MusikWoche: Vor kurzem gab epm eine „strategische Allianz“ mit dem amerikanischen Konzertveranstalter SFX bekannt. Können Sie diesen Begriff etwas enger fassen?
Hans-Peter Riegel: Über die Konditionen der Allianz wurde Stillschweigen vereinbart, nur soviel: SFX wird in die epm group investieren. Wir sprechen hier aber von keiner Übernahme, sondern von einer Minderheitsbeteiligung.
MW: Wie wirkt sich die Allianz konkret aus? Welche Touren veranstaltet epm jetzt neu im Sommer?
Riegel: epm wird zusammen mit der DEAG beispielsweise die drei Konzerte von U2 in Deutschland veranstalten, wobei epm die Show produziert und auf die Bühne stellt und die DEAG Teile des Marketings übernimmt. Weitere Namen von Bands oder Künstlern will ich noch nicht nennen. In letzter Instanz entscheidet immer der Künstler, mit wem er eine Tour veranstaltet. Richtig ist aber, dass wir für SFX nun die erste Anlaufadresse in Deutschland sind.
MW: Hat die Allianz mit SFX Auswirkungen auf den seit langem geplanten Börsengang? Gibt es ein neues Zeitfenster?
Riegel: Wir halten uns die Option nach wie vor offen, wir brauchen den Börsengang aber nicht, um unsere Ziele zu erreichen.
MW: Herr Riegel, Sie prägten bislang in Interviews mit MusikWoche das Bild von der „kleinen, sympathischen epm group“, vom David inmitten der Goliaths CTS und DEAG. Jetzt formulieren Sie das Ziel, in drei Jahren die Marktführerschaft zu übernehmen – wie passt das zusammen?
Riegel: In der Pressemitteilung wurde ich falsch zitiert. Ich sagte, dass wir das Potenzial haben, die Marktführerschaft zu übernehmen. Dieses Ziel ist aber nicht in unserem Businessplan verankert. SFX hat uns als Partner auserwählt und uns ein gutes Zeugnis ausgestellt, was eine Ehre für uns ist. Wir werden unseren Weg weitergehen und uns nicht benehmen wie andere Veranstalter. Unsere Linie ist: Anständig sein, fair, eher bescheiden und mit Augenmaß.
MW: Wie verlaufen die Fronten in Deutschland, jetzt nach der Allianz?
Riegel: Meiner Meinung nach sind die Fronten noch nicht so klar, wie es sich vielleicht darstellen mag, die Situation könnte sich nochmal verändern. Der Wettbewerb wird sich nochmals verschärfen, der Ton wird ruppiger werden. Der Markt bleibt in Bewegung.
MW: Der Entertainment-Arm von epm vereint nach der Gründung von epm entertainment Hamburg nun drei Agenturen – epm entertainment, Bönisch Concerts und Target Concerts. Wie verteilen sich die Aufgaben?
Bönisch: epm entertainment in Hamburg und München wird die größeren Tourneen produzieren, Bönisch Concerts betätigt sich als Agentur, die sich im Rockbereich orientiert, und Target betreut junge Themen. Es ist aber gut möglich, dass von Fall zu Fall die Zuordnungen wechseln.
MW: Plant epm, die Agenturen zusammenzulegen?
Bönisch: Nein, wir wollen die verschiedenen Identitäten erhalten.
MW: Wie verlaufen die Berichtsstrukturen der vier Einheiten, wo laufen die Fäden zusammen?
Bönisch: Die Leiter der Units berichten an mich, ich bin als Vorstand für den Bereich Entertainment verantwortlich.
MW: Stichwort Höhe der Ausländersteuer. Wie meistert die epm-Tochter Target Konzerte diese Hürde, die viele Konzerte von kleineren ausländischen Bands organisiert?
Bönisch: Unser Glück ist, dass der deutsche Markt sehr wichtig ist und dass wir in der Lage sind, in unserem Land viele Konzerte zu organisieren. In Frankreich oder England gibt es bei einer Tournee nur halb so viele Termine. Das kompensiert einiges.
MW: Eine der zahlreichen Akquisitionen bei den Konzertveranstaltern war die Übernahme des örtlichen Konzertveranstalters Argo Konzerte durch die CTS eventim AG. Was kommt als nächstes?
