Recorded & Publishing

Jürgen Otterstein, OK Visions und Tru Note Records: „Nichts kann Erfahrung vor Ort ersetzen“

Die Bundeshauptstadt Berlin entwickelt auch auf die Musikbranche eine immer stärker werdende Anziehungskraft. Als einer, der mit seinem neuen Label Tru Note Records dennoch in Hamburg bleiben will, schätzt Jürgen Otterstein im Gespräch mit musikwoche.de die Chancen der Hansestadt als Standort für ein Musikexportbüro ein.

musikwoche.de: Braucht die deutsche Musikbranche überhaupt ein Musikexportbüro?

Jürgen Otterstein: Gegenfrage: Braucht die englische Musikbranche ein Music Office in New York, wie es gerade die englische Regierung und der UK-Phonoverband beschlossen haben und wie es für 400.000 Euro jährlich im nächsten Jahr die Arbeit aufnimmt? Die Antwort lautet offensichtlich „ja“. Und was uns in Deutschland angeht, ist die Antwort: „Ja, ja, ja“.

mw: Wo sollte der Standort eines solchen Büros liegen?

Otterstein: Wichtiger als die Standortfrage ist sicherlich zunächst eine überzeugende Aufgaben- und Zieldefinition für das Office, wobei ich die Bezeichnung „Musikexportbüro“ etwas unglücklich gewählt finde. Sinn und Zweck der Einrichtung darf wohl kaum sein, strukturelle Defizite, die manche Majors in den hauseigenen internationalen Marketingabteilungen haben, auszugleichen. Eine von vielen Fragen ist auch, wie man sich zum Goetheinstitut abgrenzt, das mit 300 Millionen Euro jährlich unterstützt wird und zu dessen verbindlichen Kulturaufgaben auch Konzerte mit klassischer Musik, Jazz, Pop, Rock und HipHop gehören. Das englische Music Office will sich nach drei Jahren selbst finanzieren. Auch dies ist ein interessanter Ansatz, weil es den kommerziellen Schwerpunkt der Arbeit betont.

mw: Wie viele CDs hat OK Visions als Produktions- und Management-Company von Sarah Brightman und Gregorian mittlerweile weltweit verkauft?

Otterstein: Wir sind nun genau seit fünf Jahren weltweit aktiv und kommen auf fast 15 Millionen verkaufter CD-Alben, wobei Sarah Brightman allein 13,5 Millionen verkauft hat, und die Hälfte davon in den USA.

mw: Hätten es mit einem Musikexportbüro ein paar CDs mehr sein können?

Otterstein: Kann ich mir nicht vorstellen. Man darf ein solches Office nicht mit Wunschdenken belasten. Wie in jedem Geschäft sind Know-how und Kontakte entscheidend, und das alles erwirbt man, wenn man sich sehr intensiv mit den Märkten beschäftigt und Mobilität zeigt. Nichts kann die Erfahrung und den kreativen Einblick vor Ort ersetzen. Außerdem müssen die Märkte die persönliche Anwesenheit der Künstler erleben. Genau das haben wir die letzten Jahre gemacht. Unsere Überlegungen fangen grundsätzlich bei den Produktionen an. Die Fragen lauten, wo sind wir sehr gut, wo sind die anderen besser – und dabei haben wir dann den internationalen Markt immer im Visier.

mw: Wer sind Ihre Partner bei Sarah Brightman und Gregorian?

Otterstein: Im Fall Sarah Brightman haben wir in den ersten vier Jahren mit Warner in Europa und mit EMI im Rest der Welt zusammengearbeitet. Seit einem Jahr ist die Künstlerin weltweit exklusiv bei Capitol in Los Angeles unter Vertrag. Dies bedeutet, dass aufgrund der neuen weltweiten EMI-Konzernstruktur von Alain Levy und David Munns ihre nächsten Alben überall bei Capitol erscheinen. Gregorian ist bei edel unter Vertrag. Hier gibt es ein Netzwerk aus eigenen Gesellschaften, Gesellschaften mit edel-Beteiligung und Lizenznehmern.

mw: Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen OK Visions und den beteiligten Plattenfirmen aus?

Otterstein: Wir tun immer das eine, ohne das andere zu lassen. Im Klartext: Wir unterstützen die jeweiligen Exploitation-Abteilungen der Konzerne, aber gleichzeitig haben wir direkten Kontakt mit den Landesgesellschaften in allen wichtigen Ländern. Das macht aber nur Sinn, wenn man Kenntnis von den Märkten hat und die Stärken und Schwächen der jeweiligen Company kennt. Sonst wird man schnell zum Nerver abgestempelt und wundert sich über Blockaden. Dieser Prozess ist niemals abgeschlossen. Man muss ständig fokussieren, sonst verschwindet man im großen Stapel.

mw: Mit Tru Note haben Sie ein neues Label gegründet. Wie sieht da das Konzept, wie die Zielsetzung aus? Welche Künstler haben Sie unter Vertrag?

