“Natürlich ist auf Grund der Aktivitäten von Telefongesellschaften und Nutzern wie Philips oder Vivendi eine Tendenz zum Erwerb geistigen Eigentums zu beobachten, die in direktem Gegensatz zum französischen Recht steht“, sagt Tournier. „Dennoch glaube ich, dass die Inhaber von Urheberrechten heute in der Regel deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich gegen die Untergrabung ihrer Position durch Großkonzerne zu wehren.“ Die digitale Revolution habe unter den Urheberrechtsinhabern – Tonträgerproduzenten, Filmindustrie, Musikverlage, Urheberrechtsgesellschaften und Künstler – für mehr Einigkeit gesorgt. „Schließlich sitzen wir alle im selben Boot und wollen unsere Rechte verteidigen. Ich gehe nicht davon aus, dass die kontinentaleuropäischen Urheberrechtsgesellschaften Feinde haben. Wir weisen die Inhaber von Urheberrechten stets darauf hin, dass sie nicht zum Beitritt zu unseren Gesellschaften verpflichtet sind – Mitglieder werden sollten sie nur, wenn sie glauben, dass ihre Interessen so am besten gewahrt werden. Das ist ein positiver Ansatz, und ich denke, dass die Urheberrechtsinhaber die wertvolle Arbeit zu schätzen wissen, die wir bei der verbesserten Identifizierung von Werken und bei der Implementierung des gemeinsamen Informationssystems des Dachverbandes CISAC leisten.“ Was die Kontrolle der Internet-Piraterie betrifft, zeigt sich Tournier hingegen weniger optimistisch: „Auf diesem Gebiet sind dringend politisches Handeln und wirksame Gesetze geboten, denn zweifellos sind hier Kräfte am Werk, die den Urheberrechtsinhabern im Internet deutlich weniger Schutz einräumen wollen als bei Tonträgern, Rundfunk- und Fernsehsendungen, Filmen und so weiter. Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Einige Politiker versuchen ganz offensichtlich, die Position der Inhaber von Urheberrechten durch Gesetzesänderungen zu schwächen. Auch Brüssel könnte Gesetze erlassen, die die nationalen Regelungen außer Kraft setzen und unsere Arbeit ernsthaft gefährden.“ Den Schutz der Kulturschaffenden hält Tournier deshalb für Europas wichtigste Herausforderung der Zukunft: „Europäische Künstler werden bei Musikaufnahmen benachteiligt, denn die Musikindustrie befindet sich größtenteils in den Händen der fünf wichtigsten Tonträgerfirmen, die den überwiegenden Teil ihres Repertoire aus anglo-amerikanischen Quellen beziehen. Natürlich lassen sich Angebot und Nachfrage des einheimischen Repertoires durch die Einführung von Quoten für Rundfunk und Fernsehen beleben, wie es ja in Frankreich bereits der Fall ist. Meines Erachtens sollten wir die lokale Kultur aber auch noch anderweitig fördern – etwa indem wir einheimische Autoren von der Steuerpflicht befreien, wie es Irland tut.“ Das Problem bestehe, so Tournier, jedoch auch darin, „dass niemand in Brüssel für den Erhalt der Kulturindustrie in der EU verantwortlich zeichnet. Auch für urheberrechtliche Angelegenheiten ist keiner so richtig zustŠndig, denn das Ressort G15 arbeitet nicht unmittelbar, sondern über den Binnenmarkt.“ Obwohl die Vereinigten Staaten auf dem GESAC-Seminar am 26. Oktober 1999 in Paris wegen ihres angeblichen „Kulturimperialismus“ scharf angegriffen wurden, betont Tournier, dass Amerika seine kulturelle Dominanz auf dem Gebiet der Unterhaltung umfangreichen Investitionen, wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit, gutem Management und außergewöhnlichem Talent zu verdanken hat. „Die USA sind sich ihrer kulturellen Vormachtstellung bewusst und mšchten sie sich natürlich erhalten. Die Amerikaner wissen schon seit den 30-er Jahren, dass sich mit ihrer Kultur eine Menge Geld verdienen lässt; seitdem fördern sie die Kulturindustrie mit allen Mitteln und exportieren ihre Erzeugnisse in alle Welt.“ Dennoch hält Tournier das anglo-amerikanische Copyright-System im Vergleich zum europäischen Urheberrecht für unterlegen. Amerikanischen Inhabern von Urheberrechten werde die Nutzung ihrer Werke in Kontinentaleuropa weitaus besser vergütet als ihren kontinentaleuropäischen Kollegen in den USA oder in Großbritannien. Auf die Frage nach der Art der Lizenzgebühren für digital vertriebene Werke meint Tournier, dass die Gebühren genauso hoch liegen sollten wie bei Tonträgern. Er fügt jedoch hinzu: „Ich gehe allerdings davon aus, dass sich ein niedrigerer Preis etablieren wird; schließlich kann man für ein heruntergeladenes Werk schwerlich denselben Preis verlangen wie für eines, das in einem Tonträgergeschäft auf CD erworben wird.“ Dennoch meint Tournier: „Ich rechne nicht damit, dass Downloads von Musikaufnahmen in absehbarer Zukunft einen bedeutenden Marktanteil erringen werden.“
Jean-Loup Tournier über die Zukunft des Urheberrechts
Das kontinentaleuropäische Prinzip der Urheberrechte ist zwar nach wie vor bedroht. Doch im Gespräch mit MUSIKWoche zeigt sich der scheidende Präsident der französischen Urheberrechtsgesellschaft SACEM, Jean-Loup Tournier, über die Zukunft der kollektiven Verwaltung und des Urheberrechts ungebrochen optimistisch.