Klaus Bönisch: Der Konzentrationsprozess ist in dem Sinne zu Ende, dass jetzt die Fronten klar sind. Konzentration schafft aber immer Raum für neue Ideen, neue Firmen und neue Menschen. Das ist auch die Philosophie unserer Firma. Wir haben geduldig und entspannt unser Profil erarbeitet und werden dies in den nächsten zwei Jahren verstärkt umsetzen. Wir haben mehr zu bieten als andere Konzertagenturen.
MW: CTS eventim gab bekannt, dass Argo Konzerte 600.000 Tickets pro Jahr verkauft und zehn Millionen Mark Umsatz macht. Sind das nicht eindeutige markttechnische Fakten?
Bönisch: Das ist im Grunde genommen eine Milchmädchenrechnung. Die Tickets, die Argo verkauft hat, tauchen wieder in der Bilanz einer anderen Firma auf. Argo ist nur ein großer örtlicher Veranstalter, der von anderen Unternehmen gespeist wird. Die 600.000 Tickets sind bei den Zahlen von Marek Lieberberg oder CTS mit reingerechnet. Da wurde kein neues Geschäft dazugekauft.
Riegel: In der Presse wurde Argo als überregionaler Veranstalter bezeichnet, was aber definitiv nicht stimmt. Argo hat keinen eigenen bedeutenden Content, sondern arbeitet als örtlicher Veranstalter.
MW: Wie beurteilen Sie die Auswirkungen des Zusammenschlusses von Marcel Avram mit der DEAG?
Bönisch: Das wird am deutschen Markt nichts ändern. Avram mag gute persönliche Kontakte zur Musikbranche haben, die er sicherlich auch in Zukunft für die Verhandlungen über Tourneen bekannter Künstler nutzen wird. Umsatzmäßig hat sich das Gewicht etwas hin zur Seite der DEAG verschoben, wobei der Zugewinn durch Avram über die Schweiz abgewickelt wird. Die DEAG hat zwar einen großen Namen dazugewonnen, allerdings fehlt der Unterbau, sie wird Probleme bekommen, die organisatorischen Dinge zu lösen. Der Zukauf von Avram hat keine Verbesserung der Organisation nach unten gebracht, und die ist nötig, um in diesem Gewerbe zu bestehen.
Riegel: Hier sehen wir einen klaren Wettbewerbsvorteil für uns. Unsere Qualitäten liegen in der Umsetzung. Wir legen Wert darauf, ein Qualitätshaus zu sein. Wir haben eine schlagkräftige Organisation und gutes Personal. Das wird uns in den nächsten Jahren nach vorne bringen.
MW: Marcel Avram wird sein Unternehmen wohl auch als Qualitätshaus bezeichnen. Ist das nicht eher ein Allgemeinplatz?
Riegel: Die Lebensleistung von Avram ist unstrittig. Er war ein ganz Großer. Es ist nur traurig, dass er sich selbst Künstler wie Peter Maffay, Santana und Udo Jürgens zurechnet. Die sind nachweislich von Fritz Rau aufgebaut worden. Ebenso ist es bei Eric Clapton. Da verschwimmen die Konturen.
MW: Die CTS eventim AG hat mittlerweile die Kontrolle über beinahe alle wichtigen Open-Airs in Deutschland: unter anderem Rock im Park, Rock am Ring, Bizarre, Southside, Hurricane. Kann epm das Fehlen solcher Plattformen verschmerzen?
Bönisch: Wir entwickeln derzeit Formate, wie zum Beispiel „The Mega Jam“, die sich in diese Richtung orientieren. Das Traurige ist, dass mittlerweile Künstler erpresst werden – nach dem Motto: „Wenn ihr die Tournee nicht mit uns veranstaltet, spielt ihr nicht auf unseren Festivals?“ Das ist kurzfristig gedacht, aus einer vermeintlichen Stärke heraus. Das wird sich ad absurdum führen, da sich Künstler nicht erpressen lassen. Musikern, denen das egal ist, werden seltener.
Riegel: Die Frage ist, wie weit man die Schraube drehen kann. Die größten deutschen Acts wie Die Fantastischen Vier, Die Ärzte oder Die Toten Hosen produzieren sich selber oder arbeiten nicht mit den beiden großen Konzertveranstaltern zusammen. Das werte ich als Zeichen.
