Naxos-Chef Chris Voll zur 2000. Eigenproduktion seiner Firma

Zum Ende des vergangenen Jahres stellte Naxos seine 2000. Eigenproduktion in die deutschen Fachgeschäfte: Ein Aufnahme dreier Cellokonzerte von Joseph Haydn mit der Solistin Maria Kliegel. MUSIKWoche sprach mit Christof Voll, Geschäftsführer Naxos Deutschland, über die Positionierung des Unternehmens und dessen Entwicklung.

MUSIKWoche: Wie funktioniert die Zusammenarbeit der beiden Naxos-Firmensitze in Münster und Unterhaching?

Chris Voll: Das war für uns bei der Gründung von Naxos Deutschland eine optimale Chance: Wir konnten uns in das bereits bestehende zentrale Verteillager in Unterhaching einklinken. Naxos Deutschland ist eine eigenständige GmbH, die aber im logistischen Bereich eng mit dem Unternehmen MVD – Music And Video Distribution zusammenarbeitet. Da wir auf das Naxos-Zentrallager zugreifen können, sind wir auch in der Hochsaison lieferfähig. Wolfgang Ruso ist mein Kollege als Geschäftsführer von Naxos Deutschland, und wir teilen uns die Aufgabenbereiche. In Münster betreuen wir Vertrieb, Marketing sowie Promotion, und Ruso kümmert sich um Logistik, Auslieferung und um die Finanzen. Diese Trennung zwischen den beiden Bereichen funktioniert hervorragend. Wir konnten auch in der größten Hektik der vorweihnachtlichen Auslieferung noch entspannt daran denken, was wir im Januar veröffentlichen wollen.

MW: Was ist das Besondere an der 2000. Naxos-CD?

Voll: Es ist schon eine Schlagzeile wert, dass eine Firma, die erst relativ kurz im Klassik-Markt ist, es schafft, im Laufe von knapp 14 Jahren 2000 Klassik-CDs zu produzieren. Vor allem, weil es sich bei dem Label Naxos um eine echte Neugründung ohne Backkatalog handelte. Diese Zahl enthält also keine Wiederveröffentlichungen sondern nur Neuproduktionen. Wir wollten als 2000. CD eine nationale Produktion mit deutschen Künstlern haben und präsentieren mit Maria Kliegel eines unserer größten Aushängeschilder. Sie hatte schon eine ganze Weile den Wunsch, die Cellokonzerte von Haydn einzuspielen. Dann ergab sich die Möglichkeit, diese Aufnahme mit dem Kölner Kammerorchester unter der Leitung von Helmut Müller-Brühl einzuspielen, und das ganze als Koproduktion mit dem DeutschlandRadio. Inzwischen haben wir etliche Künstler, die zu den Topstars zählen. Zum Beispiel ist Bernd Glemser als zweiter deutscher Pianist nach Walter Gieseking zum Philadelphia Symphony Orchestra – dem Uraufführungsorchester von Rachmaninovs zweitem Klavierkonzert – eingeladen worden. Das zeigt, welches Renommee der Mann hat, der gleichzeitig Deutschlands jüngster Klavier-Professor war.

MW: Bei der Veröffentlichung von Glemsers Rachmaninov-Klavierkonzerten als Doppel-CD durchbrachen sie bei der Gestaltung ihre Corporate-Identity: Ein Künstlerfoto vor himmelblauem Hintergrund. Kommt das künftig häufiger vor?

Voll: Das ist ein wiederkehrender Diskussionspunkt. Im Grunde bleiben wir bei dem bisherigen Naxos-Layout. In diesem Fall wollten wir aber etwas ausprobieren. Naxos ist kein ausgesprochenes Künstlerlabel: Bei uns steht das Werk im Vordergrund und damit der Komponist. Der Interpret ist erst dahinter eingeordnet. Wir sehen aber auch, dass alle Majors genau umgekehrt vorgehen. Die bauen Stars auf, und alles was drumherum geschieht, ist auf den Künstler zugeschnitten. Wir haben inzwischen Künstler wie zum Beispiel Kliegel, Glemser oder Müller-Brühl. Die Konsumenten, die sich für klassische Musik interessieren und Konzerte besuchen, kennen sie. Und da haben wir gesagt, es sollte eigentlich unser gutes Recht sein, in Deutschland für diese Interpreten etwas zu tun.

MW: Ist es nicht ein altes Naxos-Problem, dass im etablierten Klassik-Markt eher CDs mit den großen Namen gekauft werden, als Titel junger Künstler oder weniger bekannter Orchester?

Voll: Das sehen Sie richtig. Im Handel gab es früher zahlreiche Aufnahmen für rund 35 Mark. Und dann kommt plötzlich ein Label wie Naxos und macht es für zehn Mark. Da liegt für den Kunden die Vermutung nahe, dass nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann. Der Vorwurf, dass wir an der Qualität sparen, ist aber bei unseren Produkten spätestens nach dem Hereinhören zurückgenommen. Aber die zweite Vermutung, dass wir mit Künstlern arbeiten, deren finanzielle Ansprüche moderater sind, ist völlig richtig. Ein Naxos-Künstler wird sicher nicht mit Supergagen entlohnt. Aber für viele, die bereits ein gutes Standing haben, eine Professur, Privatschüler und Tourneen, ist es wichtig, ihre musikalischen Wünsche bei uns verwirklichen zu können. Und junge Künstler finden bei einer Veröffentlichung auf Naxos eine Plattform, die ihre Aufnahmen in weltweit über 60 Ländern verfügbar macht. Ein Teil des Geheimnisses von Naxos ist das weltweite Vertriebsnetz und die dadurch von Anfang an hohen Stückzahlen. Das ist in dieser Form mit keinem Anbieter zu vergleichen.

