Recorded & Publishing

Lou Pearlman und Jan Bolz: „Die Musik- und Radioszene in Deutschland ist offener“

Lou Pearlman, President Transcontinental Records, gilt als „Erfinder“ von Boygroups. Jan Bolz, Geschäftsführer BMG Ariola München, feiert derzeit Erfolge mit Formationen wie O-Town und Natural, die von Pearlman entdeckt und aufgebaut wurden. Im Interview mit musikwoche.de sprechen die beiden über ihre langjährige Geschäftsbeziehung, kündigen ein neues TV-unterstütztes Tonträgerformat an und beleuchten die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und deutschen Markt.

mw: Wo haben sie sich zum erstenmal getroffen?

Jan Bolz: Vor sieben Jahren in Malaysia auf einer International-Marketing-Tagung der BMG. Lou Pearlman präsentierte eine damals noch unbekannte Band, die Backstreet Boys. Niemand war zu diesem Zeitpunkt am Signing neuer Boybands interessiert. Wir von der deutschen Seite sahen ein Potenzial bei diesen Jungs und wollten ihnen eine Chance geben. So trafen wir uns mit Lou Pearlman. Das war im August/September und im Dezember konnten wir die erste Goldauszeichnung in Deutschland vermelden.

Lou Pearlman: Da ich mit meiner Fluglinie bereits öfters in Deutschland war, wußte ich vom Erfolg von Boybands wie Take That, Caught In The Act oder Bed & Breakfast bei den deutschen Fans, vor allem den weiblichen. Da war ich mir sicher dass es auch mit den Backstreet Boys hier funktionieren würde.

mw: Worin unterscheiden sich der deutsche und amerikanische Markt im Wesentlichen?

Lou Pearlman: Deutsche Fans sind sehr treu, wenn sie einmal einen Künstler in ihr Herz geschlossen haben. In Amerika gibt es nur einen kleinen Kreis von Hardcore-Fans. Die Musik- und Radioszene in Deutschland ist offener gegenüber Neuerungen in der Popmusik, als dies in den USA der Fall ist. So ist für uns der GSA-Markt zur Etablierung neuer Künstler, wie bei den Backstreet Boys, ‚N SYNC oder LFO, sehr wichtig, bevor wir dann in die USA gehen. Die Arbeitsmethoden sind aber international die selben.

mw: Ist die Zusammenarbeit von Musikfirmen und TV-Stationen für Sie eine ideale Kombination? Lou Pearlman: Ohne Fernsehen ist es heutzutage sehr schwer einen Künstler zu breaken. Wir waren die ersten weltweit, die im Rahmen einer Reality-TV-Show eine Gruppe zusammengestellt haben. Aufgrund unseres Erfolges mit Backstreet Boys, ‚N SYNC und LFO kam MTV auf uns zu und wollte sehen, wie wir diese Gruppen zusammengestellt haben, wie die Arbeit aussieht. So entwickelten wir vor knapp drei ein halb Jahren das Konzept von „Making The Band“, aus dem dann O-Town hervorging. O-Town war das erste Signing für Clive Davies neues Label J Records und erfolgreich auf der ganzen Welt. Im Gegensatz zu ähnlichen Projekten in anderen Ländern wie „Popstars“ in Deutschland oder „Pop Idols“ in Großbritannien – hier war der Verkaufserfolg der daraus hervorgegangenen Bands bislang immer regional begrenzt.

Jan Bolz: Aus meiner Sicht ist das Fernsehen eines der wichtigsten Promotion-Partner der Musikindustrie. Auch wenn es keine billige Angelegenheit ist, mit den Sendern zusammenzuarbeiten.

mw: Kehren die Plattenfirmen in absehbarer Zeit wieder zum traditionellen Weg der Bandzusammenstellung zurück? Oder wird „Popstars“ auch in einigen Jahren noch erfolgreich sein?

Jan Bolz: „Popstars“ war ein sehr schönes Tool, eine schöne Show, aber es funtioniert ein-, zwei-, vielleicht auch dreimal. Aber nach einer Weile hat der Konsument dann auch wieder genug davon, denn er will nicht zehnmal das Gleiche sehen. „Popstars“ wird wohl den selben Weg gehen wie „Big Brother“. Ich respektiere wirklich die Arbeit der daran Beteiligten, aber man kann eine Zitrone nicht zehnmal ausquetschen.

mw: Herr Pearlman, wie würden Sie sich selbst bezeichnen? Als Manager im traditionellen Sinne oder als Designer?

