MUSIKWoche: In dieser Woche haben Sie bekannt gegeben, dass die AWA MTV erstmals seit ihrem Amtsantritt als Reichweitensieger gegenüber Viva ausweist. Ist das die lang erhoffte Wende oder nur ein Triumph auf Zeit?
Christiane zu Salm: Ich finde, dass ist eine sensationelle Nachricht. Wir haben seit Jahren kontinuierlich gegenüber Viva Boden gewonnen und sind nun erstmals seit sechs Jahren wieder Marktführer. Und das ist in der einzigen Währung dokumentiert, die Musikfernsehen in Deutschland hinsichtlich des Zuschauerverhaltens zutreffend erfasst.
MW: Bei der AWA hat sich aber auch die Tatsache niedergeschlagen, dass MTV dank der der Aufschaltung auf Astra einen Reichweitenvorteil gegenüber Viva geniesst. Diesen Nachteil wird Ihr Mitbewerber mit den Erlösen aus seinem Börsengang vermutlich demnächst ausgleichen.
zu Salm: Das könnte sein, wir können dem aber sehr gelassen entgegen sehen. Astra würde für Viva nur etwa 30 Prozent Reichweite mehr als bisher bedeuten. Das kompensieren wir locker. Und bei MTV denkt niemand daran, sich auf der Marktführerschaft auszuruhen.
MW: Wie sieht diese programmliche Kompensation konkret aus?
zu Salm: Wir wollen über die bekannten Formen von Musikfernsehen hinausgehen und unser Programm auf eine neue Entwicklungsstufe heben. Damit meine ich nicht, dass wir uns im Programm von der Musik entfernen werden. Wir wollen vielmehr der Platz sein, wo Popkultur lebt wie nirgends sonst. Das geht in Richtung der viel beschworenen Konvergenz der Medien, wo wir ab sofort an der Spitze der Entwicklung marschieren werden. Alle Umfragen zeigen: Wir haben die Zielgruppe mit der größten Internet-Affinität. Das wissen gerade unsere Werbekunden zu schätzen. Bei unseren Zuschauern steht der Computer direkt neben dem Fernsehgerät – das werden wir nutzen, indem wir sämtliche Formate bis Jahresende mit interaktiven Elementen versehen werden. In manchen Shows werden diese nur dezent zum Tragen kommen, in anderen, etwa in „Webriot“, werden die User damit starken Einfluss auf das Geschehen haben. Zusätzlich zu dieser Betonung auf Interaktivität hat unsere Strategie noch zwei andere Säulen: hochklassige Spielfilm-Koproduktionen und neue Formate im Bereich Zeichentrick.
MW: Als MTV nach München umzog, haben Sie digitale Ableger unter dem Dach von Premiere World angekündigt. Wie ist da der Stand der Dinge?
zu Salm: Wir sind inhaltlich schon sehr weit, bei der technischen Umsetzung aber zeitlich von der Kirch-Gruppe abhängig, insbesondere hinsichtlich der d-box 2. Wir werden jedoch alle diese Entwicklungen in den nächsten Monaten vorantreiben.
MW: Sie haben auch ein neues Online-Portal angekündigt, das eine Tauschbörse enthalten soll. Wandelt MTV jetzt auf den Spuren von Napster?
zu Salm: Um Gottes Willen – wir sind nicht so wahnsinnig, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen! Nein, da sollen Fans andere Dinge tauschen können, die auch mit Musik zu tun haben, etwa Autogramme, Poster oder dergleichen, aber definitiv keine MP3-Dateien.
MW: Gerät VH-1 angesichts all dieser Aktivitäten noch weiter in den Hintergrund?
zu Salm: Wir haben es beim Musikfernsehen für Erwachsene in Deutschland mit einer schwierigen Situation zu tun, weil die Labels eben lieber neues Programm bewerben als Backkatalog – vielleicht ändert sich da durch das Internet etwas. Aber auch bei VH-1 wird sich in Zukunft einiges tun – wir denken nicht daran VH-1 abzuschreiben, ganz im Gegenteil: Wir wissen, dass wir auf VH-1 einige wunderbare Formate haben, und werden schon bald mit neuem Budget und neuen Ideen, möglicherweise auch im Event-Bereich, daran gehen, den Sender voranzubringen – zumal man sich auch in Amerika überhaupt nicht damit abfinden mag, dass ein dort so erfolgreicher Sender in Deutschland so unter Wert abschneiden soll.




