Gerd Gebhardt, zum 50. Geburtstag: „Die A&R-Arbeit ist unsere Zukunft‘

Er ist eine der herausragenden Figuren im deutschen Musikbusiness. In 30 Karrierejahren galt sein Einsatz nicht nur dem Wohl seines Unternehmens, , sondern immer auch dem der gesamten Branche. Zum doppelten Jubiläum daher keine Bilanz, sondern eine Bestandsaufnahme mit .

MUSIKWoche: Erst kürzlich wurde Warner Strategic Marketing (WSM) strategisch neu aufgestellt. Wohin soll der Weg dieser Firma führen?

Gerd Gebhardt: kommt nun aus der Nische der reinen Compilation-Vermarktung heraus. Alles, was nicht aktuelles Charts-Material ist, wird nun bei den Kollegen von Warner Strategic Marketing bearbeitet. Also auch Best-ofs der Künstler, die nicht mehr aktuell im Katalog sind, dazu Katalogverwertung von und Rhino sowie Lizenzgeschäfte mit Film, Funk und Fernsehen in Verbindung mit Werbung. Das ist auch Teil einer europaweiten Neuausrichtung bei Warner Music in diesem Bereich.

MW: Fokussieren Sie und Ihre Mitarbeiter bei WEA und eastwest sich dann in Zukunft noch stärker auf A&R-Arbeit?

Gebhardt: Die A&R-Arbeit war, ist und bleibt unsere Zukunft. Wir haben uns ja bereits in den letzten Jahren mehr um lokales und internationales Artist Development bemüht. Speziell im internationalen Bereich konnten wir uns stärker auch um Themen abseits von Großbritannien und den USA kümmern, zum Beispiel aus Skandinavien, Italien, Spanien oder Holland. Nochmal: A&R-Arbeit ist unsere Zukunft.

MW: Kritiker merken immer wieder an, dass diese Aufgabe in Deutschland zuletzt eher vernachlässigt wurde.

Gebhardt: Diese Einschätzung teile ich nicht. Im Gegenteil, die deutsche Musikwirtschaft war sehr aktiv. Ob unsere Arbeit immer richtig war, ist eine andere Frage. Es wurde überhaupt viel produziert und probiert. Vielleicht auch zuviel. Bei Warner Music galt aber immer das Motto: Weniger ist mehr. Das tut bisweilen weh, speziell, wenn es nicht klappt. Aber wenn es schließlich doch klappt, dann richtig. Wir hatten in den letzten Jahren große Erfolge mit nationalen Produkten: Von a-ha über Sasha und Ayman und den Massiven Tönen bis hin zu Deichkind, ganz zu schweigen von den großen Namen wie Westernhagen, den Scorpions oder den Toten Hosen. Wir haben viel erreicht, aber wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen.

MW: Und wo wollen Sie hin?

Gebhardt: Jeder weiß, dass wir mit unserem Marktanteil in Deutschland an dritter Stelle liegen. Unser Ziel kann also nur sein, hier aufzuholen. In einem stagnierenden Markt geht das nur, wenn man der Konkurrenz Anteile abringt. Das wiederum gelingt nur, wenn wir besser sind.

MW: Müssen Sie dafür Ihren A&R-Fokus verändern oder gar schärfen?

Gebhardt: Durch die Verschiebung des Backkatalogs zu Warner Strategic Marketing werden bei WEA und eastwest natürlich zusätzliche Kapazitäten für neue Künstler frei.

MW: Sie arbeiten inzwischen bereits mit einem gemeinsamen Vertrieb für alle Warner-Firmen. Nun die Bündelung mehrerer Bereiche bei WSM. Deutet das darauf hin, dass auch WEA und eastwest künftig enger zusammen arbeiten werden?

Gebhardt: Wir haben eine gesunde Konkurrenz im eigenen Haus. Und so soll das auch bleiben. Wir wollen schließlich wachsen, und das geht nur, wenn man auf der einen Seite sinnvoll bündelt und an anderer Stelle seine Kräfte besser nutzt.

MW: Wie wird die nun stattfindende Fusion mit AOL die Arbeit bei Warner Music beeinflussen?

Gebhardt: Das ist eine tolle Situation. Da kommen zwei Welten zusammen. Wir sind schon längst im Gespräch mit AOL und haben sehr gute Kontakte. Wir werden bestimmte Dinge gemeinsam machen, so wie bisher auch.

