Zu den klassischen Airplay Top 50, die MUSIKWoche nach wie vor abdruckt, gesellen sich mit dieser Ausgabe die drei neuen Format-Charts, die auf einen Beschluss des Charts- und Marketing-Ausschusses des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft zurückgehen. Die wesentliche Neuerung liegt neben der Segmentierung darin, dass im Gegensatz zur Airplay-Top 50 ein Titel, sobald er in die offiziellen Singles-Verkaufscharts einsteigt, keine Berücksichtigung mehr in den jeweiligen Format-Charts findet.
Diese beiden strukturellen Änderungen basieren auf einem Vorschlag der Promotion-Arbeitsgemeinschaft des Bundesverbandes, die an den Charts- und Marketing-Ausschuss berichtet. In ihren vierteljährlichen Treffen berät die AG unter anderem über die Gewichtung der Sender, aus deren Playliste die Airplay-Charts zusammengestellt werden.
Der Amerikaner Jeff van Gelder, Head Of Radio/TV/Video-Promotion bei Virgin, gehört zu denjenigen, die an der Gestaltung der neuen Airplay-Charts federführend mitwirkten: „Als Amerikaner bin ich mit der dortigen Radioszene sehr gut vertraut. Die einzelnen Radio Formate wie Modern Rock, Soul oder New Age und die dazugehörigen Charts sind in den Staaten sehr weit entwickelt. Auch bei den Singles-Charts handelt es sich eigentlich um eine Rundfunk-Hitliste. Dadurch kann man sehr gut erkennen, wie sich neue Titel und Künstler am Markt platzieren“, erläutert van Gelder im Gespräch mit MUSIKWoche. „Zwar kann man die deutsche Szene nicht mit der amerikanischen vergleichen, aber mir war klar, dass eine Segmentierung der Airplay-Charts und das Streichen der Charts-Titel aus diesen neuen Listen allen zum Vorteil gereichen würde – dem Radio und den Plattenfirmen.“
Ein weiteres Argument für die Einführung der neuen Charts besteht für van Gelder darin, dass sich die Musikprogramme der öffentlich-rechtlichen und der privaten Sender immer mehr angenähert haben und somit die „Airplay Top 20 nach Musikrichtungen“, die der zunächst angekündigten Vielfalt der privaten Stationen Rechnung tragen sollte, sich „überholt“ habe.
Einen gravierenden Nachteil der alten Charts sah die Promotion-AG in der langsamen Geschwindigkeit, in der sie sich veränderte. „Alte Titel verstopfen über Wochen hinweg die traditionelle Airplay-Liste. Da arbeiteten die Promotion-Abteilungen hart an einem neuen Titel, aber am Ende reichte es nur für Platz 83, weil die Platzhirsche oben nicht zu verdrängen waren“, erklärt van Gelder.
Am Beispiel des Songs „Supergirl“ von Reamonn und der „Jugend“-Charts verdeutlicht der Virgin-Mann, welchen Zweck die neuen Airplay-Hitlisten erfüllen. „Das Lied war in den Genre-Charts zwei Monate lang Top 10 und stieg erst dann in die regulären Airplay-Charts ein, wo es schließlich die Spitze erreichte. An den neuen Charts erkennt man, welche Titel im Kommen sind und dann nach sechs oder neun Wochen in die regulären Charts gehen.“
Diese „Barometer“-Funktion weist van Gelder allen drei Listen zu, die die Entwicklung von neuen Titeln besser dokumentieren. Er legt aber Wert darauf, dass das Hauptziel bei den neuen Format-Listen darin besteht, allen Seiten zu helfen: „Die Promotion-Abteilungen kann aus den Positionen in den Format-Charts Argumente fürs Marketing beziehen. Und die Radiomacher können an der Platzierung in ihrem Segment sehen, dass ein Titel, den sie bisher nicht spielen, bei ihrer Zielgruppe offenbar dennoch sehr beliebt ist. Unsere Resonanzen von den Sendern sind bisher sehr positiv.“
Dies bestätigt auch Dirk Hartmann, Leiter der Airplay-Abteilung von Music Control, einer Schwesterfirma der Agentur Media Control., die neben den neuen Hitlisten europaweit Radio-Charts erstellt. „Um die Format-Charts noch bekannter zu machen, haben wir gerade eine Marketing-Kampagne hinter uns. Zur Zeit durchlaufen die drei Listen eine Aufbauphase, denn in der Öffentlichkeit sind sie noch so etabliert, wie wir uns das wünschen“, fügt er hinzu.
Auch bei Epic werden die die neuen Format-Charts monentan vorrangig zur internen Kommunikation genutzt, wie Eberhard Pacak, Group Manager Radio, erklärt: „Intern kann eine hohe Platzierung bei der,Jugend‘-Liste Argumente für Promotion und Marketing liefern, diesen Titel doch stärker zu unterstützen. Denn das neue Medium eignet sich besonders für Nischen-Themen wie Dance und Alternative, wo sie sehr schnell Bewegungen anzeigen. Die Format-Charts können die alte Airplay-Liste jedoch nicht ersetzen.“
Merret Levermann, Leiterin der Funk-Promotion bei WEA, sieht das anders: „Mit den Formatcharts haben wir ein wichtiges und zeitgemäßes Instrument zur Hand, das allen Beteiligten einen breiteren Überblick über die Radiosituation und das Potenzial neuer Themen verschafft. Trends im eigenen Segment lassen sich so rechtzeitig erkennen und berücksichtigen. Die Radiosender reagieren durchweg sehr positiv auf diese Erweiterung. Die Stationen haben die Formatcharts aufmerksam aufgenommen und ziehen sie vielfach zur Orientierung heran.“ Sie ist optimistisch, dass sich die neuen Charts rasch verbreiten werden: „Alle werden die Vorteile, die sich hier bieten, nutzen. Diese Charts sind, zumal wenn sie jetzt veröffentlicht werden, aus den Musikredaktionen und Promotion-Abteilungen bald nicht mehr wegzudenken.“
Einen Zusammenhang mit der Umstrukturierung der Singles-Charts von Media Control sehen die meisten jedoch nicht. Das Streichen des Radio-Einflusses auf die Ränge 51 bis 100 findet Unterstützung. So fragt sich Van Gelder, warum damals überhaupt Radio und Verkäufe vermengt wurden: „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“
Und SPV-Chef Manfred Schütz teilt die Meinung des Verbandes bei der Umstellung: „Radio ist für mich ein rotes Tuch. Wir als Plattenfirma bekommen Vergütungen für den Radio-Einsatz der Titel, die unter den Stromkosten der Sender liegen. Dabei ist die wirtschaftliche Situation der Stationen ausgezeichnet. Die nutzen unser Repertoire und leisten nichts für die Entwicklung neuer Künstler. Die meisten Sender in Niedersachsen sind reine Abspielstationen, die stolz darauf sind, aus 250 Titeln ihr Programm zusammenzustoppeln. Abgesehen davon erzeugt es bei mir Aggressionsschübe, wenn ich jahrelang, Mike And The Mechanics, Tina Turner oder Phil Collins im Radio höre. Das ist grausam. Das schreit nach einer Änderung. Vereinzelt gibt es bei den Sendern aber Ansätze, die Situation zu verändern.“
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Hier finden Sie alle Radiostationen, die an der Ermittlung der neuen Format-Charts beteiligt sind.