MW: Herr Bönisch, Sie haben ihre Firma in die epm group integriert. Welche Beweggründe hatten Sie damals, nicht mehr allein zu agieren? Haben sich ihre Hoffnungen erfüllt?
Bönisch: Die Motive waren eindeutig. Das Veranstaltungsgeschäft, wie es bisher betrieben wurde, ist in Zukunft nicht mehr sehr gewinnbringend, da zum einen die Deals immer härter werden, zum anderen aufgrund der börsennotierten Situation der beiden großen Unternehmen, die Content zu teuer zukaufen müssen und so die Eintrittspreise in die Höhe treiben. Es war wichtig, sich einem Partner anzuschließen und für die notwendige Finanzierung zu sorgen. Doch das war nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend war, mein Geschäft optimal zu betreiben. Und da stellt sich die Frage: Was kann man aus dem Veranstalten von Konzerten noch machen? Wie kann ich mich vernetzen, welche Synergien kann ich nutzen? Und für diese Aufgaben habe ich in der epm die richtigen Ansprechpartner getroffen. Hans-Peter Riegel ist ein sehr erfahrener Werbefachmann. Jetzt kann ich Ideen umsetzen, die ich früher hatte, bei denen mir aber die Kontakte fehlten. Zum anderen sind in der Gruppe fundierte Branchenkenner wie beispielsweise die Rechtsanwälte Walter Lichte und Bruno Schramm, die auch sehr unternehmensorientiert denken. Unser Personal mussten wir zudem nicht teuer einkaufen, die kamen durch die Qualität unserer Ideen dazu. Ich fühle mich in dieser Konstellation sehr wohl. Was bei unserer Konkurrenz an Marktmacht dazugewonnen wird, läuft auf alten, eingetretenen Pfaden. Zwar mit größerem und mächtigerem Fußabdruck, aber es sind die alten Pfade. Und die wollte ich verlassen.
MW: Kann man als reiner Konzertveranstalter noch Geld verdienen?
Bönisch: Ja, wenn man der einzige Anbieter im Land wäre oder wenn der Umgang der Konkurrenz untereinander etwas partnerschaftlicher wäre. Deutschland ist der zweitgrößte Konzertmarkt der Welt. Jeder Konkurrent kennt den Wert der Künstler, und so wird der Preis bis aufs Äußerste ausgereizt. Mit einer Auslastung von 100 Prozent lässt sich noch Geld verdienen. Nur werden diese Shows immer weniger.
Riegel: Über die Quervermarktungsmöglichkeiten unserer Gruppe können wir neue Ertragsbereiche erschließen. Beispielsweise im Sponsoring, Ticketing oder bei der Entwicklung von Events in Zusammenarbeit mit Markenartiklern. Durch solche Events wird sich auch in Zukunft Geld verdienen lassen.
MW: Hat Live-Entertainment noch die gleiche Bedeutung wie vor 20 Jahren? Wohin geht die Reise?
Riegel: Das Schlachtfeld ist jetzt im Wesentlichen abgesteckt, jetzt geht es nur noch darum, zu welchen Firmen sich einige örtliche Veranstalter orientieren. Viele dieser Veranstalter haben meiner Erfahrung nach aber keinen Spaß mehr an ihrer Tätigkeit, da sieht man, wieviel in den vergangenen Jahren kaputt gemacht wurde. Der Trend geht letztlich auch dahin, sich weg vom reinen Konzert hin zum Event zu bewegen. Die Tourneen werden vom Volumen her kleiner. Veranstaltungen wie „Mayday“ oder „Rock am Ring“ sind nicht umsonst so erfolgreich, weil sie Gemeinschaftsgefühl bieten. Junge Leute von heute identifizieren sich nicht mehr so ohne weiteres mit ihren Idolen wie früher. Auch der Funsportbereich wird eine große Rolle spielen. Dieser Bereich wird bei unserem Jahr sehr wichtig. In diese Richtung wird es gehen, damit verdient man Geld.
MW: Geht derzeit ein Stück Konzertqualität verloren?
Bönisch: Das liegt an den Firmen selbst. Wenn es ihnen gelingt, das Altersdefizit, das entsteht, wenn man lange in der Branche arbeitet, mit jungen Leuten und Ideen auszufüllen, dann nicht. Wer am eigenen Status bastelt, zerstört die Konzertkultur. Eines meiner wesentlichen Ziele ist, junge Leute in die Branche zu bringen. Die fördere ich nach Kräften.