Lou Pearlman: Ich komme ja nicht aus dem Musikgeschäft. Ich spielte zwar Gitarre in einer eigenen Band und mein Cousin ist Art Garfunkel. So wuchs ich also mit Musik auf, stand aber immer „outside the box“ wie wir in Amerika sagen. In meiner Unternehmenslaufbahn arbeitete ich nie auf traditionelle Art und Weise, sondern machte auch aggressive Promotionarbeit. Zum Beispiel stellten wir Radiostationen kostenlos für Promozwecke ein Flugzeug mit dem Schriftzug Backstreet Boys zur Verfügung, wenn sie dafür fünfmal am Tag ein Lied von ihnen spielen. Ein besondere Marketingaktion führten wir mit der Handelskette Claires’s mit 3000 Shops durch. Die Filiale, die die meisten CDs verkaufte, gewann einen Auftritt von Natural. Außerdem konnte in einem Gewinnspiel ein Schul-Auftritt gewonnen werden. So verkauften wir insgesamt über 800.000 Natural-CDs, 500.000 davon bei Claire’s. Damit kamen wir mit Natural auf Platz 8 der US-Single-Charts – und das ohne Plattenvertrag. Wir haben die Jungs Jan vorgestellt, und jetzt stehen wir auf Platz 12 in Deutschland. Ich bin nicht nur ein Manager, der mit der Musikindustrie zusammenarbeitet, sondern ich bin ein „Creator“ auf der Suche nach Businees Opportunities. Ich versuche dabei immer wieder neue Promotion- und Marketingmöglichkeiten zu finden.

mw: Spielt die Qualität der Musik überhaupt noch eine Rolle, wenn hauptsächlich die Marketingaktivitäten stimmen müssen?

Lou Pearlman: Na ja, man muss schon das richtige Fahrzeug, eine gute Band haben. Die Künstler, die Musik, die Songs sind die Basis für den Eintritt ins große Geschäft. Aber es ist schon mehr nötig für den Erfolg: Möglichkeiten für Promotion und Marketing. Fernsehen ist ein Tool dabei, das, seitdem es dieses Medium gibt, von der Musikindustrie benutzt wird. Aber eine eigene Fernsehshow aufzuziehen, ist schon noch einmal eine andere Sache.

Jan Bolz: Um es kurz zu machen: ohne musikalische Qualität lohnen sich alle Anstrengungen in diese Richtung nicht. Es funktioniert in manchen Einzelfällen, aber mit Sicherheit nicht international.

Lou Pearlman: Es ist wie beim Kartenspiel, wenn man sein Geld einsetzt, muss man auch gute Karten in der Hand haben, um letztlich auch zu gewinnen.

mw: Aber haben die Plattenfirmen nicht ein Imageproblem, wenn beim Konsumenten der Eindruck vorherrscht, es gehe mehr um Promotion als um die Musik?

Jan Bolz: Wir haben einige Fehler gemacht und hoffentlich daraus gelernt. Vor allem durch die Big-Brother-Acts aus dem Container entstand der fälschliche Eindruck, jeder könne berühmt werden, auch ohne singen zu können. Aber wir werden dazu zurückkehren, nur mit talentierten Künstlern zusammenzuarbeiten. Langfristig akzeptiert der Konsument, so hoffe ich, nichts außer guter Qualität. Die TV-Serien, die Hits produzieren, halten vielleicht noch ein Jahr. Auf der internationalen Ebene, auf der wir arbeiten, zählt nur Top-Qualität. Lou Pearlman: Wieviele aus den Fersehshows hervorgegangene Künstler haben es denn bislang über ihre Landesgrenze hinaus geschafft? Das ist genau die Frage, die sich die Plattenfirmen stellen müssen. Für die TV-Sender reicht der nationale Erfolg. Wenn die Musiker aber nur innerhalb ihres Landes Erfolge vorweisen und keine anderen Märkte erobern können, muss man sich die Frage nach der Seriosität in Bezug auf die Musik stellen.

Jan Bolz: Aber andererseits gab es wirklich einen Markt für solche Formate. Für die Konsumenten war es einfach interessant, mal einen Blick „Behind The Scenes“ werfen zu können. Aber nach zwei, höchstens drei Jahren ist das dann auch wieder vorbei.

mw: Kommt „Making The Band“ auch nach Deutschland?

