Interview mit Wingolf Mielke

Seit 1994 steht er mit Wolf-D. Gramatke an der Spitze eines der größten deutschen Musikunternehmen. Wingolf Mielke bewegt sich zwar weniger im Rampenlicht als die restliche Universal-Crew, hat aber dennoch eine Menge zu sagen. Das bewies er im Gespräch mit MUSIKWoche.

MUSIKWoche: Boris Löhe erinnerte in seiner Mercury-Präsentation im Rahmen der diesjährigen Vertriebstagung an einen Ausspruch von Ihnen vom letzten Jahr. Da sollen sie Mercury Records als „kalt wie ein Fisch“ eingestuft haben. Provozieren Sie mitunter gern? Wingolf Mielke: In der englischsprachigen Branche ist der Ausdruck „a company is cold as a fish“ sehr gebräuchlich. Ich habe das wörtlich ins Deutsche übersetzt und gesagt, Mercury sei kalt wie ein Fisch. Das provozierte sofort eine heftige Kontroverse, die Mercury-Mitarbeiter waren offensichtlich von dieser Aussage nicht sehr angetan. Am folgenden Morgen ging Tim Renner während seiner Rede darauf ein, um Mercury sofort zu verteidigen. Er belehrte mich, daß ein kalter Fisch noch leben würde, ein heißer Fisch dagegen längst tot sei. Ich habe also gleich mehrfach eine Retourkutsche auf diese Worte erhalten, was ich eigentlich ganz witzig finde.

MW: Wie beschreiben Sie heute den Status Quo bei Universal? Mielke: Die Umstruktierungen sind komplett abgeschlossen. Das heißt, unsere Organisation steht, die Mitarbeiter sind alle in ihren Jobs, und die Teams sind selektiert. Im Tagesgeschäft hingegen gibt es bei konkreten Abstimmungsprozessen natürlich immer noch vereinzelte Probleme. Wir müssen noch einiges verfeinern und für den täglichen Ablauf runder machen.

MW: Welche Probleme sind das? Mielke: In meiner Rede auf der Vertriebstagung habe ich in diesem Zusammenhang auf die Informationstechnik hingewiesen. Wir haben in diesem Unternehmen ganz neue Einheiten mit ebenso neuen Bedürfnissen, und da müssen wir im Computerbereich bestimmte Systeme umstellen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, aber hier und da hakt es manchmal noch.

MW: Die Umstrukturierung der Firma lief auch auf Hochdruck, vor allem in zeitlicher Hinsicht. Wie glatt ging das alles? Mielke: Die einzelnen Repertoire-Gesellschaften stehen bereits seit dem 1. April, die Vertriebsmannschaft und alle anderen Bereiche haben wir zum 1. Juli strukturiert. Dadurch ergab sich im Repertoire-Bereich ein gewisser Vorsprung, wir bekamen aber auch den Rest gut in den Griff. Man muß sich das vorstellen: Wir haben erst Mitte Januar verkündet, daß wir alles bis Ende Juni durchziehen. Das ist eine enorme Leistung und für deutsche Verhältnisse sehr flott. Alle wirkten optimal mit, auch der Betriebsrat hat im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr pragmatisch geholfen. Dafür gilt allen mein Dank.

MW: Wie stark fühlen Sie sich mit Ihrem Unternehmen von der Krise der Musikwirtschaft betroffen? Mielke: Da wird in der letzten Zeit oft auf Themen wie CD-Brennerei, Downloading und anderes hingewiesen, was in einem gewissen Rahmen durchaus problematisch für uns ist. Andererseits hat die Musikindustrie auch selbst schuld mit ihrer übertriebenen Bündelung des Produktes in die Saison hinein. Da liegt ein starkes Produkt über Monate hinweg nicht ausreichend vor, weil die Schwerpunkte alle für die Saison aufgespart wurden. Und das führt dann dazu, daß der Konsument in deutlichen Stoßzeiten in die Schallplattenläden getrieben wird, danach jedoch eher unterversorgt dasteht. Die Veröffentlichungspolitik sämtlicher Tonträgerfirmen gehört aus diesem Grund auf den Prüfstand, denn so tragen wir insgesamt selbst zur Krise bei.

MW: Die Musikbranche ist wie keine zweite Industrie von Trends und Moden abhängig. Ist die Diskussion über dieses Thema in letzter Zeit zu kurz gekommen? Mielke: Sicher, der Boom der CD-Einführung ist längst vorüber, er hat auch viele Probleme überlagert. Jetzt erinnern wir uns natürlich wieder an die Probleme, die wir in den 70er und 80er Jahren bereits sehr gut kannten. Da war allen klar, daß große und neue Trends auch zu neuen Nachfrageschüben führen. Mit großen künstlerischen Leistungen und interessanten Trends bei konsequenter Vermarktung durch die Musikindustrie dürften wir deshalb mittelfristig wieder eine Wachstumsperiode erleben.

MW: Sie haben keine Angst vorm wilden Internet? Mielke: Wenn die Rechtefrage einmal geklärt ist, erreichen wir dort ein ganz hervorragendes Vermarktungspotential. Darüber hinaus kauft laut Statistik jeder zweite Bundesbürger keinen Tonträger, und das ist kein Problem, sondern eine Chance. Die Firmen, die es schaffen, diese brachliegende Kundschaft zu aktivieren, werden ein dickes Geschäft machen – auch und gerade durch das Internet.

