Konzertveranstalter-Szene im Umbruch

Rasant wachsende Entertainment-Großkonzerne wie CTS Eventim oder die Deutsche Entertainment AG beherrschen die deutsche Konzertveranstalter- Landschaft und erweitern ihre Geschäftsfelder kontinuierlich. Jetzt wird auch Mama Concerts & Rau als heißer Übernahmekandidat gehandelt. MUSIKWoche gibt eine Bestandsaufnahme der Strukturen und Strategien der Konzerne und fragte nach, was der Konsument künftig erwarten darf.

In Rekordzeit avancierte die CTS Eventim AG zum Hauptakteur auf dem Parkett der Veranstalter. Im Februar ging das Unternehmen, Deutschlands führender Vermarkter von Eintrittskarten für Konzert-, Theater- und Sport-Veranstaltungen an die Börse. Mit dem dadurch angehäuften Kapital kaufte der Konzern groß ein mit dem Ziel, auch unter den Konzertveranstaltern die Nummer eins zu werden. Zum 1. Juli übernahm CTS Eventim die Mehrheit der Konzertagenturen Marek Lieberberg und Peter Rieger Konzertagentur. Im gleichen Monat gab der Konzern die mehrheitlichen Akquisition an den Firmen Scorpio Konzertproduktionen und Semmel Concerts bekannt. Der Vorstandsvorsitzende Klaus-Peter Schulenberg sieht mit diesen Coups die angestrebte Marktführerschaft im Veranstaltungsbereich erreicht. Künftig wolle man „nicht nur die größte Unternehmung in dieser Branche sein, sondern auch die beste“. Zudem verfolge CTS Eventim das Ziel, „einen europaweit, vielleicht sogar weltweit tätigen Entertainment-Konzern aufzubauen“.

Aus der Verquickung von Konzertplanung und – organisation, Ticketverkauf über Vorverkaufsstellen, Hotlines und Internet, Werbung und Merchandising in einer Hand erhofft sich CTS Eventim vielfältige Synergieeffekte. „Wir bilden eine perfekte Wertschöpfungskette – die Komplettlösung aus einer Hand. Dem Zuschauer garantieren wir besten Service: Ticketbestellung über das Internet, Informationen zum Künstler oder zum Konzert via SMS auf das Handy, Fanartikel direkt am Point of Sale bis zur Konzertkritik im Chat-Room“. Diesen Service solle der Kunde aber nicht teurer bezahlen. Schulenberg sieht „eine Schmerzgrenze erreicht. Ich kann nicht versprechen, dass die Preise sinken. Aber zumindest tragen wir dazu bei, dass es zu einer Stabilisierung kommt.“ Weitere Übernahmen sind geplant: CTS Eventim spreche weiter „mit Unternehmen in Deutschland und im europäischen Ausland über Beteiligungen und Allianzen“. Dabei gebe es interessante Firmen „auch in Nischenbereichen“.

Zweiter dominanter Branchenkonzern ist die Deutsche Entertainment AG (DEAG), die bereits seit 1998 am Neuen Markt notiert ist. Ihr Anspruch liegt laut dem Vorstandsvorsitzenden Peter Schwenkow darin, „der führende Live- Entertainment-Dienstleister in Europa zu sein beziehungsweise zu werden“. Zum DEAG- Imperium zählen Tourneeveranstalter wie CoCo Entertainment, örtliche Veranstalter wie Concert Concept, durch den Kauf der Stella AG übernommene Musical-Produktionen wie „Cats“ oder „Das Phantom der Oper“, Variété-Betriebe wie der „Wintergarten“ in Berlin und Veranstaltungsorte wie die Berliner Waldbühne. Im Tourneegeschäft sieht Schwenkow die DEAG als „gleichauf mit einem oder zwei Wettbewerbern in führender Position“.

Wachsende Bedeutung hat auch bei der DEAG der Geschäftsbereich „Media & Commerce“ mit Dienstleistungen rund um die Kerngeschäfte. So soll die Ticketvermarktung künftig über ein Joint Venture mit dem Axel Springer Verlag und der Lufthansa-Tochter Start Amadeus laufen. Geplant ist der Aufbau eines „elektronischen Marktplatzes für Event und Freizeit“ mit umfassenden Angeboten für Reisen zu Konzerten und Events mit Ticketbuchung und Übernachtungsmöglichkeiten etc. Die kartellrechtliche Genehmigung vorausgesetzt, plant auch dieses Joint-Venture-Unternehmen den Gang zur Börse. Ehrgeizige Pläne verfolgt die DEAG auch mit dem Internet-Portal ShowNet im Joint Venture mit der Film- und TV-Produktionsfirma Me, Myself & Eye (MME). Zu den Inhalten soll ein täglich aktualisierter Informationsdienst mit Entertainment-News, Tour- Kalender und Künstler-Biographien gehören. Hinzu kommen E-Commerce-Angebote für Tickets, Merchandising-Artikel, CDs und Download-Dateien sowie Chat-Kanäle, Fan-Foren und eine Ticket-Tauschbörse. Dazu soll es exklusive Live-Übertragungen von Konzerten mit Begleitanbeboten wie Sonder-Vorverkäufen oder Auktionen von Künstler-Memorabilien geben. Hiermit tritt die DEAG auch im Internet in Konkurrenz zu CTS Eventim, deren Website www.eventim.de ebenfalls den Anspruch hat, zum „führenden Portal für kultur- und sportorientierte Freizeitgestaltung“ zu werden. Wie die Konkurrenz von CTS hebt Peter Schwenkow als wesentlichen Vorteil der DEAG-Strukturen die Nutzung von Synergien zwischen den Geschäftsfeldern hervor.

