MUSIKWoche: SPV meldete vor kurzem ein Plus im ersten Halbjahr von knapp 20 Prozent. Was sind die Gründe für diese erfolgreiche Entwicklung?
Manfred Schütz: Im letzten Jahr hatten wir einige Umsatzeinbrüche, da beispielsweise eine Veröffentlichung, die in der Größenordnung von 170.000 Einheiten verkauft, fehlte. In einer Größenordnung, in der sich SPV bewegt, macht sich so etwas schon bemerkbar. Auch der Umsatzrückgang einiger Fremdlabels machte uns 1999 zu schaffen. Dies konnten wir in diesem Jahr mit einer Erhöhung des Anteils an Eigenrepertoire ausgleichen. Wir betreiben zur Zeit eine sehr gesunde Politik und konzentrieren uns auf unser Kerngeschäft. Wir haben eine klare Definition der Richtung, in die wir gehen wollen. SPV hat in den achtziger Jahren Heavy Metal in Deutschland etabliert, durch unsere Hände gingen fast alle wichtigen Acts. Nichts desto trotz haben wir auch in anderen Musikbereichen Experimente gestartet. Leider ist die gesamte Dancesparte an uns vorbeigegangen, obwohl wir solche Themen auch vertrieblich umsetzen können. Zum Beispiel bei Dance Street.
MW: Liegt es auch daran, dass Künstler, die vor ein paar Jahren noch wie selbstverständlich zu einer Major-Plattenfirma gingen, jetzt bewußt auf SPV zugehen und dort unterschreiben?
Schütz: Selbstverständlich. Das ist ein entscheidender Punkt. Die Majors sind eingebunden in die globale Strategie ihres Mutterkonzerns. Deswegen sind sie nicht mehr in der Lage, die Veröffentlichungen eines Künstlers in den wichtigsten Ländern zu garantieren. Wenn ein Musiker bei einem deutschen oder englischen Major unterschreibt, heißt das nicht automatisch, dass sein Album in Frankreich oder Schweden veröffentlicht wird. In diesem Punkt sind wir Independents ganz klar im Vorteil. Vielen unserer Künstler, die heute nicht mehr soviele Platten verkaufen wie noch vor 20 Jahren, ist es sehr wichtig, dass sie durch internationale Veröffentlichungen wieder auf respektable Verkaufszahlen kommen. Doro ist dafür ein gutes Beispiel. Sie war der einzige deutsche weibliche Rockact, der auch auf dem internationalem Markt Platz hatte. Meines Wissens nach erschien aber ihr letztes Album, das ein Major veröffentlichte, nur in Deutschland. Und es gibt noch einen zweiten Grund für unseren Erfolg: In den neunziger Jahren mußte ich mir permanent erzählen lassen, dass Metal und Classic Rock demnächst ganz tot sind. Jetzt haben wir das Glück, ein Album mit Jimmy Page veröffentlichen zu dürfen – und die Absatzzahlen belegen, dass der Markt für solche Themen nach wie vor vorhanden ist und lebt.
MW: Wie konnten Sie Jimmy Page überzeugen, das Album „Live At The Greek“ nicht bei einem Major, sondern bei SPV zu veröffentlichen?
Schütz: Ganz einfach. Sein Manager ist auch für die SPV-Band Judas Priest zuständig. Die Band war von unserer Arbeit für das letzte Album begeistert. So bekamen wir das Angebot, Pages Album zu veröffentlichen. Andere Plattenfirmen profilieren sich mit neuen Signings, wir setzen dagegen auf gute Produkte. Ich will zwar nicht behaupten, dass ausnahmslos alle SPV-Produkte kulturhistorisch wertvoll sind, aber in meiner privaten CD-Sammlung steht ein großer Anteil von SPV-Veröffentlichungen. Darauf bin ich stolz. Ich habe kein Problem mit dem Classic-Rock-Image. Veröffentlichungen wie die „Brazilectro“-Compilation zeigen, dass wir auch in andere Richtungen schauen. Ebenso werden wir demnächst, mit zehn bis fünfzehn Jahren Verspätung, im Bereich des deutschen Hiphops mit einer großartigen Produktion an den Start gehen. Wir sind ideologisch nicht auf einen Bereich fixiert. Andererseits macht es für eine Firma in unserer Größe keinen Sinn, zu einem Gemischtwarenladen zu werden. Wichtig ist, dass wir über einen Vertrieb verfügen, der in Deutschland zu den Besten gehört.
MW: Würde es für SPV Sinn machen, sich einen Partner zu suchen, um noch größere Themen finanzieren und umsetzen zu können?
Schütz: Absolut. Bei Lizenzthemen aus Amerika ist oftmals die Höhe des Vorschusses, die man zahlen kann, entscheidend. Ich habe nie ein Geheimnis draus gemacht, dass wir in Verhandlungen stehen, um einen Partner für unser Haus zu finden. Wichtig ist für mich, dass SPV mit seinen wesentlichen Bestandteilen erhalten bleibt. Ich suche keinen Partner, der SPV vom Markt wegrationalisieren will. Ich spreche auch mit Firmen außerhalb der Musikbranche. Diese Entwicklung ist notwendig, der Konzentrationsprozeß in der Branche zwingt uns dazu.
MW: Stichwort Internet. Gibt es auf der Website von SPV in den nächsten Monaten Änderungen oder Erweiterungen?
Schütz: Ich betrachte die Entwicklung des Internets mit Interesse, aber auch mit Skepsis. In zwei Wochen werden wir die Site www.spv.de neu relaunchen. Wir verfügen mittlerweile über eine eigene Abteilung von vier Mitarbeitern, die sich unter anderem darum kümmert. Meiner Meinung nach ist das Internet derzeit ein reines Promotion- und Marketing-Tool. Gerade die Zielgruppe der Sleeper kann man damit optimal erreichen.
MW: Wieviele Jahre dauert es ihrer Meinung nach, bis der physische Tonträger an Bedeutung verliert? Tim Renner äußerte sich in einem Interview dahingehend, dass ihm das Ende dieser Tonträger gar nicht schnell genug kommen könne…
Schütz: Renner ist ein junger Heißsporn. Er gehört einer anderen Generation an. Und die Generation, die einen Tonträger anfassen und sammeln will, ist noch nicht tot. Ich schätze Tim Renners Arbeit aber sehr.
MW: SPV wurde am 1. Januar 1984 gegründet. Wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken – hat sich die Branche zum Positiven oder zum Negativen verändert?
Schütz: Alles hat sich verändert. 1984 war ich 16 Jahre jünger und 16 Jahre unerfahrener. Wir haben durch unsere Fehler gelernt. Eins hat sich nicht verändert: Wir haben Spaß dran. SPV ist meine Welt und mein Leben. Ich möchte nichts anderes machen. Solange ich denken kann habe ich mit Musik zu tun und damit möchte ich auch mein Berufsleben beenden. Die alten Zeiten sind vorbei, jetzt sind die neuen da. In den 16 Jahren habe ich einige Konkurrenten kommen und gehen sehen.
MW: Welche großen Veröffentlichungen sind für 2001 geplant?
Schütz: Da noch einige Verhandlungen laufen, kann ich noch nicht alle Namen nennen. Aber wir haben beispielsweise Jim Capaldi unter Vertrag genommen, einen der besten Songwriter überhaupt.