Otterstein: Tru Note wurde im letzten Sommer gegründet und war in gewisser Weise eine Reaktion auf die Tatsache, dass sich die Industrie fast nur noch mit den Problemen der Distribution von körperloser Musik beschäftigt und weniger mit den Köpfen, die Musik machen. Wie der Name schon impliziert: Wir suchen das Echte. Das bezieht sich auf die Künstler, auf die Musik, auf die Ideen. Das kreativ Echte stellen wir vor die kommerzielle Überlegung, weil wir glauben, dass mit Qualität das Bedürfnis wächst. Unser erster Künstler ist David Knopfler, dessen Album „Wishbones“ sein bisher bestverkauftes geworden ist. Momentan arbeiten wir mit der süddeutschen Kultband Waikiki Beach Bombers im Studio – Jon Caffrey, Produzent aller Alben der Toten Hosen, produziert das Album für uns in den Diercks Studios. Christian Mörken, der bei Tru Note für A & R verantwortlich ist, hat zwei weitere Eisen für dieses Jahr im Feuer.

mw: Sie haben edel-Kapitän Michael Haentjes in schwerer See sozusagen als Lotse zur Seite gestanden. Liegt das Schiff nun, da die schlimmsten Stürme überstanden scheinen und mit Jörg Hellwig ein neuer Steuermann an Bord ist, wieder auf Kurs? Wie sehen Sie die Chancen der Firma?

Otterstein: Michael Haentjes und mich verbinden etliche gemeinsame Erfolge, und ich vertrete die Ansicht, wenn es edel heute nicht gäbe, müsste man edel erfinden. Die Majors sind mehr oder weniger allesamt mit sich und ihren strukturellen Veränderungen beschäftigt, und edel bietet eine echte Alternative. Dies allein ist allerdings keine Existenzberechtigung, aber was bei edel im letzten halben Jahr passiert ist, stellt nun Vorteile gegenüber den Rivalen in den Vordergrund. Es besteht eine unheimliche Bereitschaft, mit Hingabe zu handeln – dieser Zustand war aus verschiedenen Gründen im letzten Jahr nicht mehr vorhanden. Nach meiner Überzeugung fängt für edel erst alles richtig an, weil man jetzt echte Werte und Vorteile für die Company schaffen und Initiative am Markt ergreifen wird. Bisher hatte edel vom Neuen Markt zu sehr künstliche Flügel. Jetzt hat man ein Management, das glaubwürdig und kompetent die neue A&R-Strategie personifiziert. Außerdem hat das neue Hamburger Head Office die internationalen Strukturen völlig überholt.

mw: Welchen guten Rat geben Sie der neuen Hamburger Kultursenatorin Dana Horakova, wenn sie den schwindenden Stellenwert der Hansestadt für die Musik- und Entertainmentbranche wieder aufpäppeln möchte?

Otterstein: Die neue Kultursenatorin ist eine sehr kompetente Frau, und sie steckt voller Ideen und Tatendrang. Dieses Profil und diese Denkhaltung fehlten bisher bei Entscheidungsträgern in der Stadt. Hamburg hat für sich in der Vergangenheit immer den Slogan „Tor zur Welt“ reklamiert. In den letzen Jahren sind allerdings durch dieses Tor mehr Kreative und Unternehmen hinausgegangen als hereingekommen – in meinen Augen ein einziges Desaster. Ich habe während eines Treffens mit ihr bei Michael Haentjes den Eindruck erhalten, daß Frau Horakova eine Macherin ist und weiß, was sie will. Sie will beispielsweise vier Mal im Jahr einen sehr anspruchsvollen Kultursalon durchführen, einen kommunikativen Treff zwischen Wirtschaft, Politik und Medien auf sehr hohem Niveau. Sie wird diesen Kultursalon im neuen edel-Gebäude an der Elbe veranstalten, da dort das Ambiente geradezu ideal ist. Dies ist ein Ergebnis der neuen Zusammenarbeit zwischen Salaction PR und dem edel-Vorstand. Das „Musikbüro“ interessiert Frau Dr. Horakova auch sehr. Die richtige Einstellung ist also vorhanden. Nun müssen Ideen her, und dafür sind wir als Industrie mitverantwortlich.

mw: Vermissen Sie manchmal Ihren früheren Job als Chef von eastwest records?

Otterstein: Ich vermisse den Job in gar keiner Weise. Das mag vor allem daran liegen, dass ich die Company von mir aus verlassen habe, und das auf dem Höhepunkt von eastwest. Meine Erfahrung ist nun, dass man den Schlüssel für neue Jobbefriedigung erst in die Hand bekommt, wenn man eine Tür hinter sich zumacht.