Wie man den Kundenservice verbessern kann, mache die Schweizer Firma Good News Productions – jüngster Spross der DEAG unter den Veranstaltern – vor. Good News bringt beispielsweise ein eigenes Printmagazin im Abonnement heraus, das Hinweise auf Tourneen und Gewinnspiele und Verlosungsaktionen für Top-Eintrittskarten enthält. Die Preise hält Schwenkow indes für nicht überteuert: „Im Konzertgeschäft sind vielmehr Entwicklungen nachgeholt worden, die in anderen Entertainment -Bereichen längst üblich sind.“ Für das laufende Geschäftsjahr erwartet die DEAG einen Umsatz von 500 Millionen Mark und ein operatives Ergebnis von 29 Millionen Mark. Zu Meldungen des „Spiegel“, der Konzern habe 108 Millionen Mark Schulden, erklärte Schwenkow, dies seien weitgehend „kurzfristige Verbindlichkeiten, die innerhalb von Wochen oder Monaten wieder eingespielt werden.“ Die DEAG stehe „permanent in Verhandlungen“ über weiter Firmenübernahmen. Dies betrifft alle Geschäftsfelder, nicht nur das der Konzertveranstalter“. Ein Interesse an Mama Concerts & Rau dementierte Schwenkow jedoch. Die Münchner „Abendzeitung“ zitierte kürzlich Mama-Sprecher Michael van Almsick mit der Aussage: „Es haben alle angeklopft. Wir verkaufen am meisten Tickets und sind sozusagen die letzte ungeheiratete Braut“. Einen Kommentar mochte Mama Concerts auf Anfrage von MUSIKWoche dazu nicht abgeben. Klaus-Peter Schulenberg meint zu einem etwaigen Interesse an dem als Global Player besonders interessanten Unternehmen vielsagend: „Wir nehmen in der Öffentlichkeit nicht Stellung über Gespräche mit potenziellen Partnern. Tatsache ist, dass wir offen sind für Verhandlungen mit allen Unternehmen, die attraktive Künstler vermarkten und ein profitables Geschäft betreiben“.

Eine weitere wichtige Branchengröße ist die epm media AG, die ebenfalls den Bösengang plant. Zu epm gehört neben den Konzertagenturen Bönisch Concerts, Target Concerts und Mezzanine Entertainment die Online-Ticket-Plattform www.ticketworld.de. Vorstandsvorsitzender Hans- Peter Riegel sieht die Fusionswelle gelassen: „Wir reden zwar mit allen, hantieren aber nicht mit absurden Beträgen. Diesem Spiel entziehen wir uns. Sich Umsatz dazuzukaufen ist nur eine Sache, der Kapitalmarkt schaut mittlerweile genau auf die Zahlen.“ Mit Konzerten lasse sich derzeit wegen der hohen Garantiesummen nicht viel einnehmen: „Mit allen Konzerten von Künstlern aus Übersee ist kein Geld zu verdienen“. Außerdem seien die durchschnittlichen Eintrittspreise zu hoch, „zumal unsere Konzerthallen in der Regel keine Orte der Erquickung sind“. Langfristig erwartet er, dass sich der Markt dreiteilt: „Dann gibt es nur noch die DEAG, CTS und die kleine liebenswerte epm group als Außenseiter“. Interesse, die Nummer Eins am Markt zu werden, habe Riegel nicht, epm wolle aber „zu den Besten“ gehören. Veranstalter Berthold Seliger sieht in der aktuellen Entwicklung die Gefahr, dass die Wachstumsstrategien der Großen auf Kosten künstlerisch wertvoller Produktionen gehen und die Versteigerung klangvoller Namen zu noch höheren Preisen führt. Er setzt damit weiter auf Unabhängigkeit frei nach Neil Young: „Ain’t bookin‘ for Pepsi, ain’t bookin‘ for Coke“. Und wie sieht IDKV-Präsident Jens Michow die Situation aus Verbandssicht? Dazu mehr in Bälde.