Lou Pearlman: Es lief bereits auf MTV und bereitete den Weg für den europaweiten Erfolg von O-Town. Jetzt liegt es an der Gruppe, als richtige Band weiter zu machen. Eine neue Staffel dieser Sendung wird es nicht mehr geben. Wir entwickeln derzeit aber an ein neues TV-Konzept, wollen aber noch nicht all zu viel darüber preisgeben. Sonst passiert uns dasselbe wie mit „Making The Band“, der berühmte Nachahmungseffekt. Aber nur soviel: es wird ein einzigartiges, innovatives neues Marketing-Tool sein, einfach zu verstehen und in Kooperation mit BMG.

Jan Bolz: Es ist ein internationales Projekt, an dem mehrere Länder und diverse TV-Stationen beteiligt sein werden: so etwa MTV, RTL als Teil der Bertelsmann-Familie, Disney Company und ABC. Es ist noch nichts unterschrieben, aber zu 80 Prozent wird sich RTL oder RTL II als natürliche Partner innerhalb der Bertelsmann-Strukturen beteiligen. Vor dem nächsten Jahr wird das Projekt aber nicht starten. Wie es genau abläuft, steht noch nicht fest. Womit wir bei diesem Projekt vor allem zu kämpfen haben, ist der Umgang mit verschiedenen Kulturen. Was in Deutschland erfolgversprechend ist, muss nicht unbedingt in Spanien gut laufen. Hier müssen wir einen guten Durchschnitt, den kleinsten gemeinsamen Nenner finden.

mw: Wo liegen die Unterschiede zwischen „Popstars“ und „Making The Band“?

Lou Pearlman: Die „Popstars“-Macher wandten sich mit ihrer Idee zunächst an uns, ob wir uns finanziell daran beteiligen wollen. Aber wir entschieden uns, nicht in diese Richtung mitzugehen, da unser Fokus mehr auf der Musik-Seite und hier auf der Kreation und Etablierung neuer Künstler liegt. Und das „Popstars“-Konzept ist nun mal eher für einen nationalen Markt ausgerichtet. Wir hingegen wollen weltweit agieren. Bei „Popstars“ sollten viele Gruppen geschaffen werden, die meisten davon Girlgroups. So gibt es viele konkurrierende Popstars-Gruppen, von denen aber keine über die Nationalitätsgrenzen hinaus Erfolge erreichen konnte. Unser Anspruch wäre es aber gewesen, die neuen Spice Girls zu finden. Ihr Schwerpunkt lag auf dem TV-Format, nicht auf dem Künstleraspekt. Die Künstler sind nur das Nebenprodukt.

mw: Besteht das Popstars-Konzept mehr aus Marketing als aus Musik?

Lou Pearlman: Zu Hundert Prozent Marketing mit einer Fernsehshow. Natürlich ist auch Musik Bestandteil des Konzepts. Immerhin wurden eine Menge Platten verkauft. Aber wenn Sie mich fragen, ob auch ohne TV-Show so viel verkauft worden wäre, dann ist die definitive Antwort: Nein. Sie brauchten die begleitende Fernsehsendung. Das werden die Popstars-Macher auch zugeben. Aber auch wir geben das in Bezug auf den Erfolg von O-Town zu.

Jan Bolz: Aber um das klarzustellen: Wäre ich ein Verantwortlicher für den Erfolg der Popstars, wäre ich jetzt stolz, denn sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Denn man muss auch sagen, dass auch eine derartige Marketingkampagne und die Fernsehsendung garantieren noch lange keinen derartigen Erfolg. Da steckt auch gute Produktionsarbeit, die schließlich zu den Hits führte, dahinter.

Lou Pearlman: Am Ende muss man auch sagen: A Hit Is A Hit. Und es liegt auch nicht daran, dass es die Deutschen oder wer auch immer weniger gut könnten. Der nationale Bezug ist in diesem Fall stärker, und so ist der Marktanteil in diesem Falle auch stärker als etwa bei „Making The Band“.

Jan Bolz: Auch die Big-Brother-Musik war nicht so schlecht, vielleicht die Künstler, aber nicht die Musik, die dahinter stand.

mw: Sind die „Teenstars“ Ihrer Ansicht nach zu jung?

Lou Pearlman: Aaron Carter war auch erst zehn Jahre, als ich anfing mit Ihm zu arbeiten. Das Problem sind oft eher die Eltern.

