MUSIKWoche: Warum eröffnet ein US-HipHop-Label wie DefJam nach fast 18 Jahren seine erste ausländische Filiale ausgerechnet in Deutschland?
Lyor Cohen: Wir wollten schon immer auf der ganzen Welt vertreten sein. Und speziell Europa war für uns hochinteressant. Schon damals als wir Kurtis Blow betreuten wäre ein europäisches Büro sehr sinnvoll gewesen. Und dann waren es doch die Deutschen, die die Idee umsetzten.
Jim Caparro: Wir waren es nämlich gar nicht, die den ersten Schritt gemacht haben. Ohne die Initiative und die Überzeugungsfähigkeit von Boris Löhe, Bär Läsker und Tim Renner wären wir uns nicht so schnell einig geworden.
MW: Welchen Einfluss hat Mercury in Deutschland auf diese Entwicklung genommen?
Boris Löhe: Alles begann, als ich erste Vertragsgespräche mit den Spezializtz hatte. Sie sagten: „Wir kennen euch nicht gut genug. Ihr seid doch nur so ein verdammtes Majorlabel. Warum sollten wir ausgerechnet bei euch unterschreiben?“ Die einzige Möglichkeit, die Band zur Unterschrift zu bewegen, war, sie bei Def Jam unterzubringen. Und so wuchs die Idee. Ich konnte es der Band zwar nicht versprechen, wollte aber nichts unversucht lassen. Wenig später erzählte ich Bär Läsker davon, der sich offenbar schon seit Jahren mit der gleichen Idee beschäftigte. Und zusammen mit Tim Renner beschlossen wir, die Sache in Angriff zu nehmen. Wir drei konnten Lyor Cohen schließlich davon überzeugen, dass wir die Def-Jam-Philosophie nach Deutschland übertragen können.
Cohen: Das war einfach eine einzigartige Konstellation. Es hätte nie geklappt, wenn nicht auch Tim Renner involviert gewesen wäre, der über Jahre hinweg bewiesen hat, wie unkonventionell man auch innerhalb eines Konzerns agieren kann. Motor Music hat allen gezeigt, wie man Konzernstrukturen auch zu seinem Vorteil ausnutzen kann. Nun hat er inzwischen den Vorteil, dass er ein Exot mit Entscheidungsbefugnis ist. Sie müssen sich das so vorstellen: Auf den internationalen Konferenzen von Universal Music sind 99 Prozent Anzugträger vertreten. Der einzige, der neben dem Island-Gründer Chris Blackwell herausstach, war Tim Renner. Boris Löhe wusste eben genau, wen er sich für sein Vorhaben Def Jam Germany als Verbündeten holen musste. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für mich klar, dass es mit den deutschen Kollegen klappen kann. Und dann kam noch eine Persönlichkeit wie der Bär dazu. Sie können soviel Holz aufschichten wie Sie wollen – ohne den Funken gibt es kein Feuer. Dafür gibt es Bär Läsker. Er trat nämlich bei uns nicht als Bittsteller auf, sondern er diktierte uns die Bedingungen, zu denen er bereit wäre, den Job zu übernehmen. Das gefiel mir.
MW: Welche Bedingungen?
Cohen: Das waren fast zu viele. Und einige davon könnten uns noch Ärger bereiten. Aber Spaß beiseite: Wir mussten auch erst lernen, dass es für jemanden wie Andreas Läsker eine große Verantwortung ist, die Marke Def Jam in Deutschland zu repräsentieren. Es geht dabei weniger um Geld als um das Image der Marke und um das Image von Bär Läsker.
Caparro: Er ist aber genau der Richtige, wenn es darum geht, für Def Jam so wichtige Kriterien wie Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit zu verwirklichen.
MW: Ist es nur folgerichtig, dass der „Fünfte der Fantastischen Vier“ nach seiner Starthilfe für deutschen HipHop nun auch Wegbereiter für Def Jam Germany ist?
Andreas „Bär“ Läsker: Ich bin ja nur ein freier Berater. Und Boris Löhe kenne ich schon seit zwölf Jahren. Damals war er Dance-A&R bei der EMI. Er war der erste, der die Ehre hatte, ein Demotape der Fantastischen Vier abzulehnen. Und irgendwann fragte er mich, ob ich mich in dieser Sache engagieren will und schickte mich nach New York.
Cohen: Genau das ist der Punkt: Wenn Boris Löhe mir einen Anzugträger geschickt hätte, wäre Def Jam Germany wohl nicht so schnell Realität geworden. Es geht schließlich darum, die Marke Def Jam glaubwürdig zu repräsentieren.
MW: Dann haben Sie also die gleiche Vision wie Def Jam?
Läsker: Die Vision entstand bereits vor 18 Jahren in New York. Wir wollen sie jetzt für den deutschen Markt adaptieren.
MW: Wieviel Vertrauen muss eine amerikanische Plattenfirma in den deutschen Markt haben, um hier eine Niederlassung zu gründen?