Riegel: Dem schließe ich mich an, Klaus und ich sind ja eher die „alten Säcke“ im Geschäft. Ein paar durchaus in Ehren gealterte Größen der Branche sitzen derzeit auf Ästen, ohne zu merken, dass diese morsch werden. Die wollen das nicht wahrhaben.
Bönisch: Mir ist um die Zukunft des Live-Entertainments nicht bange. Seit zwei Jahren ist ein Trend zu beobachten, der von der „Konservenmusik“ wegführt. Viele 18- bis 22-jährige Musiker machen handgemachte Musik.
MW: Ein Reizthema in der Branche ist der Eintrittspreis für Konzerte. Peter Schwenkow hat unlängst in MusikWoche gefordert, dass der Eintrittspreis „entideologisiert“ gehört. Sind die Preise bereits am Limit?
Bönisch: Meiner Meinung nach sind die Preise am äußersten Limit. Das führt dazu, dass die Leute nur noch zweimal im Jahr auf ein Konzert gehen und nicht vier oder fünfmal. Und das ist nicht in unser aller Sinn. Bei Whitney Houston oder den Rolling Stones kann man zwar hohe Preise nehmen, aber wir brauchen Konzerte, die sich auch junge Leute leisten können. Denn die sind später vielleicht einmal dazu bereit, auch teure Konzerte zu besuchen. Ich sehe keinen Sinn darin, im Rock- und Pop-Bereich Preise zu verlangen, die sonst in der Klassik üblich sind. Über die freut sich nur der Künstler, sonst hat keiner Freude daran.
Riegel: Und nicht mal die Künstler, die ja nicht vor leeren Hallen spielen wollen. Es gab in der Vergangenheit Tourneen, bei der sich das Publikum weigerte, für einen Künstler, den sie schon mehrere Male gesehen haben, für einen Stehplatz 85 Mark zu bezahlen. Es ist sehr bedenklich, den Kids die letzten paar Mark Taschengeld abzuzocken. Wir sind keine Altruisten, wir wollen Geld verdienen, aber wir versuchen in den Bereichen, wo es uns möglich ist, den Preis zu beeinflussen. Künstler wie Die Toten Hosen oder Herbert Grönemeyer, die wollen, dass sich die Leute ihre Konzerte auch leisten können, sind leider die Ausnahme.
MW: Wer trägt die Schuld an der Preisspirale? Kann man gegensteuern?
„Die Ticket-Preise sind am Limit“
Riegel: Die Preise macht nicht der Künstler. In der Szene der Londoner Künstleragenten herrscht immer noch schallendes Gelächter über „die Deutschen“, die für den Zuschlag für Tourneen fast jeden Preis zahlen. Diese Gagen müssen natürlich über die Eintrittspreise refinanziert werden. Das schädigt die Entwicklung. In anderen Ländern sind Tickets rund ein Drittel billiger, gemessen an der Kaufkraft. Wenn Schwenkow sagt, er möchte entideologisieren, sollte er bedenken, dass er diese Entwicklung mit angestoßen hat. Und er wird feststellen, dass seine EBITDA-Margen sehr dürftig sind. Daran haben die Preise auch mit Schuld.
MW: Ist ein „Gentlemen“s Agreement“ unter den deutschen Veranstaltern in Sicht, das beispielsweise dazu führt, bestimmte Bedingungen dieser Agenten kategorisch abzulehnen?
Bönisch: Nicht in Deutschland. In anderen Ländern gibt es etwas freundschaftlichere Verhältnisse. Diesen extremen Konkurrenzdruck gibt es nur in Deutschland.
MW: Kann ein Verband wie der IDKV gegensteuern?
Bönisch: Leider nein, da besteht keine Möglichkeit. Der Verband kann nichts kontrollieren, da die Veranstalter im Streitfall auch austreten können. Wir haben zwei Bewerber am Markt, die das Ziel haben, den deutschen Markt zu überrollen.
Riegel: Bescheidenheit würde der Branche mehr helfen als das gegenseitige Protzen mit Umsatzzahlen. Das macht wirtschaftlich keinen Sinn. Ich bin nicht der oberste Tugendwächter, aber es ist für uns undenkbar, dass wir uns so definieren. Wir definieren uns über den Job, den wir machen.