Jan Bolz: In Deutschland gibt es nicht diese Kultur und Geschichte, schon Jugendliche in das Entertainment-Geschäft zu schicken. Etwa in den MickyMouse-Club…

Lou Pearlman: Talentierte Kids gibt es in Relation zur Einwohnerzahl gesehen aber überall auf der Welt.

Jan Bolz: Nur die Umgebung für talentierte Kids ist in den USA besser. Bei uns gibt es mehr Neid und weniger Respekt für solche Arbeit.

Lou Pearlman: Auf lange Sicht ist es eine psychologische Frage, ob ein Jugendlicher und sein familiäres Umfeld mit damit verbundenen Problemen, denen ’normale“ Jugendliche nicht gegenüber stehen, umgehen kann. Bei „Making The Band“ gibt es die klare Altersgrenze von 18 Jahren, um bestimmte altersbezogene Probleme zu vermeiden.

mw: Ist es ein Weg für die Zukunft bereits vor Erscheinen der Platte eine Medienkooperation abzuschließen, wie im Falle von Natural und RTL geschehen?

Jan Bolz: Ich will jetzt nicht sagen, dass das eine einmalige Angelegenheit war, aber ich glaube nicht, dass es ein Zukunftsmodell ist, das wir jetzt immer anwenden. Aber in diesem Fall waren wir uns sicher, dass wir die Medienunterstützung hatten, die wir brauchten, um diesen Act zum Erfolg zu führen. Das ist unser Konzept: Zunächst hier in Deutschland und Europa Erfolge zu erzielen, und sie dann nach Amerika, in ihre Heimat zurück zu bringen. Zum einen können sie die Erfolge auf einem für sie fremden Markt hier vorweisen, und zweitens sie sind trainiert und vorbereitet auf den amerikanischen Markt, wo hundert Prozent absolute Professionalität verlangt und keine Fehler geduldet werden.

Lou Pearlman: Die Backstreet Boys sind zunächst in Amerika gleich wieder aus den Charts geflogen, dann gingen sie nach Deutschland und beim zweiten Mal funktionierte es auch in den Staaten.

mw: Was ist speziell am deutschen Markt, um sie hier ins Trainingslager zu schicken?

Lou Pearlman: Die deutschen Radiosender spielen mehr Boybands als in Amerika. In den USA sagen die Radiostationen bei einer Boyband: Das spielen wir nicht. Wir hatten die Probleme dort mit allen Bands. In Deutschland steht der Song im Vordergrund. Ist er gut, wird er gespielt und folglich von den Hörern auch gewünscht.

Jan Bolz: Hier haben wir uns inzwischen auch persönliche Beziehungen aufgebaut. Hätten wir die in Frankreich, würden wir dort genauso agieren.

mw: Wie ist die Verbindung und Arbeitsteilung zwischen BMG und Transcontinental Records?

Jan Bolz: Da steht ein ganzes Team dahinter, das die Entscheidungen letztlich gemeinsam trifft. Es gibt auch viele Diskussionen, da wir nicht immer von Anfang an einer Meinung sind. Und am Schluss steht immer eine Vereinbarung. Die wichtigste Frage ist immer: Was wird die nächste Single? Das Geheimnis hinter der Musik liegt oft beim Produzenten, der alles richtig zusammenfügt. Sie machen die Hits, indem sie etwa nur eine Kleinigkeit an einem Song ändern. Das ist vielleicht nur fünf Prozent der Arbeit an einem Titel, aber oft die entscheidende Stelle. Was einen Hit nun genau ausmacht, können wir nicht sagen. Wir bringen unsere Meinungen ein, aber die entscheidenden fünf Prozent liegen beim Produzenten.

mw: Wie genau ist die Beziehung zwischen BMG Ariola und Transcontinental Records? Handelt es sich um einen Label-Deal oder eine First-Option-Verienbarung?

Jan Bolz: Beides. Wir haben einen Label-Deal, wobei manche Projekte wie ein Joint Venture behandelt werden. Es besteht aber auch die Möglichkeit einer, wie Sie es nennen „First Option“. Lou Pearlman stellt uns Künstler vor, wo wir dann ja oder nein sagen können. Wir sagen dann nein, wenn wir denken, dass dieser Künstler für den deutschen Markt nicht geeignet ist. C-Note, Take Five sind Beispiele hierfür. Beide waren erfolgreich in den USA. Kurz gesagt: Zwischen uns gibt es keine konkrete allgemein gültige Vereinbarung. Vielmehr entscheiden wir bei jedem Projekt, welche Form der Zusammenarbeit die geeignete ist, so wie aktuell bei der Kooperation mit RTL.

mw: Gibt es in Deutschland vergleichbare Managertypen wie Lou Pearlman? Gibt es hier einen Mangel an solchen Typen?

