Moses Pelham und Thomas Hofmann im Gespräch

3p zählt zu den erfolgreichsten Labels in Deutschland. MUSIKWoche sprach anläßlich der Veröffentlichung der beiden Compilation-Alben „Evolution – Rödelheim 2000 – 2001“ und „Revolution – 1990 – 1999“ in Frankfurt mit den Label-Gründern Thomas Hofmann und Moses Pelham.

MUSIKWoche: Die Musikindustrie befindet sich in einer entscheidenden Umbruchsphase. Wie lange wird es 3p als Label, das physische Tonträger veröffentlicht, noch geben?

Moses Pelham: Solange es dafür noch eine Industrie gibt. Da sind wir wie alle anderen den Zeichen der Zeit unterworfen. Unser Job ist es, egal auf welchem Wege, Musik von Künstlern für die wir arbeiten anderen Menschen zugänglich zu machen. Idealerweise in einer Form, in der die Leute dann auch dafür bezahlen.

MW: Ihr denkt aber doch mit Sicherheit auch über alternative Vertriebswege nach. Moses Pelhams bis dahin unveröffentlichter Longplayer „The Bastard Lookin‘ 4 The Light“ konnten die Fans im Frühjahr 2000 ausschließlich über eure Internet-Website beziehen.

Pelham: Das war weniger ein wirtschaftlicher Aspekt. Dieses Album ist heute, zehn Jahre nach seiner Entstehung, einfach nur noch einem begrenzten Kreis von Menschen wichtig. Über unsere 3p-Website erreichen wir die Fans, die an dem Album Interesse haben, auf direktem Weg. Es ist grundsätzlich noch einmal etwas ganz anderes, zu glauben, über das Internet aktuelle Tonträger an die Allgemeinheit verkaufen zu können.

Thomas Hofmann: Das Internet ist ein weiterer Kanal den wir aufgemacht haben. Es bietet die Möglichkeit der Interaktion und des direkten Kontakts mit unserer Basis. Und dafür nutzen wir es in erster Linie auch. Unser Job wird es immer sein Musik auszuwerten, damit unsere Künstler von den daraus erzielten Einnahmen leben können. Egal über welchen Vertriebsweg.

MW: Im Info zu euerem neuen Compilation-Album „Evolution – Rödelheim 2000 – 2001“ kündigt ihr an: „bewusster als in der Vergangeheit wird das Label 3p zukünftig in den Hintergrund treten“. Was bedeutet das konkret?

Pelham: Es gibt nur wenige Labels in Deutschland die in der Öffentlichkeit so präsent sind wie wir. Früher war den meisten bereits beim betrachten des Covers klar, das sie eine Platte von 3p in ihren Händen hielten. Das war zu einer Zeit, als unsere Produktionen alle einen Sound hatten, weil es einfach nur zwei Produzenten gab die die ganzen Platten in Szene setzten. Das war eine spannende Sache, für eine ganz bestimmte, relativ genau definierte Art von Musik. Heute arbeiten wir als Unternehmen für verschiedenste Künstler, die die verschiedensten Arten von Musik machen. Das es da aus unserer Sichtweise dann schon langsam albern wird, alles unter eben diesem Logo abzufahren und es immer weiter in Vordergrund zu stellen, ist sicher für jeden nachzuvollziehen. Natürlich wollen wir aber weiterhin als Unternehmen für Qualität bürgen, für eine gewisse Ernsthaftigkeit gegenüber der Kunst. Das ist eine klassische 3p-Platte, wird man aber in Zukunft eigentlich nicht mehr sagen können. Das konnte man bei Xavier Naidoo, dem Rödelheim Hartreim Projekt, Moses Pelham und Sabrina Setlur früher durchaus noch behaupten. 3p ist heute eine Firma, die versucht eine Plattform für Künstler zu bieten und das geht weit über meine persönliche Kunst hinaus.

Hofmann: 3p war in der Vergangenheit durch Moses und mich sehr stark ideologisch geprägt. Es war eine sehr enge Familienbande. Wir waren am Anfang nur sehr wenige Leute die eng befreundet waren und gemeinsam Musik gemacht haben. Heute ist es so, dass wir auch Talente fördern mit deren Musik wir nicht hundertprozentig konform gehen, aber deren Ernsthaftigkeit und Professionalität wir zu schätzen wissen. Wir können als Mittler auftreten und die Leute zuzammenbringen und das ist ein entscheidender Punkt. Außerdem wollen wir beide nicht, dass die Entwicklung unserer Künstler vom Image von 3p überlagert wird. 3p wird so stark mit einer gewissen Geisteshaltung gleichgesetzt, dass es nicht in unserem Interesse sein kann, neue Künstler mit eigenen Gedanken, eigenen Gefühlen, einfach unter einen zu großen Deckmantel von 3p zu setzen.

MW: 3p hat sich in den letzten Jahren vom übersichtlichen Familienbetrieb zu einer beachtlichen Firma entwickelt. Die stilistische Erweiterung zeigt sich gerade auf dem „Evolutiuon“-Album ganz deutlich: Hier stellt ihr eine ganze Reihe neuer, bisher unbekannter Künstler vor.