MW: Es besteht also keine Verpflichtung, alle Online-Aktivitäten von Warner Music über AOL abzuwickeln?

Gebhardt: Wir arbeiten ja auch nicht nur mit einem TV-Sender oder einer Radiostation zusammen. Wir wollen immer mit den Partnern kooperieren, die für uns und unsere Musik am sinnvollsten sind.

MW: Wäre da nun auch Napster eine Option?

Gebhardt: Im Moment überhaupt nicht. Denn noch ist Napster ein illegales Instrument. Daran hat sich noch nichts geändert.

MW: Auch nicht, wenn Napster und die Bertelsmann eCommerce Group irgendwann das neue Geschäftsmodell präsentieren?

Gebhardt: Das ist eine Entscheidung, die dann nicht in Deutschland getroffen wird.

MW: Zurück in die Gegenwart: Der Echo zieht nach Berlin um. Ist das mehr als nur ein Standortwechsel?

Gebhardt: Echo in Berlin ist eine andere Dimension. Allein die Halle fasst rund 2000 Leute mehr. Wir können also wesentlich mehr Fans hereinholen. Wir haben eine größere Bühne, einen neuen Regisseur und mit RTL einen neuen Partner.

MW: Sie engagieren sich seit rund zehn Jahren in der Deutschen Phono-Akademie. Gibt es keine Ermüdungserscheinungen?

Gebhardt: Wir sind zwar nur ein kleines Team mit vielfältigen Aufgaben, aber es macht immer noch Spaß. Ich bin in diese Branche wegen der Musik gekommen. Das ist immer noch die Hauptsache.

MW: Im Februar steht eine Anfrage im Bundestag an, die die Belange der Musikbranche stärker ins Rampenlicht stellen will. Was erwarten Sie sich davon?

Gebhardt:Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Herren Stein, Gramatke, Schaefer, Zombik, Hay und ich sind in dieser Lobby-Mission schon seit Jahren unterwegs. Die Anliegen und Probleme unserer Industrie müssen einfach nach draußen und in die Politik getragen werden. Wir sind schließlich ein Wirtschaftszweig, den man nicht unterschätzen darf. In anderen Industriezweigen gibt es hochbezahlte Verbandsfunktionäre, die diese Arbeit machen, wir erledigen das ehrenamtlich zusätzlich zu unserem Tagesgeschäft. Wir machen dies, damit die heute 25-Jährigen auch in 25 Jahren noch Brot und Arbeit in der Musikbranche finden können. Wir warten zum Beispiel immer noch auf die neue Copyright-Direktive aus Brüssel. Die ist dringend nötig, wenn ich Schlagzeilen wie „Musik kostenlos“ oder „Genaue Anleitung für kostenlose Downloads“ sehe. Wir sind also offenbar umzingelt von Leuten, die es „gut“ mit uns meinen. Damit muss man erst mal fertig werden. Mit soviel Liebe haben wir alle gar nicht gerechnet. Aber im Ernst: Wir müssen den Menschen klar machen, dass Musik nicht kostenlos vom Himmel fällt.

MW: Erwarten Sie sich diesbezüglich auch Impulse vom neuen Kulturminister Julian Nida-Rümelin?

Gebhardt: Das Problem bei uns ist ja leider, dass Pop und Rock nicht als Kultur gesehen werden, obwohl diese Musik 90 Prozent des Geschehens ausmacht. Aber auch daran arbeiten wir.

MW: Ist Deutschland unterentwickelt, was die Förderung des Nachwuchses betrifft?

Gebhardt:Wir sind unterentwickelt, was den Respekt und die Anerkennung betrifft, aber deshalb klagen wir nicht und holen die Taschentücher raus. Wir wollen nur, dass respektiert wird, was in Deutschland ohne Förderung erreicht wird. Wir sind schließlich nicht die Filmbranche. Wir sind nicht abhängig von den Fördertöpfen und zahlen obendrein unsere Steuern. Und 160.000 Arbeitsplätze in Deutschland sind auch nicht gerade wenig.

MW: Wie wird denn in anderen Ländern mit Populärmusik umgegangen? Sie haben ja durch Ihre Position auch Einblick in andere Märkte.

Gebhardt:In Schweden, Dänemark, Finnland und auch in Holland gibt es zum Beispiel staatlich geförderte Projekte für Popmusik. In Finnland macht lokales Produkt sogar rund 50 Prozent des Marktes aus.

