Recorded & Publishing

Musica-Chef Herbert R. Kollisch zum Revival der Traditionsfirma

Von einigen bereits tot gesagt, steigt die altehrwürdige Plattenfirma Musica wie Phönix aus der Asche in den Pophimmel. Mit Acts wie Nickelback oder Xavier Naidoo stürmt sie die heimischen Charts, und Geschäftsführer Herbert R. Kollisch ist zuversichtlich, dass er den Umbau der Firma erfolgreich abschließen kann.

musikwoche.de: Wie erklären Sie den gegenwärtigen Erfolg von Musica?

Herbert R. Kollisch: Als ich vor nunmehr eineinhalb Jahren die Geschäftsführung von Musica übernahm, führte ich eine Restrukturierung durch, die sowohl mit der Einstellung neuer Mitarbeiter als auch mit der kompletten Auslagerung der Promotion an Josef Schartner und sein Team einherging. Zugleich war ein wichtiger Schritt die Vertriebsübernahme des Labels SPV seit Oktober des Vorjahres, ebenso wie von PIAS Recordings. Im Moment jedoch gilt es, das Label Roadrunner, das uns Ende des Jahres verlassen wird, zu kompensieren.

mw: Was wird aus Roadrunner in Österreich?

Kollisch: Roadrunner wechselt ab Januar 2003 in den Universal-Vertrieb.

mw: Wie liegen die Nummer-eins-Acts Nickelback und Naidoo im Verkauf?

Kollisch: Das Nickelback-Album „Silver Side Up“ liegt knapp vor Platin, und Xavier Naidoo hat Gold-Status. Dass Naidoo Erfolg haben würde, war kalkulierbar, aber ein Senkrechtstarter wie Nickelback passiert einem natürlich nicht jeden Tag und ist ein wahrer Glücksfall.

mw: Wie schätzen Sie die Entwicklung des österreichischen Marktes in diesem Jahr ein?

Kollisch: Trotz aller Erfolge ist das Geschäft generell und in Österreich besonders angespannt und schwierig – speziell durch die zwei Super-Key-Accounts Libro und Media-Saturn, die sich mindestens 70 Prozent des Marktes aufteilen. Wie man hört, spitzt sich die Situation bei Libro erneut dramatisch zu. Sollte es zu einem ähnlichen Szenario wie im letzten Jahr kommen, als die Libro-Verluste in keinster Weise kompensiert werden konnten, dann wäre das für den österreichischen Tonträgermarkt geradezu fatal. Zudem haben wir die Probleme CD-Brennerei und Downloading, die die Majors – durch ihre enorme Bandbreite möglicherweise – noch leichter verkraften können als kleine Firmen wie Musica, die auf einzelne Glücksfälle wie Nickelback angewiesen sind. Hinsichtlich der Brennerei sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels, und ich begreife nicht, warum die Möglichkeiten des Kopierschutzes nicht konsequenter angewandt werden. Ich kann nicht verstehen, warum man hier nicht vereint und zu 100 Prozent vorgeht.

mw: Sie kennen den deutschen Markt aus langjähriger Erfahrung – wie würden Sie den österreichischen Markt im Vergleich charakterisieren?

Kollisch: Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Anteil nationaler Produktionen die deutschen Charts in wesentlich höherem Maß beein-flusst als die österreichischen. Dazu kommt – wie erwähnt – die Abhängigkeit in Österreich von zwei Super-Key-Accounts. Eine generelle Marktschwäche ist in beiden Ländern gleichermaßen zu verzeichnen.

mw: Welchen Anteil am Musica-Umsatz hat der Großraum Wien?

Kollisch: Rund 50 bis 60 Prozent.

mw: Sie leben in Deggendorf und arbeiten in Wien – möchten Sie nicht umziehen?

Kollisch: Meine Aufgabe in Wien ist nur temporär zu sehen – bis die Umstrukturierung und Neupositionierung von Musica abgeschlossen ist.

mw: Was gefällt Ihnen als gebürtiger Hanseat an Wien?

Kollisch: Ich kann nicht wie Robert Stolz von Wien als der Stadt meiner Träume sprechen. Das liegt aber auch daran, dass ich im Hotel wohne und jede Stunde während meines zweieinhalbtägigen, wöchentlichen Aufenthaltes voll durchgeplant ist.

mw: Wie sehen Sie die mittelfristige Zukunft von Musica?

Kollisch: Es läuft alles nach Plan, wir liegen voll auf Kurs und werden unsere Budgets bis Ende des Jahres erreichen, es sei denn, wie schon erwähnt und befürchtet, die Libro-Krise holt uns ein. Produktmäßig freuen wir uns auf die neue Single von Nickelback-Frontmann Chad Kroeger, zugleich der Titelsong zum Kinofilm „Spider-Man“, der bereits die Rekorde von „Titanic“ zu brechen beginnt. Hier erwarte ich eine Top-drei-Platzierung ebenso wie mit Xavier Naidoos neuer Single „Bevor Du gehst„. Mit den vielen interessanten Produkten von PIAS haben wir eine exzellente Produktlage. Zudem lautet mein Ziel, den Verlust von Roadrunner Ende 2002 zu kompensieren.

mw: Musica war einst Hochburg österreichischer Popstars. Wollen Sie mittelfristig an diese Tradition anschließen?

Kollisch: Sicher, aber unter dem Motto „step by step“. So planen wir für heuer den Release von zwei heimischen Acts, einen deutsch- und einen englischsprachigen. Dabei handelt es sich um einen völligen Newcomer und um einen Act aus der hiesigen Live-Szene. Mehr möchte ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt darüber aber nicht verraten.