Im September 1926 gründeten Vertreter von 18 Autorenvereinigungen in Paris die CISAC als internationale Organisation, die den größtmöglichen Schutz für die Urheber von Kunstwerken durchsetzen sollte. Die Versammelten erkannten bereits damals, dass mit der rasanten Entwicklung neuer Technologien zur Verbreitung von Musik die Rechteinhaber solange vergeblich auf eine angemessene Vergütung hoffen würden, bis sie eine durchsetzungsfähige Vereinigung gebildet hätten, die mit einer Stimme spricht. Nach 74 Jahren sind inzwischen 196 Autorenvereinigungen aus 100 Ländern Mitglied in der CISAC. Damit repräsentiert CISAC über eine Million Rechteinhaber. Die Organisation verfügt zwar über feste Prinzipien, aber nur über eine geringe Effektivität.
Tournier erklärt sich das so: „Von Anfang an galt bei CISAC die Regel, dass nur ein Autor oder ein Komponist Präsident oder Vizepräsident werden kann. So war es Brauch, dass Präsident und Vizepräsident nur Repräsentationsaufgaben übernahmen. Sie leiteten Treffen, hatten mit der tagtäglichen Arbeit der CISAC aber wenig zu tun. Theoretisch hat der Vorsitzende des Exekutivbüros die Aufgabe, mit dem General-sekretär in alltäglichen Organisationsabläufen zusammenzuarbeiten. Aber in Wirklichkeit ist der Vorsitzende mit den Aufgaben in seiner nationalen Vereinigung so sehr beschäftigt, dass er einfach nicht mehr die Zeit für CISAC hat.“
Somit war eine Änderung dieser Situation ein überfälliger Schritt. Auf einem Treffen in Amsterdam im April letzten Jahres beschloss das Executive Bureau die eherne Regel, dass nur Autoren oder Komponisten Präsidenten und Vizepräsidenten werden können, aufzugeben. Der nächste Präsident sollte jemand sein, der über große Erfahrung auf dem Gebiet der Rechteverwaltung verfügt und genügend Zeit für den Posten mitbringt. Er solle im Namen der CISAC sprechen, Lobbykampagnen durchführen und aus der Vereinigung eine einflussreiche Kraft machen.
Im September 2000 billigte auf dem CISAC-Kongress in Santiago de Chile eine große Mehrheit diese Veränderungen. Jean-Loup Tournier wurde für zwei Jahre zum Präsidenten bestimmt.
CISAC soll dynamischer werden
Seine Amtszeit begann am 1.Februar mit einer Option auf weitere zwei Jahre. In seiner Antrittsrede sagte Tournier: „Ich sehe mich selbst als den politischen Kopf der CISAC ohne die direkte Verantwortlichkeit für Verwaltung, Finanzstruktur oder Projekte wie das Common Information System. Das alles fällt in den Aufgabenbereich von Generalsekretär Eric Baptiste, der sich darum sehr gut kümmert. Meine Aufgabe ist, so wie ich es sehe, das Profil von CISAC dahingehend zu verbessern, dass wir international aktiver und dynamischer werden.“
Eine von Tourniers größten Sorgen gilt der starken Diskrepanz zwischen den Einkommen der Nutzer und der Schöpfer geistigen Eigentums: „Wir benötigen ganz einfach viel mehr Geld für unsere Mitglieder. Wenn man bedenkt, dass der ganze Jahresverdienst von CISACs 196 Mitgliedergesellschaften fünf Milliarden Dollar beträgt, während dagegen allein bei der Plattenindustrie 40 Milliarden Dollar verdient werden, wird deutlich, wie groß der Unterschied ist. Dann gibt es ja auch noch Rundfunk, Fernsehen und Kino, wo ebenfalls viel Geld gemacht wird. Es muss enorm viel PR-Arbeit geleistet werden, um Öffentlichkeit und Politiker darauf aufmerksam zu machen, dass die Künstler Anrecht auf einen viel größeren Teil des Geldes, das mit dem Gebrauch ihres geistigen Eigentums gewonnen wird, haben. Außerdem will ich die Kontakte mit der Weltgesellschaft für geistiges Eigentum, der Welthandelsorganisation, der Europäischen Kommission sowie mit anderen einflussreichen Gruppen intensivieren.“
Eine weitere Priorität seiner Arbeit sieht Tournier in der Hilfe für Autorenvereinigungen in Ländern, wo es an regierungsamtlicher Kooperation mangelt: „Wir haben derzeit eine Situation, in der mehr als 60 Prozent der weltweiten Copyrightverdienste in Westeuropa, um die 17 Prozent in Nordamerika und 15 Prozent in Japan, erwirtschaftet werden. Der Rest der Welt trägt nur etwa acht Prozent bei. Da gibt es viel zu tun. Wenn alle Mitgliedsvereinigungen von CISAC in der Lage wären, mit der gleichen Hingabe und Effizienz wie SACEM oder GEMA zu arbeiten, würde sich die Situation international komplett ändern. Unser jährliches Gesamteinkommen würde zehnmal höher sein als derzeit. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass viele Länder, die die Berne Convention unterzeichnet haben, daran scheitern, geeignete Schritte zu unternehmen, damit das Gesetz auch eingehalten wird. Es ist ein falscher Eindruck, dass so viele Länder nicht fähig seien ihre Kultur weiter zu entwickeln. Wenn es mehr Förderung für lokale Künstler geben würde, wären sie in der Lage ihre Produktionen besser zu vertreiben, nicht nur in ihrem eigenen Land. Das würde zu einer größeren Kulturvielfalt führen – und die brauchen wir, weil die Nachfrage nach kulturellen Gütern heutzutage enorm ist. Wir müssen lokale Kultur unterstützen und gegen die anglo-amerikanische Vormachtstellung, die die kulturelle Vielfalt gefährdet, ankämpfen. In vielen Ländern existiert überhaupt keine Film- oder Verlagsindustrie. Wenn Sie dagegen heute nach Frankreich schauen, sehen Sie eine große ethnische und stilistische Vielfalt in der Musikkultur.“
Tournier wird dem CISAC Executive Bureau am 16.März in Amsterdam seine Pläne vorstellen.






