MUSIKWoche: Während der Popkomm-Gala hat Anastacia eine Goldauszeichnung für ihr Album erhalten. Ist das die erste in diesem Jahr für Sony Deutschland?
Jochen Leuschner: Nein. Wir haben bereits reichlich Edelmetall verliehen für die Bomfunk MC’s sowie eine Goldsingle für „Take My Heart“ von der Band ohne Namen. Anastacia ist ein großer Gewinn für jede Plattenfirma. Sie steckt voller Energie und Talent. Für unseren Markt hat sie eine sehr gute Zukunftsperspektive.
MW: Ist Anastacia eine Art Auftakt zu einer Herbstoffensive von Sony?
Leuschner: Ja, obwohl in unserer Situation so eine Offensive zu starten nicht schwierig ist. Die Produktsituation wird sich bei uns erheblich verbessern. Im ersten Halbjahr haben wir durch verschiedene Produktverschiebungen doch einige Federn gelassen.
MW: Spielte der Umzug eine Rolle für die ausbleibenden Erfolge?
Leuschner: Nein, das wäre aber eine nette Erklärung. Wir hatten sowohl im lokalen als auch im nationalen Bereich Verschiebungen. Die sind nicht angenehm, die muss man aber durchstehen. Im Herbst gibt es eine Vielzahl interessanter Produkte. Beispielsweise eine Balladen-Compilation von Celine Dion, Alben von Ricky Martin, Jennifer Lopez und Sade kommen zudem. Im Comedybereich gibt es eine „Best Of Badesalz“, außerdem veröffentlichen die Fantastischen Vier ein Unplugged-Album. Im Frühjahr 2001 kündigt sich unter anderem ein neues Album von Michael Jackson an.
MW: Das neue Headquarter in Berlin soll nach Berichten von Augenzeugen sehr beeindruckend sein. Nutzt man so eine Gelegenheit für international vorgegebene Personaleinsparungen?
Leuschner: Wir haben uns auf die Marktsituation eingestellt und streben unser Kampfgewicht an. Das schafft man nicht, wenn man die organisatorischen Strukturen unverändert lässt. Die Mannschaft, die nach Berlin ging, blieb von der aktuellen Umstrukturierung weitestgehend unangetastet. Personal wurde nur im Backoffice-Bereich abgebaut.
MW: Verändert sich das Sony-Organigramm? Ist es denkbar, z.B. Columbia und Epic zusammenzulegen?
Leuschner: Darüber kann ich jetzt nicht spekulieren. Derzeit ist nichts dergleichen geplant.
MW: Wird zur Zeit zu viel über Dinge wie Marketing und Vertrieb gesprochen und zu wenig über das Produkt?
Leuschner: Ja, aber das ist ein Zeichen der Zeit.
MW: Major-Plattenfirmen wie BMG starten in diesen Tagen mit dem Verkauf von digitalen Downloads. Sony hat in Deutschland noch kein entsprechendes Angebot am Start. Fühlen Sie sich unter Druck gesetzt?
Leuschner: Keineswegs. Unter dem Dach von Sony Music werden auf Internetseiten der Company bereits digitale Downloads getestet. Weil die Zahl der verkauften Downloads noch im wirtschaftlich mikroskopischen Bereich liegt, verpassen wir nichts. Wir sprechen im Konzern miteinander und verbessern die Instrumente.
MW: Arbeitet Sony derzeit daran, auch die Rechte für den digitalen Verkauf von Songs zu sichern?
Leuschner: Ja, das machen wir seit vier Jahren. Und zwar weltweit. Es heißt ja immer, dass die Majors schlafen. Aber nur, weil man nach außen nichts sieht, heißt das nicht, dass nichts passiert. Ich kann nicht für meine Kollegen sprechen, aber wir arbeiten eben seit vier Jahren an dem Thema. Jetzt haben wir einen sehr großen Pool an Rechten.
MW: Das heißt, Sie könnten jederzeit mit einem großen Repertoire loslegen?
Leuschner: Ja. Und zwar erst dann, wenn nicht nur die Nachfrage da ist, sondern wenn auch der Verkauf zu unserem restlichen Geschäftsmodell passt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir den größten Teil unseres Geschäftes über den Handel generieren. Das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Das darf man nicht negieren, auch wenn es aus Sicht der Medien unspannend ist. Wenn wir auf den großen Knopf drücken, dann sind wir innerhalb von wenigen Wochen startklar.
MW: Entsteht durch diese Vorgehensweise nicht erneut der Eindruck von langsamen und schwerfälligen Majors, die erst abwarten, anstelle stets „state of the art“ sein zu wollen?
Leuschner: Wir warten nicht. Die Marktgröße, die uns zu einem Einstieg in das digitale Geschäft bewegen wird, ist jedoch noch nicht relevant. Eine wichtige Frage ist auch die Preisgestaltung. Im Netz kann ich mir verschiedene Titel zusammenstellen, im Laden bekomme ich eine Single oder ein Album. Hier wird man die wirtschaftlichen Grundsätze nicht vernachlässigen dürfen. Es macht keinen Sinn, Titel im Internet um 50 Prozent billiger anzubieten als im Laden, nur weil es schick und neu ist. Mit dem bisherigen Erfolgsgeheimnis des Internets, nämlich Dinge billiger oder umsonst zu bekommen, für die man woanders gezahlt hätte, kollidiert das erheblich. Man wird auf absehbare Zeit weiterhin auf uns als Verhinderer einprügeln.
