Die Musikbranche befinde sich in einem Prozess des Umbaus, aus dem heraus die neuen Strukturen für die Musikwirtschaft von Morgen entstehen, wie EMI-Chef Heinz Canibol im Rahmen der Diskussion feststellte: „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der zukünftige Geschäftsführer eines Majorlabels zum Beispiel Moses P. heißen könnte. Der Generationswechsel in der Industrie kommt automatisch.“ Doch gebe es ein negatives Phänomen, mit dem sich die gesamte Branche herumschlage: „Den neuen übergreifenden musikalischen Trend, wie wir ihn in den 70er und in den 80er Jahren gewohnt waren, gibt es anscheinend nicht mehr.“
Die Gründe dafür seien laut Canibol in einem „abnehmenden Konfliktpotenzial in der westlichen Welt“ zu suchen. Das Problem sei sogar in den Familien verankert. Der Jugendprotest als Motor musikalischer Innovationen sei durch den neuen Typ des Dauerjugendlichen nicht mehr ausschlaggebend. Canibol stellte fest: „Ich habe leider keine Kinder, hätte ich welche, dann würde ich mit ihnen gemeinsam zu einem Stones-Konzert und genauso zu einem DJ-Abend gehen. Da gibt es dann keinen Konflikt mehr, der eine neue und revolutionäre Musikentwicklung noch beflügeln könnte.“
Im Laufe der Podiumsdiskussion führten derartige Äußerungen schließlich zur Kontroverse über die Relevanz von Musikförderung jeder Art. Eckhart Gundel, Geschäftsführer BMG Ariola Hamburg, zeigte sich als ein Gegner von Fördermaßnahmen und stellte die vermeintlich wohltätigen Ansätze generell in Frage:“Ich bin ein Hasser von Artenschutzprogrammen. Sie führen schließlich zu einem von allen Seiten geförderten Rockmusiker, der bei ‚Wetten, dass…?‘ in einem Glaskäfig sitzt.“ Der notwendige Schutz des Künstlers entstehe durch die Resonanz beim Publikum. Zudem sei Förderung kaum noch sinnvoll definierbar, da es den Musiker mit einem fest umrissenem Handwerk gar nicht mehr gebe: „Derjenige, der zwei Plattenteller bedienen kann und dafür sorgt, dass 6000 Leute abtanzen, ist für mich genauso ein Musiker wie jemand, der zum Beispiel 18 Harmonien in absolut irrsinniger Folge aufs Gitarren-Griffbrett zaubert.“
Diesem Standpunkt wurde im Rahmen der Diskussion heftig widersprochen. Medienunternehmer Frank Otto, Geschäftsführer der Frank Otto Medienbeteiligungs GmbH & Co. KG, griff das Beispiel der Schulförderung durch die Deutsche Phono-Akademie auf und beklagte einen Mangel an Kompetenz bei den verantwortlichen Politikern: „Es gibt einen Feldversuch in der Schweiz mit mehreren tausend Teilnehmern, in dessen Rahmen den Kindern fünf Hauptfachstunden pro Woche gestrichen und durch Musikstunden ersetzt wurden. Nach drei Jahren mussten diese Schüler eine Prüfung ablegen. Das Ergebnis war, dass diese Musikschüler in allen Hauptfächern bessere Leistungen erbrachten.“ Vor allem in den Sprachfächern seien die Musikschüler den anderen deutlich überlegen gewesen. Laut Otto sei dies ein deutliches Indiz dafür, dass „Musikunterricht kreatives Denken und ein entsprechendes Bewusstsein fördert.“
Hamburgs Kultursenatorin Christina Weiß beschrieb im Anschluss das Dilemma staatlicher Förderung: „Zunächst müssen Kulturpolitiker bei ihrem Amtsantritt erst einmal alles übernehmen, was traditioneller Förderung entspricht.“ Zahlreiche Gäste stellten an dieser Stelle aufgebracht die Frage nach der kulturellen Chancengleichheit angesichts des Hamburger Kultur-Etats: Dieser bringe rund 96 Millionen Mark fast ausschließlich für den „E“-Betrieb wie die Staatsoper und klassische Orchester auf, stelle für den Popularbetrieb aber nur Mittel unterhalb der Grenze von einer Million Mark zur Verfügung.
Weiß trat allerdings einem geforderten Kurswechsel entgegen und hob das Engagement ihrer Behörde hervor: „Wenn wir Institutionen je nach Gusto einfach wieder kippen könnten, wäre das für das Kulturleben oder für die Kulturlandschaft auch nicht gut. Doch gerade in dem Bereich, über den wir hier diskutieren, haben wir in den letzten Jahren eine gezielte Live-Musik-Förderung für Rock- und Pop-Musik betrieben. Außerdem gewannen wir in der Deutschen Phono-Akademie und im vergangenen Jahr mit Viva Zwei starke Partner aus der Privatwirtschaft. So steigerten sich unsere Mittel, und wir konnten nicht nur Prämien für Live-Musik-Clubs vergeben, sondern manchmal sogar Nothilfe leisten, wenn ein Club kurz vor dem Ende war.“ Abschließend betonte sie, dass „nicht nur philharmonische und klassische Konzerte zur Kultur gehören, sondern alle Formen von Musik“. Die Politik müsse dem Rechnung tragen.
Erneut warf Eckhart Gundel ein, dass Förderung und Markt sich nicht vertragen: „Der Auftrag der Unterhaltungsindustrie und der gesamten Medienkonzerne besteht momentan in einer Strategie des Scheins. Künstler müssen heute Darsteller sein, wenn sie ihre Musik verkaufen. Sie können nicht einfach ernsthaft eine Mission verkünden.“ Förderung sei daher „Luxus“, und den müsse sich die gesamte Branche laut Gundel erst einmal leisten können.
Dagegen betonte Prof. Werner Hay als Geschäftsführer der Deutschen Phono-Akademie wie wichtig eine umfassende Förderung sei. Diese gehöre in anderen Industriezweigen wie selbstverständlich dazu und sei dort sogar begehrtes Objekt einer gezielten Lobbyarbeit: „Ohne Förderung verliert die Musikindustrie ihre Fans von morgen. Außerdem lassen wir uns die Möglichkeit entgehen, gut geschulte Talente aufzubauen, die die Stars von morgen werden. Und schließlich überlassen wir das Freizeit-Terrain zunehmend anderen Anbietern, die sich über ein geringeres musikalisches Interesse bei den Kids nur freuen werden.





