Nick Gold, Inhaber World Circuit: „Kuba-Boom am stärksten in Deutschland‘

Mit den Erfolgen des Buena Vista Social Club ist das britische Label , unter Kennern zuvor schon als gute Adresse für World Music bekannt, zum weltweit erfolgreichsten unabhängigen Imprint in diesem Genre avanciert. Nick Gold stand musikwoche.de Rede und Antwort zum Kuba-Boom, seinem Künstlerstamm und Projekten.

Wertkonservatismus ade – die jüngste World Circuit-Produktion mit Orlando „Cachaíto“ López, seit dem 9. April im Handel, bricht mit der konservativen Linie des Labels, welches vor dreieinhalb Jahren die Kuba-Welle ins Rollen brachte. Auf konfrontiert der 68-jährige Bassist, der an allen bisherigen Buena-Vista-Sessions mitgewirkt hatte, seine Descargas mit HipHop-Beats und Reggae-Rhythmen. Offenkundig will sich Nick Gold mit seiner Firma nicht auf den Buena-Vista-Lorbeeren ausruhen.

musikwoche.de: World Circuit galt bisher als Garant für authentische Roots-Music. Doch Cachaítos Album weicht von dieser puristischen Linie ab. Haben Sie ihre Firmenphilosophie geändert?

Nick Gold: Wir wollten einfach weg vom Sound der bisherigen Buena Vista Alben. Also reduzierten wir bei den Aufnahmen mit Cachaíto das Instrumentarium, um seinen Kontrabass und die Percussion in den Vordergrund zu rücken. Das Schwergewicht lag auf dem Groove. Das hört man schon beim ersten Stück. Hier hat uns die Transparenz der Rhythmus-Section an den Dub-Reggae erinnert, weshalb wir versuchten, die Verbindung zwischen Kuba und Jamaika noch weiter herauszukitzeln. Beide Inseln liegen ja sehr nah beieinander, dennoch ist die Musik absolut verschieden. Hinzu kommt, dass Cachaíto für Experimente sehr offen ist. Doch es war bestimmt keine politische Entscheidung, das Album anders als die bisherigen zu konzipieren. Die Aufnahmen sollten einfach dem Künstler individuell auf den Leib geschneidert werden. Schließlich sind wir ein „Artist-based Label“.

mw: Dennoch hätte kaum jemand erwartet, dass auf World-Circuit-Platten ein DJ scracht.

Gold: Das war ursprünglich auch gar nicht vorgesehen. DJ Nasty aus Paris hielt sich zu Aufnahmen mit Miguel „Anga“ Diaz in Havanna auf. Man traf sich, begann zu jammen und so entstand das Stück „Cachaíto In Laboratory“. Ich war nie glücklich, wenn Technologie nur um ihrer selbst willen in die Produktion einfließt. Doch bei Cachaíto ist das anders: Es funktioniert, ohne dass es aufgesetzt klingt.

mw: Haben sie sich nicht bisher gegen Remixe von Buena-Vista-Social-Club-Stücken gewehrt?

Gold: Nicht wirklich. Einige DJs haben uns ihre Mixe von geschickt, doch wir fanden, dass sie dem Song keine neue Dimension hinzufügten. Einfach nur den Hook zu nehmen und darunter eine Beat zu legen – das kann es nicht sein. Aber es ist durchaus möglich, dass es von Cachaíto offizielle Remixe geben wird.

mw: Was haben sie noch an neuen Releases in petto?

Gold: Es befinden sich zur Zeit mehrere Alben in der Endphase, aber jedes benötigt seinen Platz auf dem Markt. Ich komme gerade aus Havanna, wo Ry Cooder das nächste Album mit Ibrahim Ferrer produziert. Es ist für den Spätsommer angesetzt, denn Ferrer geht im Oktober und November auf Europatournee. Im Juni kommen noch zwei Reissues: eine Aufnahme von Orchestra Baobab aus dem Jahre 1982 und eine alte Aufnahme von Ñico Saquito aus Kuba. Für Baobab haben wir bessere Mastertapes plus sechs zusätzliche Songs. Zudem arbeiten wir mit Baobab auch an einem neuen Album.

mw: Offensichtlich hat World Circuit eine gute Arbeitsbasis mit seinem Künstlerstamm. Wie verhindern Sie Abwerbungsversuche?

Gold: Wenn unsere Künstler Offerten von anderen Plattenfirmen bekommen, so erfahre ich das bestimmt nicht. Aber bis jetzt scheinen sie mit unserer Arbeit zufrieden zu sein. Doch wann immer ein Künstler zu einer anderen Company wechseln will, so ist er frei dies zu tun. Denn wie soll man eine gute Platte produzieren, wenn das Arbeitsklima nicht stimmt?

mw: Trends kommen und gehen binnen Jahresfrist. Kuba dagegen hält sich erstaunlich lange. Der , im Sommer 1999 wochenlang auf Platz eins, kann mittlerweile 110 Wochen in den deutschen Album-Charts verbuchen.

Gold: Das ist einmalig. In UK hatten wir nicht annähernd solche Charterfolge. Der Kuba-Boom ist in Deutschland sehr viel stärker als anderswo in Europa. Dabei haben sich die Deutschen bisher nie als leidenschaftliche Kuba-Fans geoutet. Wim Wenders“ Film hat sicher enorm viel zum Erfolg beigetragen. Aber natürlich ist auch das Level der Künstler sehr hoch. Erstaunlich ist das Alter der Konzertbesucher: Von sieben bis 77 Jahren ist alles vertreten. Normalerweise sorgt vor allem das junge Publikum dafür, dass ein Album auf Rang eins geht. In diesem Fall aber war die Mehrheit des Publikums wesentlich älter.