MW: Mit Blick auf den nationalen Markt gerät vielleicht ab und an in den Hintergrund, dass Sie bei Warner Music auch noch für andere Territorien verantwortlich sind. Welche Aufgaben sind das?

Gebhardt: Ich bin sozusagen der Cheftrainer für unsere zehn Firmen in Deutschland, der Schweiz, Holland, Belgien, Finnland, Norwegen, Dänemark und Schweden, die ich zu Höchstleistungen motivieren darf. In der Schweiz haben wir beispielsweise vor drei Jahren eine eigene Dependance aus dem Boden gestampft, die inzwischen dreimal so viel Umsatz macht im Vergleich zu der Zeit, als wir dort noch nicht selbstständig waren.

MW: Wie gut kennen Sie Ihre Produkte aus den anderen Märkten? Wie nah können Sie dem Geschehen dort sein?

Gebhardt: Ich bin oft genug vor Ort, um die Vertriebs- und Händlerstrukturen zu kennen. Ich weiß um die Sorgen und Anforderungen unserer Firmen dort. Wenn man sich ernsthaft einsetzt, bekommt man durch den ständigen Austausch mit den Geschäftsführern, Marketing- und Vertriebskollegen vor Ort sehr schnell mit, was in den anderen Märkten läuft. Wir tauschen uns auch bei Treffen in Hamburg regelmäßig aus. So entstehen dann länderübergreifende Kooperationen wie zum Beispiel die mit a-ha. Da kam der Kontakt über die norwegischen Kollegen zur deutschen WEA, und Bernd Dopp schloss schließlich einen weltweiten Vertrag mit der Band ab. Oder der Deal mit der Produktionsfirma Cutfather & Joe: Da hatten die dänischen Kollegen nicht genügend Ressourcen. Also schlug ich das Thema der WEA vor und kurz darauf hatten wir mit der Formation Sweet Female Attitude einen Nummer-eins-Hit in Großbritannien. Außerdem werden dann lokale Signings wie Sasha überregional mit höchster Priorität behandelt. Ich kann also behaupten, dass die Zusammenarbeit hervorragend klappt. In meinem Bereich haben wir im letzten Jahr gut ein Prozent Marktanteil dazu gewonnen.

MW: Sie sind seit 30 Jahren im Geschäft, nun der 50. Geburtstag – gibt es noch Dinge, die Sie erreichen wollen?

Gebhardt: Da brennt noch jede Menge Feuer. Das hat mit einem Geburtstag überhaupt nichts zu tun. Mir macht meine Arbeit noch sehr viel Spaß, und ich will dieses Unternehmen weiter wachsen lassen. Wir stehen auf gesunden Füßen und verfügen in dem von mir verantworteten Bereich über hervorragende Geschäftsführer. Das ist die Herausforderung, die mich auch künftig täglich treiben wird.

MW: In den 60er Jahren waren Sie Discjockey, Sie haben früher auch selbst Musik gemacht – kommen Sie heute überhaupt noch dazu, zu musizieren?

Gebhardt: Ich habe mir vor rund zwei Jahren wieder zwei Gitarren und einen Verstärker zugelegt und Griffe geübt. Das habe ich drei-, viermal gemacht, doch das hat sich wieder gelegt, weil einfach die Zeit fehlt. Aber ich höre mir zuhause immer noch sehr viel unterschiedliche Musik an. Das liegt nicht zuletzt auch an meinem 13-jährigen Sohn.

MW: Haben Sie da Einfluss auf seine Hörgewohnheiten?

Gebhardt: Ich finde, Kinder sollten ihren eigenen Geschmack entwickeln. Ich kann mich noch sehr gut an die Worte meiner Eltern erinnern: „Hör auf mit dieser Eunuchen-Musik!“ – und sie meinten damit die Beatles.

MW: Für welche Hobbys bleibt dann noch Zeit?

Gebhardt: Mein größtes Hobby ist immer noch die Musik. Ich habe kürzlich meine umfangreiche Vinyl-Sammlung wieder reaktiviert. Und im Winter gehe ich Skifahren, im Sommer versuche ich, ab und zu ein paar Golfbälle zu schlagen. Aber dazu bin ich im letzten Jahr genau dreimal gekommen.

MW: Handikap?

Gebhardt: Allerdings. Mein größtes Handikap bin ich selbst.