MUSIKWoche: Wenn man mit Experten aus der Branche über das Berufsfeld Musikindustrie spricht, entsteht der Eindruck, daß jeder Mitarbeiter eine extreme Mischung aus unterschiedlichen Eigenschaften und Vorbildungen mitbringen muß. Ist das realistisch? Finden Sie diese seltenen Gewächse auf dem Markt? Gerd Gebhardt: Ich habe vor Jahren mit einem sogenannten Headhunter zusammengesessen und ihm erklärt, welche Mitarbeiter ich gerade suche. Wir wollten uns zu diesem Zeitpunkt anders ausrichten und mit Personen zusammenarbeiten, die nicht aus unserer Branche kommen. Gesucht wurden klassische Produktmanager, die sich in der Industrie bereits ihre Sporen verdient hatten und nun in unseren Betrieb wechseln sollten. Ich beschrieb in dem oben genannten Sinne das Mitarbeiterprofil, erwähnte diese Attribute mit ihrer scheinbaren teilweisen Widersprüchlichkeit. Da hat mich dieser langjährig als Headhunter arbeitende Profi staunend angesehen und gesagt: „Herr Gebhardt, solche Leute gibt es nicht.“ Worauf ich ihm spontan antworten konnte: „Doch, solche Leute gibt es. Wir haben bereits vier von dieser Sorte, und jetzt brauchen wir noch einen fünften.“
MW: Was macht diese ungewöhnliche berufliche Identität aus? Gebhardt: Man muß Musik als Produkt begreifen, was nicht einfach ist, denn gleichzeitig muß man Musik auch als Kulturgut und dahinter den Künstler als Produzenten oder aber auch als Interpreten und Kommunikator sehen. Dann ist der Künstler auch noch ein Mensch, in der Regel ein etwas anderer Mensch als der Normalbürger. Es gibt sehr umgängliche und pflegeleichte Künstler. Und es gibt Diven und launische Exzentriker, was den Alltag nicht gerade vereinfacht. Man braucht bei uns grundsätzlich gute Englischkenntnisse wegen der internationalen Dimension unseres beruflichen Alltags, weiterhin ein Verständnis für Zahlen und Kalkulationen. Ein guter Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen ist ebenso eine Grundvoraussetzung, was für einen kommunikationsfreudigen und offenen Typ spricht. Die Schwierigkeit der Musikbranche besteht letztlich darin, daß wir es bei der Ware Musik mit viel Imagination und Virtualität zu tun haben, was sich im Beruf wieder reflektiert. Daraus resultierende Stellenbeschreibungen tun sich mit den konkreten Anforderungen an Bewerber auch so schwer, weil vieles nur allgemein beschreibbar ist und sich erst in der Praxis erfahren läßt, die sich wiederum ständig wandelt.
MW: Der Umgang mit dem Künstler ist, wie Sie sagen, nicht immer ganz einfach und gehört zu den typischen Arbeitsaufgaben. Wie schwer ist diese Aufgabe? Gebhardt: Das ist eine Frage der Erfahrung. Wenn man 18 Jahre alt ist, dürfte man mit den Aufgaben einer persönlichen Betreuung sicher überfordert sein. Innerhalb einer Schallplattenfirma ist der Künstler am wichtigsten, weshalb er an seiner Seite kompetente und einfühlsame Partner braucht. Der Künstler stellt das Produkt her, das wir verkaufen wollen. Unmittelbar danach kommt der Mitarbeiter. Beide müssen sich gegenseitig respektieren, sich gut ergänzen, sich verstehen und sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Da verfügt natürlich der Künstler über ein besonderes Recht, denn er ist letztlich Arbeitgeber. Hier gibt es – wie immer im Leben – das gesamte Spektrum unterschiedlicher Temperamente und Charaktere mit unangenehmen und angenehmen Situationen bei der Zusammenarbeit, auch verbunden mit allen Spannungen, die es im zwischenmenschlichen Bereich geben kann.
MW: Das klingt sehr persönlich und wenig distanziert. Ist das Ihr Stil? Gebhardt: Wenn Sie es mit Künstlern zu tun haben, ist eine kühle Distanz und ein nüchterner Umgang selten. In diesem Geschäft wird mit Emotionen gehandelt – mit künstlerischen Emotionen und Impressionen, woraus die individuellen künstlerischen Ausdrucksformen resultieren. Denn Künstler sind keine gewöhnlichen Menschen. Das muß jeder wissen, der in diese Branche will.
MW: Es ist derzeit viel von Wandel und Zäsur die Rede. Was bedeutet das für Ihre Mitarbeiter und für die neuen Bewerber? Gebhardt: Da unsere Mitarbeiter schon seit Jahren extrem flexibel sein müssen, sind sie es gewohnt, sich täglich auf neue Situationen einzustellen. Wir haben täglich neue Produkte, die auf den Markt kommen. Wir sind umgeben und beeinflußt von den neuesten internationalen und nationalen Trends. Das bringt ebenfalls täglich große Herausforderungen. Das hohe Tempo bei der Arbeit ist ein Merkmal dieser Branche. Diese Schnelligkeit existiert in der Musikindustrie schon seit etwa 15 Jahren. In diesem Zeitraum hat sich das Tempo erheblich erhöht, davon ist jeder Mitarbeiter betroffen. Diese Entwicklung nimmt an Intensität noch zu, also dürfte dieses Merkmal in Zukunft noch viel mehr gelten.