MW: Welche speziellen Anforderungen neben der vielfach diskutierten Rechtefrage muß das Internet erfüllen? Mielke: Es muß einfacher handhabbar, also benutzerfreundlicher werden. Und dann erleben wir, daß Leute aller Altersschichten etwa am Samstagabend oder auch irgendwann nachts durch unsere Kataloge browsen und sich vor allem auch abseits der einengenden Ladenöffnungszeiten ungehemmt ihre Produkte kaufen. Gerade diese ständig geöffneten virtuellen Läden werden erst zukünftig ihren wahren und unwiderstehlichen Reiz entfalten. Das Internet haben doch noch gar nicht alle für sich entdeckt, sowohl auf Anbieter- als auch auf Kundenseite.

MW: Wird das den Tonträgerhandel nicht schwer in Bedrängnis bringen? Mielke: Daran glaube ich überhaupt nicht. Der Handel erhält keine neue, aber eine zusätzliche Rolle, die ihm eine Zukunftsperspektive bietet.

MW: Fehlen im Handel echte Musentempel, wo die Musik nicht nur oberflächlich im Vordergrund steht, sondern sich Fans treffen und keiner ausgegrenzt wird? Mielke: Derartige Läden mit individuellem Ambiente habe ich in anderen Ländern durchaus gesehen, allerdings waren sie auch dort nie sehr verbreitet. Doch der Fairness halber muß man sagen, daß zu solchen kundenfreundlicheren Atmosphären auch andere Ladenöffnungszeiten gehören, und da bleibt in Deutschland immer noch einiges zu tun, was übrigens auch der Tonträgerbranche nutzen würde.

MW: Wie haben Sie die Vertriebstagung in Hamburg empfunden? Mielke: Ich bin positiv beeindruckt, konnte aber aus Termingründen nicht an allen Präsentationen teilnehmen. Die Mercury-Acts gefielen mir sehr gut, auch die Universal-Records-Präsentation. Man erkennt die hohe Motivation der Mitarbeiter, wir sind auf einem guten Weg.

MW: Was hat der Merger konkret gebracht? Mielke: Die Vorteile dieser Szenarien sind ganz klar: Sie werden von einem neuen Shareholder übernommen, der Sie beauftragt, die Integration durchzuführen. Dabei kann man alte Zöpfe abschneiden, was man in einem bestehenden Konzern nicht ohne weiteres kann. Man kann Ebenen neu gestalten und vieles effizienter machen. Und das ist uns in diesem Fall auch gelungen. Davon verspreche ich mir gerade im lokalen Bereich eine wesentlich stärkere Präsenz.

MW: Böse Zungen sagen, da könnte vielleicht nochmals eine Repertoire-Ecke geschlossen werden. Ist das eine Option? Mielke: Das sehe ich nicht so. Als wir die Metronome GmbH schlossen, gab es triftige Gründe. Bereits in jenen Tagen sagte ich zu Wolf-D. Gramatke, daß ich gern wieder vier Labels haben würde, was für Deutschland als Markt und für uns als Marktführer einfach adäquat sei. Unsere vier Repertoire-Divisionen – Motor Music, Polydor, Mercury sowie Universal Classics, Jazz & Family Entertainment – haben alle eine ganz unterschiedliche Persönlichkeit, die auch durch die Geschäftsführer Petra Husemann-Renner, Boris Löhe, Jörg Hellwig und Oliver Schulten geprägt wird.

MW: Einer, der vor der Fusion von PolyGram und Universal noch Geschäftsführer einer Repertoire-Division war, ist jetzt oberster Musikchef bei Universal. Für viele Beobachter ist Tim Renner als Typ auf dieser Management-Ebene in der Musikbranche einmalig. Wie beurteilen Sie ihn als Persönlichkeit? Mielke: Renner ist einer dieser jungen Leute, die eine Menge Ideen haben, vieles durchsetzen wollen und dabei unkonventionell denken. Mit dem Recht des Jüngeren ist er auch absolut davon überzeugt, daß jeder dieser Gedanken absolut richtig ist.

MW: Muß man da nicht ein Gegengewicht schaffen, das Tim Renners Arbeit ergänzt? Mielke: Deshalb sitzen in einem Unternehmen auch ein paar ältere Leute auf dieser Ebene, die einige dieser Gedanken mit den jungen Leuten nochmals durchsprechen. Für mich ist Tim Renner, wenn er in den nächsten Jahren erfolgreich operiert, einer der jungen Record Executives, die in der Musikindustrie auf Dauer eine absolute Top-Position erreichen können.

MW: Was muß er noch tun, damit er weiter erfolgreich ist? Mielke: Tim Renner darf die einzelnen Labels bei Universal nicht zu straff führen und muß die einzelnen Geschäftsführer wirken lassen. Darüber hinaus muß er die Rolle eines Koordinators souverän ausfüllen. Ich freue mich sehr, daß er diesen Job bekommen hat und bin ziemlich sicher, daß er diese Aufgabe auch meistern wird.