Hofmann: Auf „Evolution“ zeigt sich diese zuvor bereits skizierte Wandlung von 3p tatzächlich ganz deutlich. 3p ist keine kleine Bande mehr. Es steht heute mehr für Qualität im Allgemeinen und nicht mehr für eine bestimmte Art von Musik aber nach wie vor für ebenso anspruchsvolle wie interessante Kunst.

MW: 3p zählt zu einem der erfolgreichsten und bekanntesten Labels in Deutschland. Was ist euer Erfolgsgeheimnis?

Pelham: Wäre mir ein Erfolgsgeheimnis bekannt, dann würde ich es mit Sicherheit für mich behalten. Wir arbeiten hier alle mit einer Energie, die mit Geld allein nicht zu erreichen ist. Bei uns ist schon sehr viel Herzblut und persönlicher Einsatz von jedem einzelnen Mitarbeiter dabei.

MW: Seit ihr beide stolz auf das, was ihr in den letzten zehn Jahren erreicht und aufgebaut habt, trotz aller Widerstände und Anfeindungen?

Pelham: Viele Dinge sind aus einer gewissen Notwendigkeit heraus gemacht worden. Ich wollte eigentlich nie Musikproduzent werden. Da es aber niemanden gab, der Musik so produziert hat wie ich es wollte, habe ich selbst damit angefangen. Und da es auch niemand gab, der im Managementbereich so arbeitete, wie wir uns das vorstellten, sind wir dem Zwang folgend selbst zu Managern geworden. Ich denke wir können bei aller Bescheidenheit glücklich schätzen, es bis hierher geschafft zu haben, obwohl das ja auch unmöglich alles gewesen sein kann.

MW: Früher, als Rödelheim Hartreim Projekt, hattet ihr einen Vertrag mit der MCA, heute einen Vertriebsdeal mit Epic/Sony Music. Wird es durch die Bekanntheit von 3p vielleicht bald nicht mehr nötig sein, eine Major-Firma als Distributionspartner mit an Bord zu haben? Liegt die Zukunft in der digitalen Distribution von Musik?

Pelham: Im Moment denken wir über solche Dinge noch nicht nach. Wenn es an der Zeit ist, wird sich Thomas sicher seine Gedanken darüber machen. Er ist solchen Sachen gegenüber immer sehr viel aufgeschlossener als ich. Wir müssen erst einmal sicherstellen, dass überhaupt irgendjemand für die digitale Distribution von Musik Geld bezahlt und dann können wir weitersehen.

Hofmann: Wir haben uns auf unserem Weg immer Partner gesucht die uns unterstützt haben. Wenn wir der Meinung sind, dass wir in der Lage sind, manche Dinge besser zu machen – sei es bei der Distribution oder Vermarktung – dann werden wir uns auf die neue Lage einstellen. Im Augenblick sind wir sehr zufrieden mit dem Vertrieb von Sony Music.

MW: Wie lange wird Xavier Naidoo, der ja sein eigenes Label Söhne Mannheims aufbaut, noch ein Künstler von 3p sein?

Pelham: Prinzipiell ist das natürlich keine leichte Situation aber ich denke das wir noch eine Weile zusammenarbeiten werden. Wir sind ja zusammen groß geworden, deshalb ist es wohl für beide Seiten sinnvoll, an dem, was wir aufgebaut haben festzuhalten. Grundsätzlich kann man natürlich niemanden zu einer Partnerschaft zwingen. Xavier Naidoo-Platten werden allerdings auch in Zukunft ausschließlich auf 3p erscheinen.

MW: 3p als Label blickt auf eine steile Karriere zurück. Habt ihr manchmal ein wenig Angst, das es mit dem Erfolg nicht immer so weitergehen wird?

Hofmann: 3p hat die Musikindustrie in Deutschland in gewisser Art und Weise mit Sicherheit revolutioniert. Dieser Prozeß ist jetzt abgeschlossen. Jetzt liegt es an uns, eine weitere Revolution zu inszinieren. Und das die nicht bei Xavier Naidoo anfangen wird, sondern an der Basis, dürfte jedem klar sein. Man darf nur nicht erwarten, das sich neue Künstler wie z.B. Azad, den ich persönlich für einen der talentiertesten HipHop-Künstler in Deutschland halte, von Heute auf Morgen etablieren werden. Das braucht seine Zeit. Ich möchte ganz bewußt den Druck von den neuen Künstlern nehmen, so erfolgreich zu sein, wie die bereits seit langem etablierten. Wir haben uns dazu entschieden 3p in eine ganz bestimmte Richtung weiterzuentwickeln. Sonst hätten wir auch in der Art eines normalen Major-Labels weitermachen können, das sich einfach noch drei weitere Künstler sucht, die wie Xavier Naidoo oder Sabrina Setlur klingen. Das wäre genau das Denken einer großen Firma: Genau das zu machen, was bereits einmal gut funktioniert hat. Wir versuchen da ganz bewußt neue und eigene Wege zu gehen.