MW: Welche Rolle spielen Tests bei Einstellungsgesprächen? Gebhardt: Ich bin kein Freund von solchen Tests, weil sie immer nur eine Momentaufnahme abbilden. Es gibt Kandidaten, die sich optimal auf einen Test vorbereiten, diesen mit Bravour bestehen, um ansonsten tagtäglich im Leben zu versagen. Insofern sind diese Tests niemals der Weisheit letzter Schluß. Andererseits muß man irgendwelche grundsätzlichen Erwägungen und Beurteilungen einbringen, um eine faire Beurteilung zu ermöglichen. Dieser Eignungsrahmen ist natürlich klar definiert, was von Firma zu Firma unterschiedlich akzentuiert sein mag, sich aber konkret innerhalb dessen bewegt, was essentiell ist. Am Ende eines Testlaufs steht immer das persönliche Gespräch. Es ist durch nichts zu ersetzen. Letztlich kann auch hier ein Bewerber durchkommen, der es versteht, sich hervorragend zu verkaufen, dann aber die in ihn gesetzten Erwartungen überhaupt nicht erfüllen kann.
MW: Wie haben Sie persönlich diese Branche erlebt, der Sie nun schon mehr als zwei Jahrzehnte eng verbunden sind? Gebhardt: Im Laufe der Jahre habe ich immer wieder gemerkt, daß es in einer hochemotionalen Branche gerade bei der Beurteilung von Mitarbeitern sehr stark um emotionale Dinge geht. Man entscheidet sich letztlich für jene Bewerber, die dieser Emotionalität entgegenkommen, die eine Ausstrahlung haben und nicht blass und brav wirken.
MW: Sympathie entscheidet? Gebhardt: So ist es. Wobei das auch rational erklärbar ist. Wir brauchen Mitarbeiter, die auch mal Tag und Nacht arbeiten müssen, die sich auch an Samstagen und Sonntagen an die Arbeit begeben, die im Prinzip Besessene sind, wie wir alle in dieser Branche, die nicht ständig auf die Arbeitnehmeruhr schielen und Dienst nach Vorschrift machen. Hier geht es eben auch um Überzeugungen und Leidenschaften, hier kämpfen ganze Häuser mit einem von den Medien totgesagten Künstler um sein Comeback, zittern und leiden mit ihm, unterstützen ihn. Das kann man sich als Außenstehender kaum vorstellen. Erfolge eines Künstlers werden auch als gemeinsame Erfolge erlebt, was sich fundamental von den Firmen, die Waschmittel, Brause oder Rasierapparate herstellen, unterscheidet. Ohne Emotionen geht gar nichts in dieser Branche. Also will man auch Kollegen haben, die man mag, mit denen man es auch in Extremsituationen aushält, die einen – bestenfalls – bei der eigenen Arbeit inspirieren, mit denen man sich gut ergänzt. Sympathie spielt vor allem beim direkten Umgang mit den Künstlern eine große Rolle. Wenn ich mich nur an Fakten orientiere und kein Funke überspringt, wird die Arbeit weitaus weniger dynamisch, als wenn es dieses Gefühl der Gemeinsamkeit gibt, weil man den Künstler und sein Werk mag und der genau dieses spürt und Vertrauen entwickelt.
MW: In dieser Branche spielen Kontakte eine große Rolle. Der sympathische Typ ist gefragt. Spricht das nicht für viel Oberflächlichkeit? Gebhardt: Blender finden Sie nun wirklich in allen Bereichen der Gesellschaft, sogar in der Politik und auch in den Medien. Gerade bei uns kommt man aber mit Oberflächlichkeit und unverbindlicher Beliebigkeit nicht sehr weit. Diese Haltung wird sogar gerade wegen der großen Nähe zu Künstlern und des hochemotionalisierten Umfeldes schnell enttarnt. Was wir brauchen, sind dagegen eher sensible Menschen, die auf andere Personen zugehen und eingehen können, die reden, kontakten und zuhören können. Hier müssen schließlich langfristige Kontakte und Sympathien geschaffen werden, was vollkommen gegen oberflächliche Verhaltensweisen spricht.
MW: Sympathien werden also auf vielen Ebenen gebraucht? Gebhardt: Nicht nur zwischen dem Künstler und der Promoterin muß es harmonieren. Das gilt gerade auch für den Bereich der Kommunikation nach draußen. Zu den täglichen Ansprechpartnern im Rundfunk-, Fernseh- und Printmedienbereich muß es gute persönliche Kontakte geben. Wenn dort Antipathien vorherrschen, wird es immer Schwierigkeiten und eine geringe Resonanz geben. Das ist in der gesamten Gesellschaft ein Thema, nicht nur in der Musikindustrie und ihrem Umfeld. Das ist einfach zutiefst menschlich, daß man sich verstehen will und muß. Wenn diese Biochemie nicht funktioniert, ist der gesamte Kommunikationsvorgang gestört oder auf ein Minimum der Kooperationsmöglichkeiten reduziert. Und das dient eben nicht unserer Sache, dem Verkauf der Ware Musik.