MW: Seit der Jupiter-Studie sind Internet-Musikabonnements in aller Munde. Glauben Sie, dass sich mit Musik im Abo mehr verdienen lässt als durch individuelle Downloads?
Leuschner: Schwer zu sagen. Ich bin da nicht so optimistisch. Das bleibt abzuwarten. Die Art, wie wir das Netz benutzen werden, steht noch nicht fest. Das Faszinierende ist, dass sich Musik als Konserve, als an eine Form gebundener Gegenstand, auflöst. Früher hat man Schallplatten gesammelt. Das Netz verändert dies. Es wird vielleicht Paketlösungen geben. Das könnte heißen, dass das Album, wie wir es gegenwärtig kennen, sich in Zukunft anders präsentiereren wird. Wir stellen uns auch seit einiger Zeit die Frage, ob Fans von einem Künstler wirklich zwölf oder vierzehn Titel haben wollen – und nicht fünf oder sechs und dafür ein Interview oder eine Homestory oder Backgroundinformationen? Ich halte das Album in seiner jetzigen Form für keine Ideallösung. Und das, obwohl es wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung ist.
MW: Heißt das: DVDs statt Alben?
Leuschner: Absolut denkbar. Zum einen wegen der Qualität, zum anderen wegen der Kapazität.
MW: Beleben Online-Händler das Geschäft der Plattenfirmen?
Leuschner: Das Internet und was es mit sich bringt ist das Ideal einer Handelsstruktur, wie ich sie mir vorstelle. Warum? Weil ich mit der Handelsstruktur, wie sie in Deutschland besteht, Überhaupt nicht zufrieden bin. Ich halte diese für nicht konsumentenfreundlich. In Deutschland muss man in ländlichen Gebieten teilweise CDs suchen, wie man Reformhäuser sucht. Das ist nicht zeitgemäß. Sony arbeitet gegenwärtig zusammen mit einigen anderen Firmen an Verbesserungsmöglichkeiten, wissend dass man bestimmte Entwicklungen im Handel nicht verhindern, sondern nur aufhalten kann, in dem man die kleineren Facheinzelhändler unterstützt. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Die Einzelhandelsform mit den größten Zuwächsen ist die der großen Ketten. Das scheint ein Naturgesetz zu sein. Das heißt, dass ein Konsument, der nicht in der Nähe einer Stadt oder eines Hyper-Markts wohnt, nur schwer an CDs kommt. Als Hardcore-Fans kann man aber nur einen geringen Teil der potentiellen Käufer bezeichnen. Was mache ich mit den nur peripher interessierten Käufern? Wenn die nicht zum Produkt kommen, muss es zu ihnen kommen. Bis das Internet die Flächendeckung hat, um diesen Bedarf zu decken, wird es noch dauern.
MW: Wie sehen Ihrer Meinung nach Lösungsansätze aus?
Leuschner: In Frankreich hat man vor zwanzig Jahren begonnen, in Supermärkten CDs zu verkaufen. Die Tatsache, dass an einem Samstag fünfzehn Millionen Menschen in einer TV-Sendung fünf bis sechs Acts sehen und dieses Produkt am Montag nicht in meinem Supermarkt verfügbar ist, halte ich für eine elementare Schwäche unseres Handelssystems. Ich möchte helfen, dies zu ändern. Damit schädige ich auch nicht den Facheinzelhandel, sondern betreibe letztlich Retail-Promotion für unser gesamtes Produktangebot. Lieschen Müller soll auch im Supermarkt ein Sonderdisplay mit ihrem aktuellen Lieblingstars finden.
MW: Heißt das, dass Sie im Moment konkret versuchen, andere Outlets zu erschließen?
Leuschner: Ja
MW: Als Chef von Sony Music Deutschland oder vereint im Rahmen des Bundesverbands?
Leuschner: Nein, das hat mit dem Bundesverband nichts zu tun. Aber wir sind im Gespräch mit einigen Kollegen aus unserer Branche. Ich kann noch nicht Ross und Reiter nennen, da derzeit gerade sehr konkrete Gespräche stattfinden. Es geht nicht darum, die Firmen, die an diesem Projekt arbeiten, in den neuen Outlets zu bevorzugen, sondern um eine Verbesserung der Gesamtdistributions-Situation. In meinem Supermarkt zum Beispiel, den ich wöchentlich besuche, gibt es – ich habe es nachgemessen – in zehn Meter Länge und 1,80 Meter Höhe Printtitel. Alles, was Sie sich vorstellen können.
MW: Da könnten dann auch drei bis vier Meter Tonträger stehen..
Leuschner: Ja, ich würde dort nur Bestseller verkaufen und nicht in epischer Breite in den Katalog einsteigen.
MW: Sind Tankstellen Ihrer Meinung nach geeignete Outlets?
Leuschner: Nein, da bin ich persönlich drauf nicht konditioniert. Ich kaufe in Tankstellen nur in Ausnahmefällen ein. Das mögen Singles anders sehen. Wenn ich allerdings in den Supermarkt gehe, habe ich einen Einkaufszettel dabei und bin aufnahmebereit. In Frankreich werden mittlerweile etwa die Hälfte aller CDs in Super- und Hypermärkten verkauft. Dort habe ich Märkte besucht, die achtzig bis neunzig Abhörstationen für CDs hatten. Im Vergleich dazu leben wir leider noch in sehr traditionellen Verhältnissen.






