Deutschland vorn mit Guildo Horn?

Guildo Horns Teilnahme am 43. Grand Prix d’Eurovision de la Chanson in Birmingham sorgte bereits im Vorfeld für Schlag(er)zeilen. Und der NDR rechnet mit gigantischen Einschaltquoten. Heinz W. Arndt blickt für MUSIKWoche und ebiz.de auf die 42jährige Geschichte des Schlagerwettstreits zurück.

Die Endausscheidung am 9. Mai entwickelt sich zum nationalen Fernsehereignis – Balsam auf die Seele von Jürgen Meier-Beer, 47, Unterhaltungschef des Norddeutschen Rundfunks, der seit einigen Jahren für die ARD federführend überträgt: „Für alle Beteiligten war Guildo der absolute Glücksfall.“

Dabei liegt der Tiefpunkt nur zwei Jahre zurück: Erstmals konnte sich 1996 der deutsche Beitrag – die Hanne-Haller-Komposition „Blauer Planet“, interpretiert von Leon – wegen des Vetos einer international besetzten Jury nicht qualifizieren. Prompt blieben die Bildschirme dunkel – ein Novum in 40 Jahren deutscher Grand-Prix-Geschichte. Nur vier dritte Programme klinkten sich in die Übertragung aus Oslo ein.

Das Koma hatte sich schon im Jahr zuvor in Dublin angekündigt. Das Duo Stone & Stone trat an mit dem Titel „Verliebt in Dich“ – und scheiterte. Ein einziger Punkt von Malta bedeutete den letzten Platz. 1997 sah die Bilanz kaum besser aus: Bianca Shomburg versicherte sich der Mithilfe Ralph Siegels und landete auf Platz 18.

„So gesehen konnte es nur einen geben, um diese Pechsträhne zu durchbrechen“: den Meister. Mit dieser Meinung steht Horns Manager Johannes Kram nicht alleine da. Die halbe Nation erwidert des Meisters Refrain „Guildo hat euch lieb“. Und sie wird sich deshalb millionenfach vor dem Fernseher einfinden, um Deutschlands „erste singende Nußecke“ siegen zu sehen.

Schon der erste europäische Liederwettstreit 1956 hatte es in sich. Mangels Masse konnten die teilnehmenden Länder jeweils zwei Interpreten nach Lugano ins Rennen schicken. Freddy Quinn schmetterte „So geht das jede Nacht“, und Walter Andreas Schwarz intonierte „Im Wartesaal zum kleinen Glück“, womit er prompt als Zweiter hinter Lys Assia landete. Sieben Länder berichteten live, in Deutschland gab es bei jener ersten Übertragung des „Grand Prix de la Chanson Europeenne de Radiodiffusion“, wie er damals hieß, rund 400.000 angemeldete TV-Geräte.

Bis 1970 schaffte es kein deutscher Vertreter aufs Treppchen – bis Katja Ebstein (links) auf der europäischen Bühne erschien: Sie belegte in Amsterdam mit „Wunder gibt es immer wieder“ und ein Jahr später in Dublin mit „Diese Welt“ jeweils Platz drei. Mary Roos tat es ihr gleich: Sie wurde 1972 – im gleichen Jahr, in dem Vicky Leandros mit „Apres Toi“ für Luxemburg siegte – in Edinburgh mit „Nur die Liebe läßt uns leben“ Dritte. Bis in die Achtziger herrschte für die Deutschen dann Ebbe. Unterdessen begann 1976 mit den Les Humphries Singers und ihrem Titel „Sing Sang Song“ für die Bundesrepublik eine neue Zeitrechnung: Ralph Siegels erste von elf Teilnahmen – er kam über einen 15. Platz nicht hinaus.

1980 startete Siegel für Deutschland und Luxemburg gleichzeitig und sahnte ab. Mit „Theater“ wurde Katja Ebstein für Deutschland Zweite, verkaufte sich aber schlechter als „Papa Pingouin“ mit Sophie & Magaly (Platz 9, über eine Million verkaufte Einheiten). 1981 schickte Siegel in Dublin Lena Valaitis mit „Johnny Blue“ ins Rennen und wurde abermals Zweiter.

1982 schließlich der Triumph: Mit „Ein bißchen Frieden“ singt sich in Harrogate die 17jährige Nicole Hohloch (rechts) aus Neunkirchen an die Spitze. In der Folge trat Siegel kürzer – landete aber mit der Gruppe Wind (unten) 1987 und 1992 noch zwei zweite Plätze.

Im Zusammenhang mit dem kürzlichen „Schlagerkrieg“ ist Siegel eine Aussage hinsichtlich seiner Erfolge besonders wichtig: „Hätte ich 1994 mit Mekado und dem Titel,Wir geben ’ne Party heut‘ nacht‘ nicht Platz drei gemacht, gäbe es Guildo Horn auf europäischem Parkett gar nicht.“ Der Altmeister hat recht. Zwar ändern sich die Regeln zur Teilnahmeberechtigung alle Nase lang – dennoch besagt die derzeit gültige Fassung, daß zur Teilnahme nur das Land berechtigt ist, das sich dem Punktedurchschnitt der letzten vier Jahre zufolge unter den ersten 25 plazieren kann – das gelang Deutschland nur dank Mekado.

Apropos Änderung: Wie jüngst durchsickerte, werden auch obige Regeln bald Makulatur sein. 1999 würde neben Italien auch Deutschland die Teilnahme verwehrt bleiben. Eine diesbezügliche Entscheidung soll nach Birmingham bekanntgegeben werden.