Branchentreff zur Zukunft der Musik: Leergut für den Endverbraucher

Kontroverse Standpunkte prägten die Diskussion beim „5. Branchentreff Music City Hamburg“. Die Frage nach der Architektur künftiger Musikfirmen führte die Teilnehmer rasch in eine lebhafte Repertoire-Debatte.

“Das Musikunternehmen der Zukunft – wie wird es aussehen? Kreativer, kommerzieller, künstlerischer oder auf ein minimales Kerngeschäft reduziert?“ Diese brisanten Fragen bildeten das Thema, über das am 19. Dezember im Rahmen des „5. Branchentreff Music City Hamburg“ diskutiert wurde. Teilnehmer waren Dr. Christina Weiss (Kultursenatorin, Hamburg), Heinz Canibol (EMI Electrola, Köln), Burkhard Järisch (Daimler Chrysler Research – Jugendforschung, Berlin), Eckhart Gundel (BMG Ariola, Hamburg), Franz Plasa (Home Studios, Hamburg), Andreas Schulz (NDR Online Service), Frank Otto (Frank Otto Medienbeteiligungs GmbH & Co. KG), Axel Schulz (SPW/Hot Action Records) und Prof. Werner Hay (Deutsche Phono-Akademie, Hamburg).

Prof. Werner Hay eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: „Wie die Musikwirtschaft morgen und übermorgen aussehen wird, wissen wir selber nicht so genau, aber vielleicht werden wir uns durch die Diskussion einer Antwort etwas nähern.“ Doch schon beim Thema ‚Künstleraufbau und diesbezüglicher Hilfen auch seitens der Politik‘ ging es eher kontrovers zu.

Dem Manager der Ärzte, Axel Schulz, erscheint die Loslösung von herkömmlichen Strukturen der Industrie unausweichlich, die Gründung von eigenem Label und Musikverlag daher zukunftsweisend: „Das erspart sehr viel Arbeit. Man muss nicht mehr mit so vielen verschiedenen Instanzen die einzelnen Sachverhalte durchdiskutieren. Sämtliche Erfahrungen wandern als Resultat in das eigene Unternehmen. Ich muss mich nicht mehr mit Plattenfirmen oder mit Musikverlagen über marketingstrategische Notwendigkeiten unterhalten, sondern wir machen es einfach.“

Eckhart Gundel wehrte sich gegen pauschale Kritik an der Marketingorientierung der Majors wie auch an der „Big-Brother“-Vermarktung. Gundel: „Es geht darum, was die Zielgruppen interessiert, womit das Publikum seinen Spaß hat. Man kann sicherlich darüber streiten, ob der Container ein Leergutunternehmen ist. Leergut im Sinne von etikettieren, abfüllen und verkorken – und der Endverbraucher säuft die Flasche aus und weg ist sie. Es ist aber in vielen Medienbereichen so, dass nur von Bekanntheitsgraden gelebt wird oder von Identifikationsfaktoren. Das betrifft nicht nur die Musik, sondern auch die Farbe des Handys, die Pokémon-Produkte oder Zeitschriften.“ Gundel nannte die Vermarktung der „Big-Brother“-Figuren á la Zlatko „einen ganz wichtigen Schritt“, um sich in der Industrie mehr mit aktuellen Szenarien der Vermarktung auseinander zu setzen. „Die Kritik, die sich die Industrie zuschreiben sollte, muss zu der einzig richtigen Frage führen, nämlich was tun wir eigentlich und was wird daraus?“

Für Heinz Canibol bedeutete das aktuelle Beispiel des Beatles-Albums „1“ auch einen Hinweis darauf, dass man wegen „der allseits grassierenden Zukunftsängste zu Aktionismus aller Art greift und dabei ignoriert, welche Katalog-Juwelen es gibt und über welche Möglichkeiten wir mit unseren Back-Katalogen eigentlich verfügen.“ 13,5 Millionen Exemplare des Beatles-Albums waren bis zu diesem Abend weltweit verkauft worden. Canibol wies darauf hin, dass es nicht nur am neuen Cover für alte Hits liegen könne, wenn derartige Umsätze mit den Beatles heute gemacht würden. Er führte aus: „Wir sprechen hier bei ‚Big Brother‘ von einem aktuellen Zeitphänomen, das den Markttrend bestimmt, und der wird befriedigt. Und wir sprechen bei den Beatles von einem Musikphänomen, was auch 30 Jahre später noch funktioniert.“ Der EMI-Chef beschrieb die zukünftigen Aufgaben der Musikindustrie daher so: Erstens müsse man Angebote für den Markt kreieren und dann herausfinden, ob der Markt sie annimmt oder nicht. Zweitens gehe es darum festzustellen, wo und welche Trends liefen und wie man diese in Verbindung mit Musik bringen könne.