MW: Verfügt Naxos in diesen über 60 Ländern über jeweils eine nationale Gesellschaft?

Voll: Das ist verschieden. Es gehören auch nicht alle Vertriebe zur Muttergesellschaft. Das war in Deutschland zunächst genauso. Das Unternehmen Fono hatte mit Naxos einen Vertriebsvertrag. Mit der Gründung von Naxos Deutschland haben wir 1997 eine stärkere Verbindung zur Muttergesellschaft geschaffen. Das ist aber nicht zwingend; zwingend ist vielmehr, dass die jeweiligen Vertriebsfirmen in ihren Ländern zu den Top-Klassikvertrieben zählen. Diesen Status hat Naxos inzwischen: Naxos kann sich die Partner aussuchen.

MW: Ist Naxos das meistverkaufte Klassik-CD-Label ?

Voll: Bei den Majors knallen heute die Korken, wenn bei einer Produktion aus dem normalen Klassik-Programm weltweit 5000 CDs verkauft werden – außer natürlich bei Stars wie zum Beispiel Nigel Kennedy. Sie können aber davon ausgehen, dass bei uns kaum ein Produkt unter 10.000 Exemplaren bleibt. Es ist hochinteressant, dass das auch für nicht so bekanntes Repertoire gilt. Der Kunde ist bei unserem Preis viel aufgeschlossener, etwas auszuprobieren, so dass teilweise die ausgefallensten Aufnahmen weltweit auf 30.000 bis 50.000 Stück kommen. Die Naxos-Top-Seller enthalten aber auch die MOR-Klassik.

MW: Wie kommt es, dass der Naxos-Preis in Deutschland bei einem Verkaufspreis von zehn Mark liegt und in Großbritannien bei fünf Pfund, also umgerechnet fast 50 Prozent höher?

Voll: Von diesem Preis träumen wir. Bei den Stückzahlen, die wir verkaufen, würde uns schon eine Mark, die wir beim Handels-Abgabe-Preis mehr erzielen, sehr gut tun. Wir haben das häufig diskutiert und es wurde uns auch von anderen Naxos-Vertrieben in Europa gesagt, dass sie sich an unserem Preis stören. Wir sind in Europa innerhalb der Naxos-Familie der günstigste Anbieter. Das ist für meine Begriffe auch nicht zu ändern. Ich habe viele Gespräche mit Händlern und Großabnehmern geführt, und es scheint mir, das eine Preiserhöhung für uns ein Schlag ins Wasser sein und das Ende unseres Höhenflugs bedeuten würde. Es hat sich in den letzten Jahren auch auf der Angebotsseite einiges geändert: Es gibt inzwischen im Bereich von zehn Mark mehrere Mitbewerber für uns.

MW: Muss Naxos sich nun nach anderen Geschäftsfeldern umsehen?

Voll: Im vergangenen Jahr gab es drei Bereiche, in denen wir uns stark engagierten. Neben dem Vertriebsvertrag für die Klassik-Produkte aus dem Hause edel sind das die Themen Lizenzgeschäft und DVD: Das Lizenzgeschäft mit Musik für Filme oder Werbung gewinnt zunehmend an Bedeutung. Und da bis auf wenige Ausnahmen alle Lizenzen unseres Programms bei Naxos liegen, sind wir in diesem Bereich sehr schnell: Anfragen können wir innerhalb kürzester Zeit entscheiden. Und im Falle der DVD ist die Kooperation mit dem Kinowelt-Musiklabel Arthaus eines der besten Dinge, die uns passieren konnte. Mit Arthaus vertreiben wir einen der ersten Anbieter mit einem hochkarätigen Opern-Programm auf DVD. Das hat für uns absolut Sinn gemacht.

MW: Dann erzielte Naxos auch im vergangenen Jahr wieder ein gutes Ergebnis?

Voll: Unser Ergebnis war sehr gut. Im Label-Kerngeschäft verzeichneten wir im Jahr 2000 ein Plus im oberen einstelligen Bereich. Und im Jahr 2001 können wir wieder zweistellig wachsen, da haben die letzten Monate bereits einen eindeutigen Trend gesetzt. Wenn es so weiter geht, bin ich sehr zufrieden. Auch der Vertrieb entwickelt sich ausgesprochen gut, vor allem aufgrund der genannten Zusammenarbeit mit edel und Arthaus, aber auch im Hinblick auf Firmen wie MDG mit ihrem vielfach preisgekrönten audiophilen Niveau oder hänssler Classics, deren Ausgabe der Bach-Werke im Bach-Jahr 2000 sicher die populärere der beiden Gesamteditionen am Markt war.