MUSIKWoche: Zum ersten Mal in der Firmengeschichte hat Viacom Umsatzzahlen für MTV Central ausgewiesen. Der Sender steht demnach finanziell weitaus besser da, als viele vermutet hatten. Aus welchem Grund haben Sie diese Zahlen nicht früher veröffentlicht?
Bill Roedy: Die Viacom-Politik sah immer vor, keine Umsatzzahlen zu veröffentlichen. In Deutschland haben wir nun eine Ausnahme gemacht, weil wir glauben, daß MTV Central und der deutsche Fernsehmarkt in der Vergangenheit oftmals zu Unrecht kritisiert wurden. Zahlreiche Medienkonzerne begannen bereits Überlegungen anzustellen, ob denn die Bundesrepublik auch in Zukunft noch einer ihrer Kernmärkte sein solle. Die deutsche Fernsehlandschaft gilt aus kaufmännischer Sicht als eine der schwierigsten. Wir hingegen glauben weiterhin, daß Deutschlandeines unserer wichtigsten Geschäftsfelder bleiben wird. Und dies wollten wir nicht zuletzt mit der Veröffentlichung unserer Umsätze deutlich machen.
MW: Wird es auch Umsatzzahlen aus anderen Bereichen des Viacom-Konzerns geben?
Roedy: Nein. Sicher wollten wir mit den Zahlen endlich für mehr Transparenz sorgen. Aber im Grunde wollten wir einer mir unverständlichen negativen Grundstimmung in der deutschen Fernsehlandschaft entgegentreten. Das Gerede, Deutschland sei ein schlechter Ort, um mit Satellitenfernsehen Geschäfte zu machen, ist einfach unnötig. Im Gegenteil: MTV geht es gut, Deutschland ist ein profitabler Markt.
MW: MTV gibt es fast auf der ganzen Welt, seit kurzem auch in Rußland. Bleiben denn überhaupt noch weiße Flecken auf der Landkarte, die sie „erobern“ können?
Roedy:Die weißen Flecken gab es auf alle Fälle in Deutschland. Wir haben ja aus Sicht der Konkurrenz etwas sehr Unverfrorenes getan: Durch die zusätzliche Aufschaltung auf den Satellitentransponder Astra 1 B erhöhen wir die technische Reichweite von MTV Central um rund elf Millionen Haushalte. Wir erreichen auf diese Weise insgesamt 87 Prozent aller Zuschauer in Deutschland. Das ist einer der höchsten Penetrationsgrade in der ganzen Welt, selbst im Vergleich mit Fernsehsendern in den Vereinigten Staaten. Wir erreichen jetzt ein wesentlich größeres Publikum als etwa Viva. Das ist für MTV eine äußerst spannende Phase, denn jetzt haben wir unsere Zuschauerzahl um ein Drittel erhöht.
MW: Reicht denn eine Vergrößerung der Reichweite aus, um Viva die Marktführerschaft in Deutschland streitig zu machen?
Roedy: Nicht nur. Wir sehen das eher ganzheitlich. Zum Jahreswechsel unterziehen wir MTV Central einer Schönheitskur. Unsere Investitionen betreffen nicht nur die Technik, sondern in beträchtlichem Maße auch das Programm. Das Erscheinungsbild des Senders wird vollständig überarbeitet: neues Design, neue Sendungen und neue Moderatoren.
MW: Im April übernahm Christiane zu Salm die Geschäftsführung von MTV Central. Seither hat sich einiges getan. Wieviel von der positiven Entwicklung geht dabei auf ihr Konto?
Roedy: Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es unfair, sich dazu zu äußern und Christiane zu Salm eine noch größere Last aufzubürden. Sie ist jedoch eine große Bereicherung für MTV, und wir haben vollstes Vertrauen zu ihr. Natürlich hat sie einen sehr guten Start hingelegt, aber das ist erst der Anfang. Sie hat alle Freiheiten, die sie braucht, um MTV wieder an die Spitze zu führen. Wir haben ihr komplette Autonomie eingeräumt, sie trifft alle Entscheidungen selbst. Und wenn wir in der Zentrale in London Glück haben, erzählt sie uns sogar vorher, was sie plant. Frau zu Salm weiß genau, was sie tut.
MW: Aufgrund der Konkurrenz von Sendern wie Viva oder Channel (V) in Asien hat sich die Positionierung von MTV in der Vergangenheit oft geändert. Wie gehen Sie inzwischen mit Ihren Mitbewerbern um?
Roedy: Zunächst möchte ich vorausschicken, daß wir die Erfinder dieses Konzepts sind. Wir begannen in den USA im Jahr 1981 mit der Übertragung, 1987 in Europa. Nur weil wir seit über 17 Jahren international erfolgreich sind, kamen andere überhaupt auf die Idee, ihren Hut in den Ring zu werfen. Es gibt weltweit rund 100 Musiksender, und alle kopieren MTV. Das finden wir durchaus schmeichelhaft. Manche diese Sender sind sogar wettbewerbsfähig. Die zwei Sender, die uns am meisten Kopfzerbrechen bereiten, sind sicherlich Viva und Channel (V). Aber diese Konkurrenz ist gut – gut für uns und für unsere Kunden.