Eckhart Gundel nannte dies „eine Art Dialog mit der Zukunft“. Gundel: „Der Beatles-Erfolg ist eigentlich eine Backpfeife für alle Kopplungsfetischisten, denn das ist eine Katalogarbeit, die vom ersten Stück an durchgezogen wurde. Vielleicht weiß das gar nicht jeder, aber viele Beatles-Singles sind nie auf den Alben gewesen und nie verkoppelt worden. Und dann kann man sich natürlich nach einem bestimmten Zeitraum diese Millionen oder Milliarden von Pfund irgendwann wiederholen. Dazu muss man aber natürlich auch über Qualität reden und nicht über Quantität. Und das ist das Hauptproblem. Deshalb ist dieses Nummer-eins-Album wirklich ein wegweisender Schritt, nur werden es wieder nur zwei Drittel aller Beobachter kapieren.“

Hamburgs Kultursenatorin Christina Weiß betrachtete das Diskussionsthema mit Blick auf ihr Haushaltsbudget, mit dem sie Partner der Musik- und Kulturindustrie sein will. Weiss: „Gerade in dem Bereich, über den wir jetzt hier diskutieren, wo wir also auch in den letzten Jahren gezielte Förderung im Bereich der Rock- und Pop-Musik betrieben haben, da wird das Geld nie reichen. Aber fragen muss man dann auch, zum Beispiel wie sieht es überhaupt mit dem Interesse an Live-Musik aus? Was wird als Live-Musik definiert bei den jungen Leuten? Die traditionellen Formen der Musik mit einer Band oder Sängerin oder einem Pianisten verändern sich sehr stark, was uns alle hier betrifft.“

Für Prof. Werner Hay war an diesem Punkt klar, dass „man eben nur zusammen mit der Politik gemeinsam etwas tun könne“, womit man in Hamburg auf etlichen Feldern bereits begonnen habe, wie auch dieses Diskussionsforum beweise. Nach Ansicht des Medienunternehmers Frank Otto erklären sich die akuten Probleme auch aus einem fundamentalen Wandel der Musikrezeption gerade bei Kindern und Jugendlichen, also den neuen und heftig umworbenen Kunden. Otto: „Die Kids heute sind bezüglich der Musik sehr technikorientiert. Der Markt bietet auch eher Computerprogramme mit Sound-Modulen oder Samplern, die man dann mehr oder weniger geschickt zusammensetzen kann. Das ist eine eigene Kunstform geworden und so attraktiv, weil man nach relativ kurzer Beschäftigungszeit schon zu ganz hörbaren Ergebnissen kommt.“

Für Otto ein Beispiel von hohem Symbolwert. Es entspreche eben unserer Zeit, was sich auch in den Tonträgerunternehmen abbilde. „Wir haben nicht mehr die Zeit uns drei, vier, fünf Jahre mit irgend etwas auseinander zu setzen, bis wir auch nur soweit sind, dass überhaupt jemand anderes geneigt ist, sich das mal anzuhören. Heute muss alles schnell gehen. Insofern sind die Programmierer schon fast die Leute, die uns sagen, wohin Musik geht.“ Für Heinz Canibol war das Ergebnis der Veranstaltung jedenfalls recht eindeutig, wie er im Anschluss der MUSIKWoche zu Protokoll gab: „Wenn wir hier heute Abend tatsächlich das Konzept für die Plattenfirma der Zukunft gefunden hätten, würde ich mir jetzt das Protokoll der Diskussion kommen lassen und morgen einen Termin bei einem Patentanwalt wahrnehmen“.

Die HWF Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung mbH unterstützt als privatwirtschaftliches Beratungsunternehmen wachstumsstarke Firmen bei der Verwirklichung von Expansions- oder Investitionsprojekten in Hamburg. Gesellschafter der HWF sind die Freie und Hansestadt Hamburg, Handels- und Handwerkskammer sowie ein Konsortium aus Geschäftsbanken. Zusammen mit der Deutschen Phono-Akademie, dem Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen (VUT) und dem Veranstalter Uriz von Oertzen (Hi-Life) gehört die HWF zu den Initiatoren des seit 1998 halbjährlich stattfindenden Branchentreffs „Music City Hamburg“. Rund 300 Musikschaffende, Verantwortliche aus Kultur, Wirtschaft und Politik nutzen diese Kommunikationsplattform als Diskussionsgrundlage und zum Aufbau eines breit gefächerten Netzwerkes. MUSIKWoche-Korrespondent Jürgen Stark moderierte die Podiumsdiskussionen der letzten beiden Branchentreffs.