Cohen: Ich finde das gar nicht so ungewöhnlich. Ich glaube, dass Rap als Kunstform ganz simpel funktioniert. Es geht um Teenager, die miteinander in kryptischer Manier kommunizieren, ohne dass ihre Eltern etwas davon verstehen. Das lässt sich doch nicht auf New York beschränken.
MW: Warum kam dann der Schritt über den Teich nicht schon zehn Jahre früher?
Cohen: Das haben wir ja versucht. Es wollte nur niemand auf mich hören. Ich war damals der Barbar, der Revoluzzer und Antichrist. Von den Anzugträgern wollte sich doch keiner mit mir an einen Tisch setzen. Ich war die Person, von der alle dachten, sie sei hoffentlich bald verschwunden. Jetzt habe ich hier noch ein paar andere Revoluzzer und Antichristen gefunden, die mit mir am gleichen Strang ziehen.
Löhe: Bei einer Labelgründung geht es nicht zuletzt auch um die Förderung von lokalem Nachwuchs. Vor zehn Jahren hatten wir in Deutschland noch nicht das Potenzial an Nachwuchskünstlern, das diesen Schritt gerechtfertigt hätte. Damals gab es nur Kopien amerikanischer Vorbilder. Heute hat jedes europäische Land seinen eigenen Stil im HipHop entwickelt. Wir sind vielleicht spät dran, aber nicht zu spät.
Läsker: Wir sind nicht spät dran. Wir kommen gerade rechtzeitig, um die sich entwickelnde nächste Generation zu begleiten. Deutscher HipHop ist erwachsen genug, um wieder jung zu sein.
Cohen: Zu früh, zu spät. Wenn jemand zu mir kommt und mir erzählt, „Du musst diese Platte jetzt veröffentlichen. In einem halben Jahr ist es vielleicht zu spät“, dann lasse ich die Finger davon. Man darf die Dinge eben nicht überstürzen oder erzwingen. Seitdem bekannt wurde, dass wir eine Filiale in Berlin eröffnen, bekomme ich Anrufe aus der ganzen Welt, die ein Def Jam Japan oder ein Def Jam Polen fordern.
MW: Gibt es denn Pläne für weitere Def-Jam-Filialen?
Cohen: Aber natürlich. Lernt schon mal Polnisch, Herrschaften.
MW: Es gibt für die Niederlassung eine neue Mannschaft in Berlin – mit Oliver Dallmann hat dort ein noch unverbrauchtes Gesicht die Verantwortung. Aber Def Jam Germany ist dem Mercury-Büro in Hamburg unterstellt. Wie wird die Arbeit im Alltag aussehen? Wie unabhängig kann ein Majorlabel agieren?
Löhe: Oliver Dallmann ist ein Mensch, der HipHop lebt und einen Draht zur Szene hat. Er betreute früher bei Mercury die Def-Jam-Themen und die US-Künstler lieben ihn. Wir wollen diese Zugehörigkeit von Def Jam Germany zu Mercury gar nicht betonen. Das Label soll so unabhängig wie möglich arbeiten können. Wir lassen dem Team in Berlin genug Freiheit. Ich bin schließlich nicht der allwissende Geschäftsführer.
Cohen: Majors gehen oft den falschen Weg: Sie kaufen kleine Kreativzellen auf, integrieren sie und verdauen sie. Wir wollen sie groß machen.
Tim Renner: Es ist genau anders herum: Ein Konzern kann es sich doch gar nicht mehr leisten, nicht wie ein Indepent zu arbeiten. Die Frage ist vielmehr: Wie kontrolliert man als Label oder als Mitarbeiter einen Major-Konzern?
MW: Also eine Revolution von innen?
Läsker: Das ist doch schon seit Jahren Tim Renners Fachgebiet.
MW: Werden die Künstler das auch so verstehen?
Löhe: Das kann man ihnen nicht erklären. Das müssen die Künstler schon selbst herausfinden und fühlen.
Cohen: Das ist für beide Seiten enorm wichtig, für die Künstler ebenso wie für die Firma. Man muss der Artist-Community eine gewisse Teilhabe einräumen.
Caparro: Wir erleben jetzt genau das Gegenteil von dem, was vor zwei Jahren prognostiziert wurde, als Universal mit PolyGram fusionierte: Das Ende der Kreativität und des visionären Unternehmertums wurde uns vorausgesagt, keine Förderung von Nachwuchskünstlern mehr. Umso größer ist für mich nun das Erfolgserlebnis.
MW: Wie definiert sich der Erfolg für Def Jam Germany? Wie viele Einheiten müssen Sie verkaufen, damit es ein Erfolg wird?
Cohen: Erfolg ist relativ. Ich hatte zum Beispiel bis vor vier Jahren keine Finanzabteilung. Trotzdem fühlte ich mich 14 Jahre lang erfolgreich. Ich besaß auch nie Visitenkarten. Ich bin der Auffassung, dass mein Künstlerstamm genug Auskunft über mich gibt. Ich messe Erfolg am Respekt, den man mir entgegen bringt.