„Die Eigner von Viva sitzen im Ausland“
Das Besondere an unseren Hauptkonkurrenten ist, daß sie keine unabhängigen Sender, sondern im Besitz von Plattenfirmen sind. Das möchte ich hier gerne einmal festhalten: Viva ist kein deutscher Sender, die Mehrheitseigner sind Plattenfirmen aus dem Ausland. Im Unterschied zu Viva war jedoch Channel (V) ein Projekt von MTV, das wir in Kooperation mit Star Television ins Leben riefen, um in den asiatischen Markt einzusteigen. Wir mußten jedoch bald erkennen, daß wir mit einem eigenen Sender besser beraten sind. Star Television änderte daraufhin nur das Logo von Channel (V) und sendete mit einem MTV-Konzept. Kein Wunder, daß sie anfangs so erfolgreich waren. Doch inzwischen haben wir die Marktführerschaft in Asien in allen Belangen zurückerlangt.
MW: Was hat Viva, was MTV nicht hat? Und wie wollen Sie dagegen angehen?
Roedy: Was Viva zweifelsohne geschafft hat, war, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, ihr Sender zu sein. Doch darauf haben wir ja bereits vor über einem Jahr reagiert, als wir begannen, auf deutsch zu senden. Das wird auch in Zukunft in allen Sendebereichen unsere Stärke sein: lokaler Sachverstand und lokales Programm. Ich gestehe sogar zu, daß Viva das zum Teil auch erfüllt. Was Viva jedoch niemals leisten kann, ist, über den Tellerrand Deutschlands hinauszusehen. MTV kann seinen Zuschauern zusätzlich zur lokalen auch noch die „große weite“ Welt bieten und beide Teile in einen Kontext stellen. Sicherlich wollen deutsche Kids über deutsche Stars und deutsche Events informiert sein. Aber genauso wollen sie wissen, was in der Welt passiert. Das leistet nur MTV, und mit unserer Reichweitenerhöhung degradieren wir Viva fast zum Minderheitenprogramm.
MW: Die deutsche Branche hat sich oft über den programmatischen Schlingerkurs von MTV gewundert. Wie gut kennen Sie eigentlich ihre Zielgruppe?
Roedy: Das Wichtigste ist, eine enge Bindung zum Publikum zu haben. Wir machen Untersuchungen und kennen unsere Zuschauer sehr genau. Wir gehen sogar noch weiter und stellen einige von ihnen ein. Musikalisch haben wir uns des öfteren verändert. Genaugenommen dreimal. Aber das halte ich im Sinne eines evolutionären Prozesses für duldbar. Es geht uns aber nicht nur um Musik. Es geht uns auch um eine Haltung. Gerade was gesellschaftliche Themen betrifft, bezieht MTV eindeutig Stellung – ob es nun die Wahlen in Deutschland waren oder der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember. Darüber hinaus schafft es MTV inzwischen, ohne stur Top-40-Titel zu spielen, deutsche Künstler zu fördern. Das ist uns ein besonders wichtiges Anliegen. Ich war kürzlich in der größten Diskothek Südkoreas – und was habe ich gehört? Deutsche Dance-Musik. Noch vor fünf Jahren wäre das undenkbar gewesen. Das ist sicherlich mit ein Verdienst von MTV. Wir wollen weniger bekannten Künstlern und der Industrie helfen, neue, gute Musik populär zu machen.
MW: Erkennt die Musikbranche diesen Ehrgeiz an?
Roedy: Na ja. Ich glaube, das wird immer eine Haßliebe bleiben. Aber die Musiker schätzen uns dafür.
MW: Was ist Ihnen wichtiger – Anerkennung von den Künstlern oder von der Branche?
Roedy: Da unser Erfolg oder Mißerfolg direkt mit dem der Industrie verbunden ist, muß die Antwort lauten: beides. Aber trotzdem: Die Künstler sind uns äußerst wichtig.
MW: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: MTV will aus Hamburg wegziehen. Sie planen eine neue Show aus Berlin. Ist das eine Ortsbeschreibung für die Möbelpacker?
Roedy: Es stimmt, wir sehen uns gerade um. Aber bislang gibt es noch keine Entscheidung. Ich fände es jedoch gut, mehrere Standorte in Deutschland zu haben. Berlin gehört sicher die Zukunft, aber auch Frankfurt, Hamburg, München und sogar Köln sind Städte, die in Frage kommen.
MW: In den Achtzigern war MTV die innovative Kraft der weltweiten Jugendkultur. Welche Rolle spielt der Sender an der Schwelle eines neuen Jahrtausends?
Roedy: Wir wollen unsere Verbreitung noch weiter optimieren, bis uns irgendwann jeder auf dem Globus sehen kann. Und dazu gehört auch, sich immer wieder neu zu erfinden und sich nicht einfach auf seinen Lorbeeren auszuruhen.
MW: Was waren die größten Fehler, die MTV gemacht hat?
Roedy: Zuviele, um sich an alle erinnern zu können. Ich selbst mache auch jeden Tag Fehler, aber das ist in Ordnung. Wesentlich wichtiger ist es, Mut zu haben und sich zu engagieren.
MW: Wer wird Ihrer Meinung nach Sumner Redstone als Vorstandsvorsitzender von Viacom ablösen?
Roedy: Das ist die 100.000-Mark-Frage. Zum Glück haben wir rund 500 Leute, die die Qualifikation dafür hätten. Aber Sumner Redstone denkt im Moment noch gar nicht ans Aufhören.
MW: Wenn Sie heute noch einmal vor der Wahl stünden, welchen Posten würden Sie lieber annehmen – Chef von MTV oder Kommandeur der alliierten Truppen im ehemaligen Jugoslawien?
Roedy: Was glauben Sie wohl? Ich bin in der glücklichen Lage, sagen zu können, daß ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Was will ich mehr?





