Interview mit Julio Iglesias

Seit 35 Jahren gilt Julio Iglesias als Prototyp des Latin Lovers. Dass er in erster Linie Musiker ist, gerät dabei oft in Vergessenheit. Das soll sich nun ändern: Mit dem neuen Album „Noche De Cuatro Lunas“ (Columbia/Sony Music) setzt er auf Rasse und Klasse. Marcel Anders hakte nach.

MUSIKWoche: Ihr neues Album ist eine echte Überraschung: Was hat Sie veranlasst, die Rolle des reinen Crooners nach 15 Jahren aufzugeben?

Julio Iglesias: Ich habe mich ja nur deshalb aufs Interpretieren verlegt, weil mir selbst nichts eingefallen ist. Das hat sich erst durch die Zusammenarbeit mit Estefano, Robi Rosa, Alejandro Sanz und Ruben Blades geändert – alles absolute Genies. Vielleicht sogar die besten Songwriter, die die Latino-Community in den letzten zwei Generationen hervorgebracht hat – und sie haben mich unglaublich stimuliert. Viel wichtiger ist aber, dass mir keiner ein solches Album zugetraut hätte. Es ist viel abwechslungsreicher als alle seine Vorgänger.

MW: Dann steckten sie also in einer kreativen Sackgasse?

Iglesias: Meine Musik ist über die Jahre immer seichter geworden, und deshalb habe ich den Draht zur Jugend verloren. Die neuen Stücke haben wieder mehr Pepp. Ein Song wie „Gozar La Vida“ besitzt so viele Tempiwechsel, das ist einfach atemberaubend. Fast so, als säße man in einem rassigen Sportwagen, der einem alles abverlangt. Und das hat mir sehr gut getan: Ich singe besser denn je. Gleichzeitig verändert sich auch die Musiklandschaft: Wenn Leute wie Ricky Martin, Michael Anthony oder mein Sohn Enrique auf Spanisch singen, wird es weitestgehend akzeptiert.

MW: Wie erklären Sie sich den Latino-Boom? Haben die Leute genug von der elektronischen Musik?

Iglesias: Es war klar, dass sich die Menschen irgendwann nach handgemachter Musik sehnen würden. Der Latino-Sound ist sehr natürlich, und im Vergleich zu den angelsächsischen Melodien versetzt er deinen Körper spontan in Bewegung – ob du willst oder nicht. Nimm dagegen Michael Jackson: ein wirklich guter Songwriter, nur leider erinnert die Art, wie er zu seiner Musik tanzt, eher an einen Roboter. Ricky Martin ist da viel menschlicher. Ich denke, wir Latinos haben einfach mehr Seele.

MW: Verstehen sie sich als Ziehvater der Bewegung?

Iglesias: Das würde ich nie von mir behaupten. Es ist nur so, dass die Medien immer versuchen, alles über einen Kamm zu scheren. Bier kommt aus Deutschland und Wein aus Frankreich, aber wenn sie das Bier trinken, denken sie nicht daran, dass es nur ein kleiner Teil ihrer Kultur ist, und genauso ist es mit mir und meiner Musik: Ich bin nur ein winziger Teil einer großen, vielschichtigen Kultur – und längst nicht der beste. Der Umstand, dass ich seit 35 Jahren dabei bin, ist das Ergebnis harter Arbeit. Ich ruhe mich nicht auf meinen Lorbeeren aus, sondern versuche, immer neue Einflüsse in meine Musik einzubringen. Würde ich das nicht tun, könnte ich in diesem Geschäft nicht überleben.

MW: Sie werden im September 57 Jahre alt. Eine angenehme Erfahrung?

Iglesias: Das Alter gibt dir unscätzbare Privilegien. Obwohl du körperlich nachlässt, kannst du auf einen riesigen Erfahrungsschatz zurückschauen. Mit 30 konnte ich einen guten nicht von einem schlechten Wein unterscheiden. Mit zunehmendem Alter wird man gelassener und sicherer. Auf der anderen Seite hast du aber auch immer weniger Zeit und versuchst, die Dinge des Lebens bewusster zu genie§en. Das ist der einzige Wermutstropfen.

MW: Aber die Zeit der wilden Parties ist vorbei, oder?

Iglesias: Definitiv. Bis 1985 habe ich keine Feier ausgelassen und war wie ein Wilder. Aber wenn man jung ist, ist das ganz normal. Mein Sohn Enrique ist auch ständig auf der Piste. Ich hingegen ziehe es mittlerweile vor, auch mal zu Hause zu bleiben. Das ist wie bei den Fußballern: Mit 25 spielst du wie ein Gott, aber wenn du 48 bist, kannst du höchstens Trainer sein.

MW: Was macht Sie zum Sexsymbol?

Iglesias (lacht): Zu Beginn meiner Karriere habe ich es genossen, dass die Frauen bei meinen Konzerten in Ohnmacht fielen. Doch die Phantasien anderer Menschen haben oft nichts mit der Realität gemein. Und du musst auch nicht der schönste Mann auf Erden sein, um einen Schlag bei den Frauen zu haben. Wenn du sie wirklich begeistern willst, reicht körperliche Attraktivität nicht aus – du musst Charme haben und auf sie zugehen können. Dann liegen sie dir zu Füßen.

MW: Angeblich haben sie 3000 Frauen beglückt…

Iglesias (grinst): Es könnten auch ein paar mehr gewesen sein. Obwohl: Letztlich ist das egal. Es ist nichts, womit ich prahlen würde, sondern eher etwas, um die Presse zu füttern. Die lieben solche Geschichten. Außerdem bin ich seit Jahren treu – ich esse lieber zu Hause, wenn du weißt, was ich meine. Das ist nicht so stressig. In meinem Alter kein ganz unwichtiger Faktor.