Der deutsche Compilationmarkt leidet deutlich an Umsatzschwund. Die Statistik des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) weist für das Jahr 2017 nur noch einen Gesamtumsatz von 72 Millionen Euro für den Bereich der TV-beworbenen Compilations in Deutschland aus. Das entspricht einem Rückgang von 25,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schon 2016 hatte das Compilationsegment mit 14,2 Prozent ein prozentual zweistelliges Minus zu verkraften. Nach fünf Jahren stetigen Rückgangs lag 2017 der Umsatz nur noch etwas über der Hälfte des Wertes von 2012, als man noch 136 Millionen Euro Umsatz erzielte.
MusikWoche fragte die führenden Anbieter im Markt, wie die Entwicklung im zu Ende gehenden Jahr 2018 weiter verlief, und wie dieser Abschwung zu erklären ist. Sultan Alkan, Senior Director Polystar/Licensing & Clearances Marketing Labs bei Universal Music, erläutert: „Uns liegen bisher nur die Vergleichszahlen per Ende Oktober vor. Wir sind von der Marktentwicklung auch nicht verschont geblieben, haben aber im Vergleich zum Gesamtmarkt dennoch weniger verloren. Das liegt unter anderem an der Release-Verteilung der Joint-Venture- Themen.“ Die Gründe für den Marktrückgang sind laut Altan „ganz klar auf den digitalen Wandel zurückzuführen“. Das Konsumverhalten habe sich verändert; „der Großteil unserer jungen Kernzielgruppe ist fast nur noch im Streaming unterwegs“, konstatiert Alkan.
„Da wir an allen wichtigen Marken und großen Joint-Venture-Themen beteiligt und aufgrund unseres Marktanteils ein wichtiger Player im Compilationssegment sind, ist entsprechend der Umsatzrückgang auch bei uns spürbar“, räumt Thorsten Tutzeck ein, Senior Director Media Concepts bei der Commercial Division von Sony Music Germany. „Gerade 2018 hat zum ersten Mal das digitale Segment – getrieben durch Streaming – den physischen Markt umsatzanteilig überholt. Da im Compilation-Bereich immer noch über 80 Prozent des Umsatzes mit physischem Produkt gemacht wird, ist hier sicher ein Grund für die Entwicklung zu finden“, so Tutzeck weiter. Aber auch die Singlescharts sind für ihn ein „nicht unwesentlicher Aspekt. Sie sind stärker durch Streaming-Themen getrieben und andererseits beziehungswiese dadurch bedingt noch einmal ein Stück langsamer im Wandel geworden.“
Marcus Friedheim, Managing Director Consumer & Commercial Central Europe bei Warner Music, berichtet: „Aktuell liegt Warner Music im Compilationbereich leicht über der Entwicklung des Gesamtmarktes, allerdings gehen wir für das Jahr 2018 von einer ähnlichen rückläufigen Compilationmarktentwicklung wie in 2017 aus. Maßgeblicher Grund hierfür ist das stark veränderte Musikkonsumverhalten in Richtung Streaming.“ Ken Otremba, Geschäftsführender Gesellschafter Telamo, betont, dass die 25,2 Prozent Minus für 2017 auf den Gesamtmarkt bezogen waren. „Im Schlagerbereich fällt dieser Rückgang deutlich geringer aus und ist sehr themenabhängig – so konnten wir mit einigen Serien stabile bis steigende Absätze verzeichnen.“ Gerade im Niedrigpreissegment funktionieren Compilationkonzepte laut Otrema „nach wie vor sehr, sehr gut“. Im TV-Bereich konzentriere sich der Markt aber auf „einige wenige starke Marken“.
Jens Thele, Managing Director und Head of A&R von Kontor Records, beklagte bereits im Umfeld des Amsterdam Dance Events „vor allem bei unseren Kopplungen“ im physischen Geschäft einen „rasanten Abstieg“. Ursache dafür sei „ganz klar Streaming mit der Möglichkeit, auf tausende kuratierte Playlisten zuzugreifen und natürlich sich eigene zu erstellen“.
Warum spielt Streaming im Compilationmarkt selbst aber bislang als Umsatzfaktor so gut wie gar keine Rolle? Auch für 2017 weist der BVMI keinen Umsatz im Streaming-Bereich für die fernsehbeworbenen Kopplungen aus. „Anders als bei den physischen und digitalen Compilations“ gebe es „einfach zur Zeit noch kein klassisches Businessmodell “ für Compilations zum Streamen, wie Thorsten Tutzeck betont. Auch Sultan Alkan von Universal Music bestätigt, dass für die Kopplungen „kein vergleichbares“ Geschäftsmodell wie sonst bei einem physischen Produkt oder Downloadalbum existiere. „Daher kann man das nicht einfach übertragen. Releases mit ausschließlich Eigenrepertoire sind nur bedingt möglich, und davon gibt es demnach nur sehr wenige. Diese tauchen wiederum nicht in der BVMI-Statistik auf, was einfach an der Erhebung der Zahlen liegt.“ Der BVMI ordne die einzelnen Streams „jeweils dem Teilmarkt der originären Titel aus dem Album zu“.
Warner-Music-Manager Marcus Friedheim erklärt hierzu: „Die traditionellen Compilations haben sich im Bereich Streaming zu kuratierten Playlisten entwickelt.“ Je nach Wunsch finde der Musikfan große Hit- und Genre-Playlisten, aber auch „sehr individuelle je nach Stimmung bezogene Mooding-Playlisten. In den letzten Jahren wurden im Streaming zum Teil neue Marken entwickelt, aber auch traditionelle Marken aus dem Bereich Compilations überführt.“ Warner Music setze dabei stark auf die Marke „Topsify“, die „seit vielen Jahren sehr nachhaltig und erfolgreich aufgebaut“ werde. Jens Thele nennt „rechtliche Probleme bei non-exklusiver Lizenzierung von Titeln anderer Labels“ und das dadurch fehlende Streaminggeschäftsmodell als Krux für die Compilationanbieter. Es sei schlicht „zurzeit unmöglich, eine „Kontor – Top Of The Clubs“ im Streaming anzubieten“.
Auch Telamo-Chef Ken Otremba verweist auf die Systematik des Streaminggeschäfts. „Es gibt schlicht keine Compilations im Streamingmarkt. Playlisten bestehen aus einzelnen Tracks, die umsatztechnisch den jeweiligen Labels zugeordnet werden: Insofern kann jeder eine Playlist erstellen, jeden Track von jedem Label dort integrieren, und die Streams kommen dann der Originalquelle des Tracks zugute.“
Welche Compilation-Marken und -Formate noch am besten funktionieren, mit welchen Strategien die Anbieter den Umsatzschwund stoppen wollen, und warum die „klassische Compilation“ doch noch zeitgemäß ist, verraten die befragten Branchenprofis in MusikWoche, Heft 50/2018, im dazugehörigen Livepaper oder hier.