Pelham: Es ist unserer Meinung nach nicht nur eine unternehmerisch richtige und wichtige Entscheidung. Es ist vor allem eine persönliche Entscheidung. Will ich meine Zeit damit verbringen Xavier Naidoo zu klonen, oder ist es für mich nicht wichtiger, neuen Künstlern, deren Visionen mich fesseln, beim Aufbau ihrer Karriere zu helfen? Die Antwort liegt auf der Hand.

MW: Wie definiert ihr euren Erfolg? Im Presseheft zu „Evolution“ sprecht ihr davon „wenn der Künstler es schafft, seine Arbeit,nur‘ 30.000 Menschen zugänglich zu machen, dann ist es eine große Sache für den Künslter, für 3p und für so manchen, der von der Kunst erreicht wurde.“

Hofman: Das alte Album von Moses hat auch die Stückzahl von 100.000 bei weitem nicht erreicht und wir sind trotzdem sehr glücklich über die Entwicklung gewesen. Wir werden sicherlich nicht versuchen jetzt unbedingt jeden Act auf eine Million verkaufte Exemplare zu bringen. Dazu haben wir nicht die Kraft und es wäre auch lächerlich zu glauben, das Moses und ich die Trends der nächsten zehn Jahre in Deutschland prägen werden. Wir sind zwar echt fesche Typen und Trendsetter und all das, aber ob wir in zehn Jahren noch im Club abhängen ist doch sehr unwahrscheinlich.

Pelham: Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, andem wir uns fragen, was machen wir jetzt. Und da ist „Evolution“ in gewisser Weise ein Ausblick auf das, was wir uns für die Zukunft vorstellen. Möglicherweise hören wir sogar heute auf der Heimfahrt ein Demo, bei dem wir sagen,das lohnt sich‘. Es gehört zur Haltung unseres Unternehmens dafür offen zu bleiben ohne allerdings krampfhaft nach neuen Trends suchen zu wollen. Sollte es jemanden geben, der bereits bei einer Demo-Produktion sagen kann, dass wird hundertprozentig ein Hit, dann soll er sich doch bitte bei uns melden, dann kriegt er einen Scheck und dann wird alles gut.

Hofmann: Abgesehen davon, dass „Evolution“ eine Werkschau der Zukunft von 3p ist, steht das Album definitv für eine Änderung der Ideologie.

Pelham: Wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht mehr ein Label sind, das sich nur darauf konzentriert Moses Pelham Produktionen auszuwerten. 3p steht heute für die verschiedensten Leute und für die verschiedensten Arten von Musik.

Hofmann: Der Idealfall ist, dass 3p in Zukunft auch ohne Moses Pelham/Martin Haas Produktionen überleben kann. Das wäre der Idealfall für mich.

Pelham: Es kann nicht sein, dass das Unternehmen nur von einer Person abhängig ist oder nur von meinen Produktionen gespeist wird.

Hofmann: Es soll auch nicht das Gefühl aufkommen, dass jeder Künstler von Moses Pelham den Ritterschlag bekommen hat und auch noch geklont worden ist. Ich möchte schon, dass die neuen Leute eine eigene Persönlichkeit und ein eigenes Standing bekommen und nicht 3p der einzige Grund ist, warum sie wahrgenommen werden. Das wäre kein gutes Fundament. Trotzdem bürgt 3p für diese Künstler

MW: Gibt es noch einen Künstler, wie z.B. auf „Evolution“ Udo Lindenberg, mit dem du in deiner Karriere noch unbedingt zusammenarbeiten möchtest Moses?

Pelham: Ich bin ständig auf der Suche nach Erfolgserlebnissen oder Glücksgefühlen im Studio. Wer immer mit Martin und mir auf einer freundschaftlichen Basis zu diesen Flashs beitragen kann, mit dem will ich arbeiten. Ein Künstler fällt mir aber doch noch ein, mit dem ich sehr gerne einmal aufnehmen würde: Ronald Isley, von den Isley Brothers.

MW: Du hast für die Compilation zusammen mit deinem Vater den B. B. King-Klassiker „The Thrill Is Gone“ eingespielt. Ist da für dich ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen?

Pelham: Wir haben bei diesem Song bewußt nicht versucht einen neuen Sound zu kreieren. Es hat einen persönlichen Hintergrund, dass wir gerade dieses Lied ausgewählt haben. Es war für mich eine unvergessliche Erfahrung mit meinem Vater im Studio zu arbeiten und ihm meine Arbeit ein wenig näher zu bringen. Er hat ja bereits vor 35 Jahren Platten für Columbia aufgenommen.

MW: Wird denn noch einmal eine Platte vom Rödelheim Hartreim Projekt erscheinen?

Hofmann: Da muß erst einmal sehr viel schief gehen, dass wir beide noch einmal Lust dazu bekommen. Das spannende am Rödelheim Hartreim Projekt war, dass wir alleine waren und gegen den Rest gekämpft haben. Im Moment wäre es keine Herausforderung mehr gemeinsam rauszugehen und es den Leuten noch einmal zu zeigen.