Jan Bolz: Definitiv einen Mangel. Die durchschnittliche Qualität des deutschen Managements ist nicht so gut wie dies in UK oder USA der Fall ist.

mw: Warum?

Jan Bolz: Wir haben die Leute nicht entsprechend ausgebildet, so fehlt ihnen auch die nötige Erfahrung. Da müssen wir als Platten-Industrie daran arbeiten und in der Vergangenheit gemachte Fehler ausbügeln. Ein Manager ist darüber hinaus sehr wichtig für den Erfolg einer Gruppe und auch sehr wichtig für die Musikindustrie, auch wenn es oft zu harten Auseinandersetzungen kommen kann. Ein gutes Beispiel ist Johnny Wright, der es uns nicht immer einfach macht, bei dem aber seine Künstler im Vordergrund stehen. Auch mit Lou Pearlman sind wir nicht immer einer Meinung, aber solange er uns Erfolge bringt, folgen wir ihm.

mw: Muss ein Manager auch mal aus dem Hintergrund ins Rampenlicht treten, so wie Sie?

Lou Pearlman: Prinzipiell sind die Künstler für die Show und die Manager für das Business zuständig. Ein Manager muss gewisse Entscheidungen treffen, und auch für seine Überzeugungen eintreten. Trotzdem soll er auch für andere Ansichten offen sein. Es ist ein Geben und Nehmen, wie in einer Ehe.

Jan Bolz: Manager sollten schon an vorderster Front stehen und die wichtigen Entscheidungen treffen, aber nicht versuchen selbst der Star sein. Lou Pearlman ist in dieser Beziehung eine Ausnahme und nicht der Normalfall

mw: Muß auch die Qualität des Managements in den Plattenfirmen selbst auf den Prüfstand gestellt werden?

Lou Pearlman: Mit Sicherheit. Ich war mit den Backstreet Boys bei vielen Plattenfirmen vorstellig, und keiner wollte sie. Jan und mich verbindet eine Vision: Er sieht, was andere nicht sehen.

Jan Bolz: Die Fragestellung ist richtig. Gerade in der heutigen Zeit.

Lou Pearlman: In jedem Wirtschaftszweig müssen gute Wirtschaftsführer „Entrepreneurs“ sein, die bereit sind, kalkulierte Risiken, auch finanzieller Art, einzugehen. Bevor die Backstreet Boys oder ‚N SYNC Gewinn abwarfen, habe ich mehrere Millionen Dollar investiert. Aber auch die Plattenfirmen müssen dazu bereit sein, von Fall zu Fall eine Million zu investieren.

Jan Bolz: Aber nicht jeder, der einmal Erfolg hat, ist gleich ein Entrepreneur. Vielmehr zeichnet er sich dadurch aus, über einen längeren Zeitraum erfolgreich zu sein.

Lou Pearlman: Hinter jedem unserer Erfolge steckt eine andere Geschichte in Bezug auf Konzept, Künstler oder Methode. Aber alles sind Erfolge. Ein Unternehmer, der alles immer auf dieselbe Art und Weise durchführt, darf sich nicht Entrepreneur nennen. Unsere Marketingmethoden sind beispielsweise immer angepasst, ob es nun die Aktion mit Natural bei Claire’s war oder die Backstreet Boys oder die TV-Show mit O-Town.

mw: Was halten Sie von den Restrukturierungsmaßnahmen, die EMI seit einiger Zeit durchführte?

Lou Pearlman: Wir freuen uns schon auf Künstler, die wir von der EMI übernehmen können… Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass Alain Levy mit seiner Erfahrung Stellen streicht, mit denen er Geld verdienen könnte. Er wird seine Gründe gehabt haben. Aber die Frage ist: Warum blieben die Leute so lange bei der Firma, wenn ein Mann und eine Strategie sich dann so schnell davon trennen? Entweder hat er Recht oder seine Vorgänger. Das Ganze steht wohl auch in Verbindung mit den gescheiterten Übernahmeversuch von Bertelsmann im vergangenen Jahr und eventuellen neuen Verhandlungen mit möglichen Fusionspartnern. Als Außenstehender scheint es für mich so, dass man sich auf die profitablen Unternehmensteile konzentriert, um dann eventuell von einem Partner gewinnbringend übernommen werden zu können.