journalisten, die als letzte auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind, sind auch die ersten, die wieder abspringen. Dennoch hat die kubanische Musik viele Liebhaber gewonnen. Und damit ist auch das Potenzial für neue Künstler aus allen Latin-Segmenten größer geworden. Wir werden weiter darauf aufbauen – und zwar mit guten Produkten.
Zimara: Generell gibt es derzeit eine größere Offenheit für lateinamerikanische Musik beim Verbraucher. Sie wird nicht mehr als Urlaubs- und Sommersound abgestempelt, sondern findet Anerkennung als qualitativ hochwertige, anspruchsvolle Musik.
mw: Welche Auswirkungen hat das abflauende Interesse auf die Promotion aktueller Produkte?
Urban: Bei Cachaíto und „Calle 54“ kann man die Presseleute sehr wohl noch überzeugen, in dem man auf die hohe Qualität und die neuen Aspekte der jeweiligen Produktion hinweist. Das Album ist maßvoller orchestriert als die bisherigen Buena-Vista-Produktionen. Ein DJ unterlegt die kubanischen Rhythmen mit Scratches. Es handelt sich um ein weitgehend instrumentales Album, das die Kuba-Rhythmen um Dub-Reggae und Funk erweitert. Eine gelungene Mischung von neuen und alten Elementen.
mw: Cachaítos Musik zeigt Affinitäten zum Acid-Jazz, der auch sehr offen war für Latin-Beats.
Urban: Wir sind zuversichtlich, dass genau die Leute auf das Album anspringen, die sich ihr Faible für diese Clubmusik bewahrt haben. Wir bemustern aber auch kommerzielle Radiosender und machen sie auf den DJ-Track aufmerksam. Um dazu zu tanzen, muss man nicht Salsa können.
mw: Hat sich World Circuit als Marke so weit etabliert, dass auch „Cruzando El Río“ von Radio Tarifa mehr Beachtung bekommt?
Zimara: Radio Tarifa geht in eine andere Richtung, zumal die Gruppe auch arabische Einflüsse verarbeitet. Eine tolle Produktion, aber sehr viel schwieriger an den Mann zu bringen, als die alten Kubaner. Doch Journalisten, die die Qualität der World Circuit-Produktionen kennen, hören auch „Cruzando El Río“ bewusst.
mw: NuzzCom hat sich einen Namen als Promotionagentur gemacht. Müssen Sie mittlerweile auch Anfragen ablehnen?
Zimara: Wir lehnen Angebote ab, wenn wir uns nicht mit dem Produkt identifizieren können. Die Qualität ist für uns entscheidend.
Urban: Wir verhalten uns dabei auch loyal gegenüber World Circuit. Immerhin haben wir mit Buena Vista das Top-Thema, das beste Label und die besten Produktionen. Deshalb konzentrieren wir uns derzeit auf „Calle 54“ und das neue Album von Madredeus, die beide nichts mit dem Kuba-Boom zu tun haben. „Calle 54“ ist eine sehr gelungene Aufarbeitung der lateinamerikanischen Jazzszene. Eine Parade hochkarätiger Künstler aus Spanien, Brasilien, der Karibik und den USA, die das gesamte Spektrum lateinamerikanischer Musik präsentieren.
Zimara: Fachjournalisten und Jazzkenner loben das Projekt. Es wäre toll, wenn der Film dazu einen deutschen Verleih fände, aber das Album ist so genial, dass es auch für sich alleine besteht.




